Balkan 2017

Balkanreise 2017

Einführung

„Nah – und doch so fern“, so präsentierten sich die Länder des Balkan in unserer Vorstellung. Die beliebten jugoslawischen Reiseziele der Tito-Ära standen nie auf der Agenda unserer Eltern, an die anderen jugoslawischen Teilrepubliken wie Mazedonien war eh nicht zu denken, geschweige denn an Länder wie Albanien, das ja eh erst seit einigen Jahren tatsächlich zum Reiseland geworden ist.

Letzteres hatten wir – mit Anrainern – schon im vergangenen Jahr unter die (Zwei)räder genommen, was allerdings eher als (wohlschmeckender) Appetizer durchgehen konnte. Zwar sind die Länder in der Gegend allesamt klein, für ein wirkliches Kennenlernen, wie wir es etwa bei der Türkei erlebt haben, waren die vier Wochen trotzdem viel zu knapp. Aber zumindest konnten wir etwas Einblick nehmen und eine Idee davon bekommen, was noch wenigstens einen weiteren Besuch wert wäre und was wir noch komplett versäumt haben. Diese Erinnerungen aus 2016 noch im Hinterkopf, ging es dann auch schnell wieder an die Planungen für das nächste Frühjahr. Albanien als Kernziel stand wiederum fest, dazu noch Ergänzungen aus der Peripherie.

Irgendwann brachte ich den Gedanken auf: „Wie wär’s? Wenn ich genügend attraktive Zwischenziele finde, wollen wir dann mal auf den Moppeds anreisen?“ Das wäre ein Bruch mit der Tradition, beide Strecken – hin und zurück – per Spedition und Flieger hinter uns zu bringen. Als ich dann in die konkrete Planung einstieg, habe ich den Vorschlag fast bereut, denn schnell erwiesen sich die zu durchquerenden Länder als fast zu schade für einen schnöden „Transit“. Aber der Entschluss stand: hin über Österreich, Slowenien, Bosnien-Herzegowina und Montenegro, zurück in bewährter Manier per GermanWings und Bike-on-Board von Thessaloniki.

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25. Mai 2017 (Himmelfahrtstag): Lüdenscheid–Voralpenkreuz (A)

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Um die Nachbarn am Feiertag nicht unnötig früh aus dem Bett zu schmeißen, haben wir unsere im Blick auf Technik und Ausrüstung unveränderten Motorräder am Vorabend komplett aufgerödelt in der nebenan gelegenen Lagerhalle meines (seinerzeitigen) Arbeitgebers untergestellt. Schönwetterwölkchen versprechen zumindest einen angenehmen Start in die lange Etappe. Sieben Uhr, exakt 700 Kilometer ausschließlich Autobahn liegen vor uns – keine Wonne, aber durchaus verkraftbar, zumal sich das Wetter als optimal für einen solchen Fahrtag erweisen sollte. Allerdings ist die „Bahn“ ziemlich voll – dem Feiertag, zumal als Start eines langen Wochenendes, geschuldet. Heute dürfen keine LKW fahren, morgen hingegen doch schon wieder, was dazu führt, dass restlos jedes Eckchen auf Parkplätzen und Raststätten mit wartenden Trucks belegt ist, teilweise irrwitzig geparkt, so, dass wir manchmal selbst mit den Motorrädern kaum Platz finden.

Dem Tipp eines Freundes folgend, haben wir diesmal vorgebucht und uns in einem Haus der „Landzeit“-Motelkette angemeldet. Die sind nicht ganz billig, dafür liegen sie „artgemäß“ direkt an der Autobahn und sind zudem auf Gäste für nur eine Nacht eingestellt. Schlag 16 Uhr treffen wir in Voralpenkreuz kurz hinter Wels ein, haben also, mit Pausen, gut neun Stunden gebraucht. Gut, dass ich das Abendessen mitgebucht habe, denn die Preise für die „Einzelkomponenten“ des Essens sind eine Frechheit: ein Extra-Portionswürfel Butter für einen Euro, ein (schlecht eingeschenktes) Glas Rotwein für € 6,90. Dafür ist es trotz Autobahnnähe sehr ruhig und komfortabel, entsprechend gut ausgeruht sind wir am nächsten Morgen.

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26. Mai: Voralpenkreuz (A)–Oroslavje (HR)

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Slowenien hatten wir bei einem Tagesausflug anlässlich einer längeren Wartezeit auf den Autoreisezug von Villach aus schon einmal „angekratzt“, heute durchqueren wir dieses Land nur fix – 60 Kilometer auf der Strecke von Graz nach Zagreb. Ziel unserer relativ kurzen Tagesetappe ist Oroslavje, ein kleiner Ort nördlich der kroatischen Hauptstadt. Für Österreich hatte ich uns wohlweislich das „Pickerl“, die Autobahnvignette, schon zu Hause besorgt, an Slowenien hatte ich nicht gedacht. Die beiden älteren deutschen Motorradfahrer, mit denen wir bei einer Rast ins Gespräch kommen, versichern uns, dass man die noch an der Grenze bekommen kann. Die beiden sind Richtung Rumänien unterwegs, wollen über das „Eiserne Tor“ an der Donau zunächst nach Bukarest. Tatsächlich bekommen wir problemlos unsere Vignette – eigentlich herausgeworfenes Geld für die halbe Stunde Autobahn!

Es könnte jedoch auch ein längerer Slowenien-Aufenthalt werden – das jedenfalls schießt mir durch den Kopf, als ich gewahr werde, dass das Flackern einiger Kontrolllampen in meinem Cockpit nicht nur einem kurzen „Verschlucker“ geschuldet ist. Rendel meldet über Funk, dass es zudem mein Rücklicht nicht tut, gut, dass wir gerade eine Tankstelle ansteuern. Also getankt und die Moppeds auf den Parkplatz geschoben. (Nicht clever. Wäre jetzt – nicht unwahrscheinlich – ein Abbau des Tanks angesagt, müsste ich 20 Kilo mehr wuchten …) Zwar bin ich elektrotechnisch nicht ganz unbewandert, eine nicht schnell zu identifizierende Störung der Bordelektrik gehört trotzdem zu den unwillkommeneren Pannen unterwegs. Okay, kein Grund, von einem „Worst-case“-Szenario auszugehen, die „Anamnese“ lässt eigentlich nur auf eine defekte Sicherung schließen. Das betreffende Teil ist anhand des mitgeführten Schaltplans schnell lokalisiert und mittels des ebenfalls zum Bordwerkzeug gehörenden Digitalmultimeters ebenso schnell durchgemessen. Aber das besch… Teil ist heile! Ausgerechnet jetzt macht sich ein bettelndes Mädchen an uns ran; sie und ihren Bruder habe ich schon länger aus dem Augenwinkel beobachtet. Ob es wirklich sachdienlich ist, mich ausgerechnet in dieser offensichtlich prekären Situation, neben einem abgerödelten und teilzerlegten Motorrad, anzusprechen? Ich für meinen Teil verneine diese Frage und schnauze das Mädchen entsprechend an – was zumindest die Wirkung nicht verfehlt. Okay, mir ist die Sicherung durchgebrannt – aber was ist mit dem Mopped? Ich ziehe die Sicherung noch ein, zwei Mal raus und wieder rein, nichts. (Ich erspare dem Leser die weiteren Maßnahmen, die sich im Wesentlichen darauf konzentrierten, Kabelbrüche oder Wackelkontakte in betreffendem Kabelstrang auszuschließen.)

Dann tat ich etwas, was man, wenn bei mir Wort und Tat immer übereinstimmen würden, eigentlich schon früher hätte erwarten können: Ich bete. Nein – auch ich glaube nicht, dass Gott einem immer gleich aus jeder Bredouille hilft, als Christ glaube ich jedoch schon (wenn auch nicht immer und „in hinreichender Intensität“), dass man konkret Hilfe erwarten kann. Also: „Herr, du siehst!“ „Miss doch nochmal die Sicherung …“ „Hab ich doch schon etliche Male!“ „Mach nochmal.“ „Okay, aber du wirst sehen!“ „Nun mach schon.“ „Oh Sch…! – Sorry: Oh wei, was ist denn das?“ Das Messgerät zeigt ∞, also eine Unterbrechung. Die Sicherung war nicht gleich und dann „richtig“ durchgebrannt, augenscheinlich war es ein alterungsbedingter Ermüdungsbruch, der sich etwas hinzog (was sich in der Rückschau mit meiner Beobachtung deckt, dass die Kontrollleuchten erst eine Zeitlang flackerten, bis sie ganz erstarben. Damit konnte ich auch ziemlich gewiss ein, dass kein Kurzschluss die Ursache war – dem hätte man dann zwingend auf den Grund gehen müssen, um Folgeschäden auszuschließen).

Was lernen wir daraus? a) beten hilft, und b) dass der oft zu hörende Rat, eine vermeintliche heile Sicherung zu wechseln, nicht unberechtigt ist …

Froh, unserer bislang ziemlich makellosen Pannenbilanz (auf über 2 x 70.000 km nur ein kaputtes Radlager) kein weiteres Kapitel hinzufügen zu müssen, schrauben wir alles wieder zusammen, rödeln auf und nehmen wieder Fahrt auf. Vorbei an Maribor halten wir auf die SLO-HR-Grenze zu, alles EU, alles ohne Kontrollen.

Auf Oroslavje wäre ich nie selbst gekommen, der Tipp mit der Pension Zagi kam von einem Motorradkollegen. Sechs Kilometer Abstand zur Autobahn sollten reichen, für die Nacht ruhig unterzukommen. Dieser Wunsch könnte mit der zeitgleich eintreffenden Reisegruppe kollidieren, die Senioren erweisen sich jedoch als gesittet. Spätestens morgen, so hatte ich mir vorgenommen, sollte der Urlaub „richtig“ beginnen, sprich: die ersten Sehenswürdigkeiten würden auf dem Programm stehen. Oroslavje scheint nicht dazu zu gehören, der Ort wirkt eher trist. Bei einem Spaziergang zeigen sich dann doch einige Relikte aus vorkommunistischer Zeit. Etwas skurril wirken die jetzt etwas verloren in der Landschaft stehenden Reste eines in französischer Manier angelegten Parks mit Putten und Delphinen. Ein echter Hingucker, nicht zuletzt für Freunde der so genannten „Lost Places“-Fotografie ist die, hinter riesigen Bäumen verborgene alte Burg – eher ein großes Herrenhaus – „Donja Oroslavje“, ein Barockbau aus dem Jahr 1770. Gut erhalten sind vor allem die allegorischen Wand- und Deckenmalereien, die zumeist Gestalten aus der griechischen Götter- und Sagenwelt zeigen. – Kein Ort, den man gezielt anfahren muss, aber doch ein unerwartetes Schmankerl am Wegesrand.

Für’s Abendessen kommt eine Pizzeria oder das pensionseigene Restaurant infrage – die Wahl fällt auf Letzteres. Die kess-freundliche Bedienung amüsiert sich über meine mehrfache Nachbestellung von Ajvar, dazu gibt’s dann aber noch gebratene Pilze, Salat, Hähnchen-Kebab mit Banane, Schweinefleisch mit Pfannkuchen sowie heimisches Bier und Wein. – In jeder Hinsicht ein vielversprechender Start in einen schönen Urlaub.

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27. Mai: Oroslavje (HR)–Jajce (BiH)

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Während ich mich bei der Planung unserer Türkei-Touren (gerne) auf mich selbst gestellt sah, habe ich für diese Tour ebenso gerne auf die Erfahrungen von Motorradkollegen zurückgegriffen. Heute sollte es nach Bosnien-Herzegowina gehen. Ein radelndes Paar, das wir mal in der Türkei trafen (auf dem Weg von Holland nach Japan), erzählte uns, dass „BiH“ das gastfreundlichste Land auf ihrer bisherigen Strecke gewesen sei. Das war auch das Positivste, was mir bis dahin zu diesem kleinen Land einfiel, alles andere hatte eher mit Krieg und Bürgerkrieg, mit Völkermord, mit Schrecken und „Srebrenica“ zu tun. An dieser Stelle kann nicht auf die Bürgerkriege nach dem Zerfall Jugoslawiens eingegangen werden, in denen wechselweise Nachbarn und Freunde zu erbitterten Feinden und dann unter Umständen wieder zu Alliierten wurden. Auf jeden Fall sind „Animositäten“ (um es vorsichtig auszudrücken) immer noch zu spüren, etwa an der politischen Zergliederung (entlang ethnischer bzw. religiöser Grenzen), oder auch, wenn man etwas tiefer mit Menschen ins Gespräch kommt.

Die Strecke über Sarajewo wäre geschichtsträchtig gewesen, wir entscheiden uns für die Alternative über Jajce (sprich: „Jaitze“) und Mostar. Hier wie dort scheint die Anfahrt durch sehenswerte Gegenden zu führen, häufig durch enge Schluchten. Wir haben uns noch offen gehalten, ob wir in der Stadt oder am Ufer des nahegelegenen Plivsko-Sees Quartier beziehen wollen, entscheiden uns dann aber für das „Starigrad“ („alte Stadt“) direkt unterhalb der Festung. Die Stadtansicht von Jajce, einer bosnischen Gründung aus dem 14. Jahrhundert, wird von dieser Festung und der daran angegliederten Altstadt dominiert, in die wir durch ein enges Stadttor einfahren. Dass wir uns auf historischem Boden bewegen, wird schon beim Beziehen unseres Hotelzimmers deutlich: Teile des Fußbodens im Foyer des „Starigrad“ sind aus dickem Glas, darunter die Reste eines römischen Bades. Schnell einigen wir uns, zwei Nächte zu bleiben, stimmen uns mit einem Gang zur Burg auf die Stadt ein. Das Areal ist weiträumig und bietet einen Rundumblick über die Gegend. Auffällig sind die vereinzelt an den Hängen sichtbaren Gräberfelder mit den weiß leuchtenden Kreuzen. Im Hotel scheint nicht ganz klar zu sein, ob sie auf Essengäste eingerichtet sind; wir machen uns kurzentschlossen zum kleinen, auf der Stadtmauer gelegenen Lokal namens „Kod Asima“ auf. Dessen Speisekarte führt fast ausschließlich Ćevapi, also das, was bei uns als Ćevapčići bekannt ist – gestaffelt nach stückzahlmäßigen Portionsgrößen. Das ist zwar eher Fastfood, aber warum sollte man es dort, „wo sie es wirklich können“, nicht essen? Ich nehme die 12er-Portion, Rendel etwas kleiner, schön auf Fladenbrot mit heißer Butter serviert (mit Salat, Wasser und Wein € 18,-).

Nach dem Essen erkunden wir noch etwas die Gegend, besichtigen die „Katakomben“, die eine unterirdische Kirche mit den Gräbern des Herzogs Hrvatinić und den dazugehörigen Befestigungsanlagen beherbergen. Zudem schauen wir schon mal nach dem Weg zu einer der hiesigen Hauptattraktionen, den Wasserfällen. Auf dem Rückweg kommen wir noch an der Marienkirche mit dem freistehenden, so genannten „Lukas-Turm“ vorbei. Wozu der „Bärenturm“, ein nicht besonders hoher, gedrungener Turm mit sechs Metern Wanddicke gedient und woher er seinen Namen hat, ist indes unklar. Der uralte Mithras-Tempel hingegen liegt etwas versteckt, zudem ist er nicht direkt begehbar, sondern nur durch Glasscheiben zu besichtigen.

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28. Mai: Jajce – Tag 2

Am augenfälligsten waren bei meiner Vorabrecherche zu Jajce die Wasserfälle. In einem System von mehreren Fällen stürzt die Pliva an der Südwestecke der Altstadt in die Schlucht des Vrbas, einem Nebenfluss der Save. Nicht Niagara, nicht Iguaçu, aber doch ein schönes, recht imposantes Plätzchen, an dem wir gerne einige Zeit verbringen – bis sich ein Hüngerchen meldet. Um noch genug Fassungsvermögen für das Abendessen zu haben, begnügen wir uns mit jeweils einer Riesenportion Eis. Während wir löffeln, fällt mir ein Firmenschild auf, das unverkennbar auf einen Schuster hinweist. Name der Firma: „Majstor Minuta“ …

Jajce spielte nicht nur in Antike und Mittelalter eine Rolle, sondern auch in jüngerer Geschichte. Im Gebäude eines ehemaligen Turnvereins (das heute ein entsprechendes Museum beherbergt) tagte im November 1943 die 2. Versammlung des „Antifaschistischen Volksbefreiungsrates“, dessen Beschlüsse zur Gründung der Republik Jugoslawiens führten. Jajce kann also als Geburtsort Jugoslawiens gelten.

Für den auch ins Auge gefassten Plivsko-See als Unterkunftsort sprachen die dort zu besichtigenden Wassermühlen, ein Muss für Besucher der Gegend. Wir lassen uns ein Taxi für die ca. fünf Kilometer kommen. Der Fahrer erzählt uns, dass er die Kinderjahre (während des Kriegs) in der Schweiz verbracht, dann Sport studiert hat und heute im Zweier-Kajak an Weltcup-Rennen teilnimmt.

Die Wassermühlen sind ein zwischen kleinem und großen Plivsko-See gelegenes Ensemble von etwa 20 kleinen Holzhüttchen, von denen jedes einmal ein von den kleinen, den Hang herabfließenden Bächen betriebenes Mahlwerk beherbergte. Dieser „Mlincici“ genannte Komplex stammt noch aus osmanischer Zeit, wurde im Bosnienkrieg zerstört und dann – jedoch ohne die Mahlwerke – wieder restauriert. Trotz eines gewissen Trubels durch Grillplätze etc. eine sehr lauschige Gegend, die Mühlen sind zudem ziemlich einzigartig und echt sehenswert. Wir peilen die Lage und beschließen, abends zum Essen wiederzukommen – und vereinbaren den entsprechenden Taxi-Transfer.

So nehmen wir im Schein der untergehenden Abendsonne und mit Blick auf den See unser Abendessen ein – üppig und gut, zudem preiswert (Forelle, Salat, Gemüse, Kalbsschnitzel mit Pilzsauce, Bier, Wein, Slibowitz, Wasser – alles zusammen für € 36,-).

Bevor wir uns zur mittlerweile wohlverdienten Nachtruhe begeben, flanieren wir noch ein wenig im Park von Jajce, dann geht’s in die Falle, denn morgen wartet – nach einer kurze Etappe von etwa 170 Kilometern – ein weiteres echtes Highlight auf uns.

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29. Mai: Jajce–Mostar

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Auch um den Preis, dass uns manche Sehenswürdigkeit dann vielleicht entgeht, meiden wir auf unseren Reisen zumeist Stätten und Städte, in den sich die Besucher vorhersehbar zu sehr „drubbeln“. Dazu scheint auch Mostar zu gehören, die Stadt, die heute – trotzdem – unser Ziel sein soll. Nach etwa Dreiviertel der Fahrstrecke stoßen wir auf die Neretva, den Fluss, der uns dann bis Mostar begleiten wird. Die Unterkunftsmöglichkeiten in Mostar sind zahlreich, wir haben uns für die zentral gelegene „Villa Fortuna“ entschieden, ein kleines Haus, nach der Beschreibung mit gemütlichem Innenhof. Allerdings erweist sich die Anfahrt als eher labyrinthisch, denn etliche Baustellen und Brückensperrungen lassen eine direkte Anfahrt nicht zu. Die Mittagshitze setzt uns zu, aber das GPS führt uns schließlich doch zur „Villa“. Wie meistens, haben wir nicht reserviert, ergattern aber doch noch ein freundliches Zimmer, wobei „freundlich“ auch ansonsten das Stichwort ist, das auf das gesamte Personal zutrifft. (Das Zimmer kostet übrigens € 50,-/Nacht mit Frühstück). Ohne lange fragen zu müssen, drückt man uns einen Stadtplan in die Hand und erläutert uns die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, allen voran natürlich die berühmte „Stari Most“, die alte Brücke über die Neretva, die fast in Rufweite liegt. Nach einem kurzen Erfrischungstrunk machen wir uns auch gleich auf, denn wir wollen nur eine Nacht bleiben.

Die „Alte Brücke“ ist streng genommen gar nicht so alt. Seit 1566 tat sie ihren Dienst, verband gewissermaßen Ost und West, die Welt des Christentums mit der des Islam, auch die katholischen Kroaten mit den orthodoxen Serben. Angeblich war es Slobodan Praljak, der bosnisch-kroatische General, der 2017 öffentlichkeitswirksam Selbstmord vor dem Haager Kriegsverbrechertribunal verübte, der im November 1993 den Befehl zur Zerstörung der Brücke gab. Mittlerweile wurde sie für fünf Millionen Euro originalgetreu wieder aufgebaut, die Geschichte der Brücke einschließlich ihrer Rekonstruktion können wir im Tara-Turm verfolgen, von dem aus man zudem eine gute Rundumsicht über die Stadt hat. Die Brücke an sich ist wie erwartet dicht gedrängt mit Touristen, viele augenscheinlich aus Asien.

Es ist heiß! Dem Tipp der Rezeptionistin folgend, suchen wir die Koski-Mehmed-Pasha-Moschee auf, deren lauschiger Garten Ruhe und Schatten spendet, zudem hat man von hier einen fast unüberbietbar schönen Blick auf die Brücke, den Fluss und die Altstadt Mostars. (Dass hier einer des anderen Namensgeber war – „Mostar“/„Stari Most“ –, ist unverkennbar, in welche Richtung weiß ich allerdings nicht.) Die Suche nach einer alten Synagoge verläuft ins Leere, angeblich wurde sie abgerissen, auch den Weg zum so genannten Biščevič-Haus finden wir nur nach vielem Gelaufe und etlichen Nachfragen. Das Biščevič-Haus ist das älteste traditionelle Haus Mostars, im ursprünglichen osmanischen Stil gut erhalten. Erbaut im Jahre 1635 liegt es am Ostufer des Flusses Neretva. Für einen kleinen Beitrag kann man den ursprünglichen muslimischen Versammlungsraum namens Divanhan und den Rest des interessanten Hauses besichtigen. Besonders hervorstechend ist der durch hohe Holzbalken abgestützte Erker, der zum Fluss weist.

Auf dem Weg zum Restaurant des Abends passieren wir noch die Petrus-und-Paulus-Kirche mit ihrem 107 Meter hohen Turm und das riesige Gebäude des (neuzeitlichen) Gymnasiums. Die Empfehlung für das Abendessen lautet „Del Rio“, ein italienisches Restaurant außerhalb der Altstadt an einer der neueren Brücken. Von der Terrasse haben wir einen schönen Blick auf den Fluss und Neu-Mostar. Tja, und um dem Leser wieder mal den Mund wässrig zu machen …: Riblja Pasteta (eine Fischpastete), Rucola-Salat, Fettucine mit Zucchini, Filet mignon siciliana und Getränke – alles zusammen für € 28,-.

Da kommt dann der Heimweg als Verdauungsspaziergang gut, die Stari Most leert sich langsam, die alten Gebäude erglühen in der Abendsonne, wir schlendern noch ein wenig durch die Gassen und finden dabei auch noch ein paar kleinere, nicht minder hübsche Brückchen, die Zuflüsse zur Neretva überspannen. Zum Ausklang setzen wir uns noch ein wenig in den Garten, Sasha, der Nachtportier, erzählt uns, dass er die Kriegsjahre in Hamm (meiner Heimatstadt) verbracht hat, dort aber nicht bleiben konnte, weil seine Mutter, eine Ärztin, in Deutschland nicht arbeiten durfte. Zudem erfahren wir von ihm noch allerhand Wissenswertes über die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation. – Wieder mal ein voller Tag, von dem wir keine Minute missen möchten.

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30. Mai: Mostar–(Kotor)–Virpazar (MNE)

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So beeindruckend die Städte Jajce und Mostar auch waren – jetzt freuen wir uns darauf, wieder mehr Natur und Landschaft genießen zu können. Wir halten uns an diesem Morgen zunächst Richtung Süden, um dann südlich des Bielicko-Sees auf die montenegrinische Grenze zuzuhalten, dabei zumeist durch sehr schöne, bewaldete Gegenden. Wiewohl alles Nicht-EU, gestalten sich die Grenzübertritte problemlos. Eines der Postkartenmotive Montenegros schlechthin ist die wirklich einmalige Bucht von Kotor. Wir nähern uns dieser fjordähnlichen Ausbuchtung von Norden und fahren auch die nördliche Uferstraße entlang mit Kurs auf den gleichnamigen Ort. Von oben ist der Blick wirklich phänomenal, was sich aber in Ufernähe relativiert, denn hier reihen sich bald ein Hotel oder Ferienvilla an die nächste. Kotor selbst ist, zumindest um diese Zeit, eine einzige Katastrophe, „Stop-and-go“ ohne Ende, Gestank, Hitze, Unmengen von Touristen. Einen Besichtigungsstopp schminken wir uns schnell ab, suchen – allerdings vergebens – nach einer Abzweigung in Richtung Lovčen-Nationalpark. Stunden hatte ich zu Hause mit dem Austüfteln der Route von hier über den Nationalpark nach Virpazar verbracht. Und jetzt das! Nachdem wir mit dem dichten Fahrzeugstrom durch eine Unterführung gezwungen wurden, geben wir auf, schreiben den Lovčen ab und orientieren uns auf dem schnellsten Weg Richtung Virpazar. Die Küstenstraße wäre schön zu fahren, reihten sich heute nicht Stoßstange an Stoßstange, dazu etliche LKW, mittendrin wir. Aber auch das nimmt irgendwann ein Ende, bei Petrovac biegen wir ins Landesinnere ab – zwar in Richtung der Hauptstadt Podgorica, aber es sind nur noch 25 Kilometer. Vom albanischen Shkodra kommend, unser letztjähriges Etappenziel Durmitor-Gebirge fest im Blick, ist uns seinerzeit gar nicht aufgefallen, dass wir ja schon wieder ganz nah am Skutari-See waren, ja, sogar praktisch durch Virpazar, unser heutiges Ziel, durchgefahren sind. Virpazar ist mit nicht einmal 350 Einwohnern nur ein Dorf, das sich allenfalls dadurch auszeichnet, dass es einen kleinen Bahnhof an der Strecke Belgrad–Bar beheimatet. Uns interessiert der Ort dann auch mehr als Eintrittspforte zum Skutari-See. Erstaunt und erfreut sind wir, dass das von uns angepeilte Hotel Pelikan doch tatsächlich an einem recht beschaulichen Dorfplatz angesiedelt ist, überschattet von großen Bäumen, mit Bänken und einigen Cafés.

Ein schönes Zimmer ist zum Glück noch frei – nicht ganz leise, denn die Hauptstraße ist in Sichtweite. Marko heißt der Patron des Hauses, freundlich, umtriebig – und geschäftstüchtig. Nachdem uns schon kurz nach unserem Eintreffen ein Mitgast begeistert von einer Bootstour auf dem Skutari-See erzählt hat, willigen wir auch ein: drei Stunden für € 150,-. Das ist schon per se ziemlich teuer (wenngleich wir auch die einzigen Passagiere wären), eine vergleichbare, aber doch wesentlich schönere und ergiebigere Bootstour am Ende unserer Reise, für die wir dann – inklusive gerne gegebenem großzügigem Trinkgeld – € 25,- gezahlt haben, zeigte dann aber, dass der hier aufgerufene Preis doch eher Abzocke war. Aber die Aussicht auf „Pelikane ganz nah“ war dann doch zu verlockend. Was soll’s!

Für heute steht im Wesentlichen nur noch das Abendessen an. „Wir haben bei uns eine Tradition …“ – etliche Male bekommen wir diesen Spruch von Marko zu hören. Diese „Tradition“ ist dann etwa, den Gästen einen Begrüßungsschnaps zu kredenzen oder – wie jetzt vor dem Essen, ihnen ein Stoffsäckchen mit Kräutern zu schenken. Eine Spezialität des Hauses sind die kalten Fisch-Vorspeisen – eine Platte mit frischem und geräuchertem Karpfen, Sardellen, Thunfischpaste und Aal. Als Vorspeise schon etwas heftig, aber schmackhaft. Rendel schmeckt ihre Forelle als Hauptgang gut, mein Schweinefleisch ist etwas dröge. Rendel hilft mir, was mich dann zu der etwas unbedachten Aussage verleitet: „Na, wenigstens bist du ein guter Esser!“ „Wenigstens das!“, entgegnet Rendel etwas konsterniert, fragt sich, ob das vielleicht etwas für ihren Grabstein wäre. Auf jeden Fall werden dieser Spruch – zusammen mit dem „Wir haben bei uns eine Tradition“ – zum Running gag während unserer weiteren Reise.

Den Tipp mit der Bootstour haben wir von einem distinguiert wirkenden älteren Herrn erhalten, mit dem wir nach dem Essen noch ins Gespräch kommen. Er ist promovierter Wirtschaftswissenschaftler „a.D.“, bezeichnet sich selbst als „Privatisierungsfuzzi“ in den ehemaligen Ostblockstaaten, hat also so einiges zu erzählen. Als wir an der Reihe sind, kommen vor allem unseren Motorradreisen zur Sprache. Wir unterhalten uns von Tisch zu Tisch, merken dabei, wie ein weiterer Gast an einem anderen Tisch immer größere Ohren bekommt. Der etwas freakig aussehende Mann mit seinem zum Zopf zusammengebundenen Zottelhaar war mir schon vorher aufgefallen, wie er sein Fahrrad unterstellte. Nun schwingt er sich an unseren Tisch, stellt sich als Jac (eigentlich Jacobus) aus Brabant vor, von Beruf LKW-Fahrer. Und mit einer ungewöhnlichen Leidenschaft, die ihn dann auch nicht mehr auf seinem Platz hielt: orthodoxe Klöster. Mit offenem Mund war er unseren Beschreibungen von Reisen in den „Georgischen Sinai“ und den „Tur Abdin“ in der Türkei gefolgt, Mekka und Paradies zugleich für Kenner und Liebhaber derartiger Klöster. Er hat auch einige dieser Orte besucht, dazu viele andere, die wir nicht kennen – und so sind wir schnell bei einer, dank seiner Stimme lautstarken Fachsimpelei, bei der er angesichts dieser gleichen Interessenlage förmlich in Verzückung gerät. Jacs Frau reist nicht gerne, lässt ihm aber die Freiheit, die er vor allem mittels seines 15 Jahre alten Fahrrades nutzt, das er immer, gut verpackt in einem stabilen Karton, vorwegschickt und dann hinterherfliegt. Die Strecken vor Ort bewältigt er dann oft zunächst per Bus oder Taxi, um sich dann auf’s Rad zu schwingen, seine Erkundungen zu machen, um dann tretenderweise ins Standquartier zurückzukehren.

Kurzzeitig gesellt sich noch ein weiterer interessanter Zeitgenosse zu uns –  Jonathan, Reisebuchautor aus Rouen in der Normandie. Von dort hat er sich zu Fuß auf den Weg gemacht, Ziel ist der Iran (Zeitraum: Februar bis November 2017). Dass auch er Interessantes zur berichten hat, muss ich nicht extra erwähnen. Wir sind müde, wollen ins Bett, drei Anläufe haben wir schon genommen, aber Jac hat so einen Narren an uns gefressen, dass er uns nicht loslässt. Er weist auf Rendels leeres(!) Schnapsglas und ruft empört: „Du hast ja noch gar nicht ausgetrunken!“ Schließlich können wir uns loseisen, vertagen uns auf das morgige Frühstück.

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31. Mai: Virpazar – Tag 2

Der Straßenlärm in der Nacht war erträglich, auch kühlte es angenehm ab. Sich aber schon beim Frühstück kurz nach acht über georgische Klöster lautstark auszutauschen, so, dass die anderen Gäste schon kucken … Aber nein: Jac war ein höchst angenehmer und unterhaltsamer Zeitgenosse – würde wünschen, ihm an einem „Ort unserer gemeinsamen Begierde“ nochmals zu begegnen. Aber wir machen uns schon um 8.15 Uhr auf zum Bootsanleger. Nur mit unserem Skipper geht es durch enge Schilfrohrkanäle und über endlose Seerosenfelder durch einige der Buchten des westlichen Skutarisees. Wir sichten tatsächlich einige Pelikane und Reiher, allerdings zumeist nur von Weitem. Unser „Doktor“ vom Vorabend hatte eine andere Route gewählt, mit Stopps an einigen Klöstern, was vielleicht auch für uns ergiebiger gewesen wäre. Nach knapp drei Stunden legen wir wieder an. Jac wartet auf seinen Fahrer, der ihn und sein Fahrrad zum Flughafen Podgorica bringen wird – heim nach Brabant.

Rendel macht sich zu Fuß auf zur kleinen, restaurierten Burg oberhalb des Ortes, danach lassen wir uns von der Putzfrau das kleine Museum in der obersten Etage unseres Hotels aufschließen – Nippes, aber auch authentische Exponate mit Zeitzeugencharakter, auf jeden Fall nett anzusehen. Nach dem in kulinarischer Hinsicht nicht ganz so befriedigenden Vorabend setzen wir uns heute ins „Badanj“, eines urigen Restaurants mit Außenterrasse an einem der Seitenkanäle, die in den See münden. Unser „Doktor“ hatte dieselbe Idee, gerne bitten wir ihn an unseren Tisch. Er ist noch ausgesprochen „gut dabei“, auch körperlich. So hat er heute einen Teil des Weinwanderwegs absolviert, der hier in Virpazar startet und der auf einer Strecke von etwa 10 Kilometern an sieben Weingütern, die auch zur Verkostung einladen, vorbeiführt. Dann erzählt er von seinen überaus vielfältigen Aktivitäten als Förderer klassischer Musik. Seine Hauskonzerte an seinem vormaligen Wohnort Salzburg waren hochkarätig besetzt – und das bei der Konkurrenz und dem Anspruch in dieser Klassik-Metropole. Diese Begegnung bleibt uns in sehr angenehmer Erinnerung, da unser Gegenüber – trotz mancher Erfahrung und gesellschaftlicher Stellung, die wir nicht vorweisen können – überhaupt nicht hochnäsig oder besserwisserisch auftritt. Schließlich bestätigt er mich noch immer wieder in meinem Entschluss, meinen Beruf aufzugeben und mich Dingen zu widmen, die mir gut tun und die mir wichtig sind.

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1. Juni: Virpazar–Shkodra

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1. Juni. Wie praktisch jedes Jahr, fällt Rendels Geburtstag in unseren Urlaub – und damit auch fast immer unter den Tisch, zumindest für’s Erste. Wir sind zeitig auf, Rendel nimmt die Glückwünsche vom Doktor und von Patron Marko entgegen, der zudem meint: „Entschuldigung, ihr seid echt korrekte Leute, aber ihr seid zu wenig Prozent“ … ??? … Die Erklärung folgt: Deutsche Gäste sind ihm sehr lieb, jedoch kämen noch zu wenige. Wir sind mit ziemlich leerem Tank in Virpazar angekommen. Weder hier noch entlang der für heute geplanten einsamen Strecke gibt es eine Tankstelle. Um vorab Sprit zu fassen, müssten wir einen Umweg von 50 Kilometern machen (25 km Richtung Norden, dann zunächst zurück nach Virpazar). Nachdem Marko uns anbietet, im Fall der Fälle bereitzustehen und wir uns seine Nummer notiert haben, wollen wir es wagen. Die nächste sinnvolle Tankmöglichkeit wäre dann schon auf albanischem Gebiet. Schon um kurz nach acht sind wir auf dem kleinen Sträßchen, das oberhalb des Skutarisees an dessen Südufer entlangführt. Die herrliche Strecke – und das am Morgen bei 20°C und Sonnenschein – lässt uns manchmal den ängstlichen Blick auf den Spritvorrat vergessen. Aber solange wir noch nicht auf Reserve sind … Die eigentliche Strecke ist menschenleer und unbewohnt, am Ufer tief unter uns zeichnen sich jedoch kleine Dörfer ab, etwa Murici und Ostros. Wer wirklich Ruhe braucht, der ist da sicher wunderbar aufgehoben.

Nach etwa 40 Kilometern, unmittelbar vor der albanischen Grenze, folgt die Straße auf knapp 20 Kilometern einem „Z“, dort ist der Grenzübergang, den wir schon im Vorjahr in Gegenrichtung genutzt hatten. Vorher genießen wir aber noch auf montenegrinischer Seite den Blick: nach Nordwesten über den See, nach Süden über Albanien. Der Grenzübertritt ist ein besseres Durchwinken, die letzten 15 Kilometer bis Shkodra ein Klacks – bevor wir in die Stadt einfahren, machen wir noch die Tanks voll (und sind dann immer noch nicht auf Reserve).

Mit etwa 120.000 Einwohnern ist Shkodra die fünftgrößte Stadt Albaniens, zudem Zentrum Nordalbaniens. Im Vorjahr hatten wir die Stadt, von unserer Fährpassage über den Koman-See kommend, an der Peripherie gestreift, dabei nur die Festung Rozafa aus dem Augenwinkel wahrgenommen. Diesmal wollen wir die Stadt genau unter die Lupe nehmen, zudem haben wir hier eine Verabredung. Ich hatte uns das Hotel „Tradita Gheg & Tosk“ rausgesucht. („Ghegisch“ und „toskisch“ sind die beiden Haupt-Dialektgruppen des Albanischen, jedoch – soweit mir bekannt – ohne dadurch zwei unterschiedliche ethnische Gruppen zu definieren. Ghegisch wird eher im Norden, toskisch im Süden gesprochen.) Über einen breiten Boulevard fahren wir in die Stadt ein, es stört niemanden, dass mitten auf der Fahrbahn Pferde friedlich grasen. Kurze Rückfrage in einem Laden – wir sind schon ein paar Meter zu weit – da ist das Hotel. Aus dem Reiseführer wusste ich, dass es wie ein Museum eingerichtet ist, und tatsächlich sind sowohl die Lobby, sämtliche Flure und natürlich die Zimmer mit Antiquitäten und manch sonstigen alten Zierrat ausgestattet. Allerdings sind auch hier wieder die Matratzen und das Bad auf dem neuesten Stand. Einladend wirkt auch der große, straßenabgewandte Innenhof, in dem wir gleich einen Begrüßungsdrink angeboten bekommen. Aber für Bier ist noch nicht die Zeit, kühles Wasser kommt jetzt besser. Während wir noch unsere Motorräder sicher in einem Unterstand parken, spricht eine ältere albanische Dame Rendel in gutem Deutsch an: „Unglaublich, was Sie da schaffen, so ein schweres Motorrad! Sie sind eine mutige Frau!“, worauf ihr Sohn ergänzt: „Ich werde schon vom Fliegen immer ganz müde …“

Zwar war die heutige Strecke kurz, aber die Motorräder sind gut verstaut und die Sonne brennt vom Himmel, deswegen wollen wir die Festung Rozafa gerne in leichten Outfit erkunden. Unsere Bitte nach einem Taxi bescheidet der Rezeptionist abschlägig – man würde uns gerne mit einem hoteleigenen Fahrzeug dorthin bringen und selbstverständlich auch wieder abholen. Gesagt, getan. Unterwegs steuern wir noch kurz einen Geldautomaten an – meine DKB-Visa-Karte wird, angeblich „mangels Deckung“, mal wieder nicht akzeptiert, aber der Automat nimmt auch Maestro.

Die Festung liegt am südlichen Stadtrand Shkodras am Fluss Buna (oder „Bojana“), der hier den Abfluss des Skutarisees darstellt (der hier Shkodra- oder Skadarsee heißt). Die Anfänge der Festung datieren auf das 4. Jahrhundert v. Chr., gegründet von den Illyrern. Die prominente strategische Lage machten sich dann in der Folge auch die Römer, Byzantiner, Venezianer, die Osmanen und schließlich die Montenegriner zunutze. Die annähernd dreieckige Anlage auf maximal 130 Metern Höhe umfasst eine Fläche von 90.000 m² (der Bereich, den die 880 Meter lange Festungsmauer umschließt), die eigentliche Festungsanlage nimmt eine Fläche von etwa 36.000 m² ein. Trotz der geringen Höhe hat man von fast jedem Standpunkt aus eine großartige Sicht auf das Umland einschließlich der Stadt Shkodra selbst. Auf dem Gelände finden aktuell immer noch Ausgrabungen statt, das kleine Museum kann man sich schenken. – Unser Fahrer wartet, und wir sind mittlerweile auch ziemlich nassgeschwitzt.

Ach ja: Rendel hat ja Geburtstag! Das Hotelrestaurant hat einen guten Ruf, vorsichtshalber lassen wir uns einen Tisch für sechs im Innenhof reservieren. Für sechs? Ja, denn wir haben ja eine Verabredung. Rendel kennt Sonja, ihren Mann Alban und ihre beiden Töchter schon. Die Familie war eine Zeitlang in unserer Heimatstadt Lüdenscheid, vor allem in der Hoffnung, ihrer leicht geistig behinderten Tochter Ester in Deutschland Förderung zukommen lassen zu können, die in Albanien nicht gewährleistet werden konnte. In einer sehr willkürlichen Nacht-und-Nebel-Aktion (die Familie hatte einer Rückführung schon zugestimmt) wurden die vier in üblich-übler Manier wieder in ihre Heimat „verbracht“. Allerdings sind Sonja und Alban darüber nicht verbittert. Ihre Tochter hat sich trotzdem wunderbar entwickelt und die in Lüdenscheid geknüpften Kontakte wirken sich über die Familie hinaus längerfristig segensreich in Albanien aus.

Also großes „Hallo!“, als die vier um 18 Uhr im Hotel eintreffen. Wir unterhalten uns zumeist auf Englisch, denn Sonja ist von Beruf Englischlehrerin. Ihr überschäumendes Temperament mit dem dazugehörigen „Schnellsprech“ erfordern unsere volle Konzentration. Sonja und vor allem ihr Mann sind unter dramatischen Umständen aus moslemischem Hintergrund Christen geworden und halten damit nicht hinter dem Berg. Zum Glück ist das religiöse Klima in Albanien sehr angenehm, Extremismus und Glaubenskriege sind eher unbekannt, Mischehen keine Seltenheit. Wir genießen das Geburtstagsessen, quatschen über Lüdenscheider Zeiten, die Gespräche haben mal eine fröhlich-ausgelassene, mal eine ernste Note, Letzteres etwa dann, wenn es um das Thema „Gjakmarra“ – Blutrache, geht. Der Pastor der Gemeinde, zu der die Familie gehört, ist vor nicht langer Zeit mitten auf der Straße von so einem „Rächer“ angeschossen worden. Das Opfer schleppte sich noch in ein Café, dort verstarb er. Seine Frau und Familie entschlossen sich, mit dieser unseligen „Tradition“ zu brechen. Elona, die Frau des Ermordeten, übernahm das Pastorenamt von ihrem Mann und gründete eine Einrichtung, in der Kinder, deren Familien von Blutrache betroffen sind, betreut werden. Zudem sind sie dabei, eine christliche Schule zu errichten, deren Gebäude wir, zumindest von außen, bei einem Verdauungsspaziergang durch das abendliche Shkodra noch besichtigen können. In den Fußgängerzonen wimmelt es von Menschen, in den zahllosen Cafés wäre kaum ein Platz zu ergattern. Wir nehmen den Nachtisch in einer Eisdiele ein, dann verabschieden wir uns und verabreden uns für morgen. (Als Betthupferl gibt’s dann noch einen wunderbar milden Rakija im Hotelgarten.)

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2. Juni: Shkodra – Tag 2

Die Nacht war gut und erholsam, das Frühstück phänomenal. In Albanien ist im Grunde noch fast alles „bio“, was man tatsächlich schmeckt – egal ob bei Fleisch, Obst oder Gemüse. Ich würde mir gerne ein bisschen die Ruhe antun, Rendel verabredet sich am Vormittag nochmal mit der Familie Abazi. Sie und ein weiteres Paar zeigen Rendel die Schulräumlichkeiten von innen – sehr viel Renovierungsbedarf, aber man kann sich vorstellen, dass hier mal der Schulbetrieb läuft. (Zwischenzeitlich, im Herbst 2017, war ein Helfertrupp aus Lüdenscheid in Shkodra, um bei der Renovierung zu helfen.) Paolo, einer der Bekannten, chauffiert die Gruppe gekonnt, aber offensichtlich doch etwas arg rasant durch die Stadt, was Ester, eine der Abazi-Töchter, von der Rücksitzbank die ganze Zeit mit einem entsetzt-ehrfurchtsvollen „Oh, oh, oh – makinë!!“, „Oh, oh, oh – Auto!!“ kommentiert.

Am Nachmittag machen Rendel und ich noch einen Stadtrundgang. Ich möchte gerne mal ins legendäre Marubi-Fotostudio. Wir finden es auch schnell, leider ist es aus einem nicht erkennbaren Grund derzeit nicht zugänglich. Schade! Die Familie Marubi betrieb dieses Fotostudio schon im 19. Jahrhundert – als erstes in ganz Albanien. Damit leisteten sie einen wesentlichen Beitrag zur Dokumentation der albanischen Lebenswelt ihrer Zeit und des kulturellen Erbes. Aber dafür finden wir ein nettes Restaurant, das für das Abendessen geeignet erscheint, das „Vila Bekteshi“. Gerne würden wir Sonja und ihre Familie nochmals einladen, was uns jedoch nicht gelingt. Wieder raucht uns nach den intensiven Gesprächen der Kopf, guter Anlass, in der Abendsonne noch einen Spaziergang zu machen. In der Stadt treffen wir noch Freunde der Abazis, eine gute Gelegenheit für ein schönes Gruppen-Abschiedsfoto.

Shkodra lohnt sicher noch ein paar Tage mehr, wir haben jedoch noch einiges vor uns, deshalb belassen wir es bei den zwei Tagen. (Für die Statistik: Das Hotel kostete pro Nacht im Doppelzimmer € 54,- – mit dem, wie erwähnt, sehr guten Frühstück.)

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3. Juni: Shkodra–Vermosh–Vusanje (MNE)

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Ein schöner Aspekt von Reisebekanntschaften ist der, dass man häufig gute Tipps zugesteckt bekommt. Jac hatte auf einer seiner Radtouren einen netten Ort knapp nördlich der albanisch-montenegrinischen Nordgrenze in den Bergen ausfindig gemacht. In die Gegend wollten wir eh als Nächstes, doch hatte ich den etwas größeren Ort Plav auf dem Schirm, Jacs „Vusanje“ klang aber noch verheißungsvoller, obwohl ich da weit und breit kein Quartier ausfindig machen konnte.

Zunächst stand jedoch sowieso eine Etappe und eine Gegend an, auf die ich mich schon lange freute. Mit Rücksicht auf Rendels eigene Bedenken hinsichtlich ihres Fahrkönnens hatten wir uns Fahrten tiefer in die Alpen bislang verkniffen, mal abgesehen von letztjährigem Ausflug Richtung Valbona und Bajram Curri. „Wat den eenen sin Uhl, is den annern sin Nachtigall“ – sagt der plattdeutsche Volksmund. Enduristen und versierte Fahrer bedauern die zunehmende Asphaltierung mancher kleiner Straßen, Anwohner – und auch Rendel – begrüßen sie eher. Asphalt hin oder her, ich freue mich wie Bolle auf dieser Strecke, von der ich etliche Bilder und Videos gesehen habe. Es ist erst viertel vor acht, so kommen wir zügig aus der Stadt und halten uns Richtung Norden. Zunächst ist die Gegend noch recht flach, doch dann steigt es an und zwischen den Hügeln lugen die ersten Berggipfel hervor. Kurz hinter Koplik lassen wir den albanisch-montenegrinischen Grenzübergang Hani i Hotit links liegen und halten uns auf der S20 Richtung Tamarë. Gut 30 Kilometer hinter Koplik, kurz vor Grabom, dann die Aussicht, die nicht nur Motorradfahrerherzen höher schlagen lässt: eine wunderbare, sich am Hang übereinander staffelnde Folge von engen Kehren, deren optischer Reiz dadurch, dass man sie von oben über eine verglaste Aussichtsplattform gut einsehen kann, besonders zur Geltung kommt. Wir können uns kaum satt sehen, aber dann können wir den Abschnitt selbst unter die Reifen nehmen. Die ganze Gegend ist phantastisch – und das steigert sich noch von Kurve zu Kurve. Die Strecke ab Tamarë ist wohl erst seit einem Jahr durchgängig befestigt, tatsächlich hat nicht nur Rendel keine Probleme, das Stück könnte jeder Chopperfahrer meistern. Die Anzahl der Fahrzeuge, die uns begegnen, lässt sich an zehn Fingern abzählen, aber mindestens genauso viele mit Besen, nie mit schwererem Gerät bewaffnete Männer zählen wir an diesem Morgen. Zu Fuß laufen sie die Strecke ab und kehren Dreck und kleinere Gesteinsbrocken von der Fahrbahn. Äußerst reinlich.

Am Ende der Hauptstraße sind es nur noch drei Kilometer Richtung Westen bis zur Grenze, wir nehmen jedoch zunächst den Schlenker in die andere Richtung zum Dorf Vermosh. Dieses und die umgebenden Dörfer gelten als die abgeschiedensten Orte Albaniens – „Land’s End“. „Beschaulich“ wäre vielleicht die falsche Beschreibung für Vermosh, eher etwas karg, fast unwirklich. Uns begegnet zunächst nur ein feiertäglich in Anzug und Krawatte gekleideter Herr, dann einige Arbeiter, die am Eingangstor der für diese Gegend überdimensionierten Kirche werkeln. Ach ja: Auch einige Schafe, die vor einem Gebäude grasen, das ausweislich eines Schildes einmal einen „Mini Market“ beherbergt haben soll. Wir besichtigen die Kirche, ein Bau relativ neuen Datums mit ungewöhnlichem Grundriss: Die zwei gleichlangen Trakte stehen in einem Winkel von etwa 120° zueinander, in der Mitte das Eingangsportal, darüber eine Figur, die wohl Johannes den Täufer zeigt, dem die Kirche gewidmet ist.

Mittlerweile zeigen sich ein paar mehr Bewohner und wir entdecken ein kleines Café, in dem uns zwei junge Männer willkommen heißen und Tee und einen leckeren Macchiato brauen. Von uns nicht zu identifizieren, soll der Ort eine Grundschule, eine Gesundheitsstation und auch einige Unterkunftsmöglichkeiten bieten – für Wanderer und Trekker sicher ideal. Wir trinken aus, wünschen „Mirupafshim“ und nehmen die paar Kilometer bis zur Grenze in Angriff, wobei das letzte Stück dann tatsächlich und wider Erwarten eher offroad-mäßig ist, wohl dem Regen der letzten Tage geschuldet. Der Grenzübergang ist winzig, ein in Operettenuniform gewandeter Opi scheint das Kommando zu haben. Die Gegend entlang der Grenze ist als Schmuggler-Eldorado bekannt, an Reisende ergeht zuweilen die Warnung, nicht allzu viel Interesse an am Straßenrand liegenden Säcken zu zeigen, denn die sind nicht selten mit Marihuana vollgestopft (und in der Nähe soll dann ein mit einer Flinte Bewaffneter aufpassen, dass sich nicht der Falsche an dem Sack vergreift). Für uns gilt hier das übliche Prozedere – kurz Pässe und KFZ-Scheine gecheckt, weiter geht es.

Den Flecken Vusanje kann ich zwar prinzipiell lokalisieren, finde den Abzweig aber erst nach Rückfrage im Ort Gusinje. Zumindest hier könnten wir gegebenenfalls unterkommen. Kein Ortsschild, aber der Beschreibung nach müsste das Vusanje sein, mehr Streusiedlung als Dorf. Der Himmel zieht sich langsam zu, aber die Gegend macht uns derart an, dass wir hier gerne bleiben würden, ein Schild, das auf eine Pension verweist, macht Mut. Jac hatte von einem kleinen Fluss gesprochen, der sich hier recht spektakulär in eine Felsspalte stürzt. Mangels Beschilderung folge ich meinem Instinkt, schließlich kommen wir vor einem größeren Holzhaus mit Terrasse zu stehen – „Restoran Grlja“. Hoch erfreut vernehmen wir nach Abnehmen der Helme ein stetes Grollen, das auf einen Wasserfall hinweist. Und nicht minder erfreut sind wir, als uns der Kellner des Ladens sagt, dass wir hier auch übernachten können! Wir beziehen ein großes Vierbettzimmer, noch nicht ganz fertiggestellt, aber blitzeblank und mit allem, was man braucht. (Lediglich im Blick auf das fehlende Balkongeländer bin ich etwas skeptisch.)

Was die dunklen Wolken erahnen ließen, bewahrheitet sich: Wir haben den ersten Regen auf dieser Reise. Aber wir sind ja trocken angekommen, morgen kann es schon wieder anders aussehen. Das Lokal ist von Einheimischen gut besucht, wir lassen uns vom Nachbartisch inspirieren und bestellen gegrilltes Hähnchen und Rindfleisch mit handgeschnitzten Pommes, Salat und selbstgebackenem, noch warmem Brot. Oh Mann, was kann so ein einfaches Essen, wenn Zutaten und Zubereitung stimmen, lecker sein! Wir sind völlig begeistert, nicht zuletzt, weil wir in diesem herrlichen, hintersten Winkel untergekommen sind. (Neben „Restoran Grlja“ firmiert der Laden übrigens auch unter der Bezeichnung „Restorant Hartini, Ujevara Vuthaj“, zudem bietet der Ort noch einige weitere „Guest Houses“, also i.d.R. Pensionen – und satt wird man sicher auch überall.)

Richtung Süden tut sich ein herrliches Panorama auf, der Blick auf eine Bergkette, deren Gipfel bis zu 2500 Meter erreichen. Dazwischen mal klar, mal diesig, dann wieder quellen dicke Wolken durch die Taleinschnitte, die dann kurz drauf den Blick auf die Berge völlig verwehren. Hier dämmert einem schnell, warum diese Berggegend „Prokletije“ genannt wird – „verwunschene Berge“.

Rendel hat zwischenzeitig den kurzen Weg zum Wasserfall erkundet, hier stürzt der kleine Bergfluss Grlja durch einen Felsschlund in die Tiefe. Auch wenn es fisselt, machen wir einen kleinen Gang entlang des Flusses, an dessen Ufer bei schönem Wetter Bänke und Sitzrondells zum Verweilen einladen.

Endlich Zeit für das Abendessen … Zwei kernig aussehende junge Männer, augenscheinlich auf Trekking-Tour, sind froh, vor dem Regen Schutz zu finden und sich unter einer heißen Dusche aufwärmen zu können. Da es auf der Terrasse zu kalt und nass ist, ist die kleine Gaststube nun bis auf den letzten Platz voll, zum Teil mit recht verwegen aussehenden Gestalten – einer mit einer Kapuze erinnert mich doch stark an eine der skurrileren Figuren aus „Der Name der Rose“. Ey, ich schwör – das sind bestimmt alles Schmuggler! Unser Abendessen ähnelt dem vom Mittag, leider schaffen wir nicht alles. Da wir die einzigen Übernachtungsgäste sind, klären wir noch kurz das Frühstück für den nächsten Morgen, zahlen (€ 58,- für die Nacht und alles, was wir in der Zeit gefuttert und getrunken haben). Mit vollem Bauch und noch vollerem Kopf hauen wir uns in die Falle.

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4. Juni: Vusanje–Prizren (KOS)

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Die Nacht haben wir alleine in dem Haus verbracht, zur verabredeten Zeit erscheint ein Mann (der ganze Laden wird nur von Männern geschmissen), der uns ein kräftiges Frühstück mit Eiern, Speck und Würstchen zubereitet. Der Himmel ist immer noch grau verhangen, es ist kühl. Während wir aufrödeln, trabt ein Fuchs unbeirrt über den Hof. Wir orientieren uns Richtung Plav, dort, wo ich zunächst unsere Übernachtung geplant hatte. Wäre vielleicht auch nett gewesen, aber an Rendels nachträgliche Bewertung „Vusanje war der schönste Ort der Reise!“ hätte es nicht heranreichen können. An den Ort Andrijevica, den wir später passieren, erinnere ich mich gut – hier trafen wir im letzten Jahr nach einem lohnenswerten Verfahrer vom Durmitor-Gebirge kommend auf die Hauptstraße. Die folgenden Kilometer bis zur kosovarischen Grenze kennen wir also schon, im letzten Jahr allerdings bei strahlendem Sonnenschein. Da der Grenzübergang über den Čakor-Pass immer noch geschlossen ist, müssen wir wiederum der Umweg über Rožaje nehmen, wo wir auch noch tanken. Die freundliche Kassiererin spricht ausgezeichnet deutsch, erzählt uns, dass sie Krankenschwester sei und gerne in Deutschland arbeiten möchte. Um das finanzieren zu können, jobbt sie an der Tanke.

Diesmal verpassen wir den schlecht ausgeschilderten Abzweig nach Peja nicht, freuen uns schon auf den einmaligen Streckenabschnitt, der jetzt bis zum kosovarischen Kontrollpunkt auf uns wartet. (Der montenegrinische und der kosovarische Grenzübergang liegen weit auseinander, dazwischen eine Art Niemandsland in herrlicher Gegend.)

Je mehr wir uns den Bergen nähern, die die Westgrenze des Kosovo bilden, desto mehr reißt der Himmel auf, als wir dann die letzten engen Kurven Richtung Peja nehmen, ist es schon wieder sonnig und ziemlich warm. Etwas wehmütig lassen wir den Abzweig Richtung Rugova-Schlucht links liegen – wäre schön gewesen, zumal so nah dabei –, aber wir haben noch etliche Ziele auf unserer diesjährigen Agenda. In Kosova herrscht Wahlkampf, nicht zu übersehen (und zu überhören) die mit Lautsprechern bestückten Wahlkampfbusse und die vielen Plakate. Von einem trifft mich der stählerne Blick eines der Kandidaten. Wir kennen uns doch? Jawohl, Ramush Haradinaj, Ex-Bodyguard, Warlord, vermeintlicher oder wirklicher Kriegsverbrecher, unter Ibrahim Rugova für 100 Tage Ministerpräsident, bewirbt sich wieder um dieses Amt. Ich denke an unsere kurze Begegnung im letzten Jahr, das Erinnerungsfoto und seine Einladung, ihn mal auf einen Kaffee zu besuchen. Decan, wo wir uns gerade befinden, ist die Hochburg seiner Anhänger. (Er hat übrigens die Wahl gewonnen und ist wieder „MP“ von Kosova.)

Da es fast auf dem Weg liegt, wollen wir uns das serbisch-orthodoxe Kloster von Decan anschauen, müssen dafür zwei Kilometer Richtung Westen. Schon etwa einen Kilometer vor dem Kloster passieren wir einen schwer gesicherten KFOR-Kontrollpunkt, unsere Kennzeichen werden per Funk an den Posten direkt am Kloster weitergegeben. Auch hier Barrikaden und Wälle aus Sandsäcken. Freundlich, aber bestimmt, werden wir angewiesen, unsere Moppeds umzuparken, bevor wir unsere Pässe abgeben müssen. Der Posten ist mit deutschen Soldaten besetzt, freundlich, aber mit Auskünften zurückhaltend, lediglich meine Frage, ob der hier getätigte Aufwand immer noch berechtigt sei, bejahen sie.

Das Kloster Decan, vollständig Kloster „Visoki Dečani“, zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe, ist aber vor allem eines der wichtigsten Klöster der serbisch-orthodoxen Kirche. Während es in Vor-Kriegszeiten von albanischen Orthodoxen, Katholiken und selbst Muslimen besucht wurde (u. a. wegen der angeblich wunderwirkenden Reliquien, also eher aus abergläubischen Gründen), ist es in der Folgezeit zum Zankapfel geworden – der nun des aufwändigen Schutzes bedarf. Ausdrücklich werden wir mehrfach darauf hingewiesen, dass das Fotografieren nur im Klosterhof gestattet, in der Kirche jedoch streng verboten ist. Im Innenhof verspürt man nichts von der angespannten Lage, ruhig, beschaulich, einfach schön, zumal außer uns nur wenige Besucher da sind. Ich stehe gar nicht in der Versuchung, gegen das Fotografierverbot zu verstoßen, ich gehe eh nicht in die Klosterkirche, Bilder- und Heiligenverehrung! Rendel lugt mal kurz rein, kommt aber auch gleich wieder raus. „Das musst du dir unbedingt ansehen – das ist überwältigend!“ Okay, aber nur, weil sie es möchte! Nein, zum Orthodoxen werde ich trotzdem nicht, aber was sich hier dem Auge bietet, ist wirklich unbeschreiblich – und zumeist unbeschreiblich schön. Die gesamte Kirche ist bis auf den letzten Winkel ausgemalt, die mittelalterlichen Fresken gelten als die besterhaltenen Südosteuropas. Dürfte ich doch bloß Fotos machen! Okay, die Ambivalenz bleibt, aber auch ganz abgesehen von der geistlich-spirituellen Bedeutung solcher Malerei, bin ich doch schwer beeindruckt, wozu menschlicher Geist und Schaffenskraft in der Lage sind.

Wir holen unsere Pässe wieder ab und steuern unser endgültiges Tagesziel an – Prizren. Im letzten Jahr hatten wir einen Nachmittag dort verbracht, viel zu kurz. Ich freue mich schon lange darauf, wieder ein Glas von diesem köstlichen „Boza“ zu trinken. Schon zu Hause hatte ich uns das Hotel „Centrum“ herausgesucht, das wirklich ziemlich in der Stadtmitte liegt und das wir auch schnell finden. Der eifrige Inhaber und seine beiden Söhne helfen uns mit dem Gepäck, einer der Jungs traut sich die Frage, wer von uns beiden der bessere Motorradfahrer sei.

Prizren ist weniger eine Stadt der großen Sehenswürdigkeiten, hat aber viel Flair, ein bisschen wie auf der Schwelle zwischen Orient und Okzident. Minarette prägen ebenso die Silhouette wie Kirchtürme, Albaner, Bosniaken, Türken, Roma und selbst noch einige Serben bilden die Bevölkerung, deren Miteinander freilich nicht immer nur harmonisch verläuft. Auch geschichtlich und wirtschaftlich spielte Prizren nicht selten eine wichtige Rolle, so gründete etwa Skanderbeg, der albanischer Nationalheld, 1444 hier die „Liga von Lezha“, einen Zusammenschluss montenegrinischer und albanischer Fürsten gegen die Osmanen.

Wir schlendern in der heißen Nachmittagssonne durch die Altstadt, suchen die Eisdiele „Shëndeti“, wo es das beste Boza westlich des Euphrat gibt. (Zur Erinnerung siehe den 2016er-Reisebericht: Boza ist eine Art schwach alkoholisches Bier auf Hirsebasis, wobei Farbe und Konsistenz eher an einen Eiweißshake erinnern …) Endlich finden wir es und genießen jeder zwei Gläser dieser ungewöhnlichen, doch schmackhaften Erfrischung. (Auf den Namen der Eisdiele „Shëndeti“ mache ich mir so meinen eigenen Reim: „Shën“ steht im Albanischen für „Heiliger, Sankt“. „Deti“ heißt „Meer“, aber „Heiliges Meer“ macht kaum Sinn. Da bietet sich doch mein Spitz- bzw. (omaseitiger) Kosename an, „Deti“. Also „St. Detlev“ – das lass ich mir gefallen!)

Dann lassen wir uns noch ein wenig treiben, verweilen auf den Brücken, die hier die Bistrica queren, um uns dann auf die Suche nach dem uns empfohlenen Restaurant zu machen, dem „Marashi“. Auf der Außenterrasse direkt am Fluss nehmen wir Platz und genießen Skanderbeg-Rolle, geschmorte Pilze, Paprika in Sahnesauce und Salat – und natürlich ein großes Pils!

Noch zu früh zum Schlafen, wir streifen noch ein wenig durch die Gegend. In einem Wohngebiet stoßen wir unvermittelt auf einen großen, sehr schönen Kirchenkomplex, zudem können wir, zumindest von außen, das Große Hamam besichtigen, das als das drittgrößte des Balkans gilt. Leider ist das Gebiet um unser Hotel eine regelrechte Partyzone. Gegen die Hitze auf dem Zimmer kann auch die Klimaanlage nicht viel ausrichten, an ein Öffnen der Fenster ist wegen des Lärms zunächst auch nicht zu denken, sprich: eine recht durchwachsene Nacht.

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5. Juni: Prizren–Mavrovo (MK)

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Etwas gerädert schwingen wir uns gegen acht Uhr auf die Moppeds, die Laune hebt sich ein wenig, wenn wir an die vor uns liegende Strecke denken. Sie führt prinzipiell Richtung der mazedonischen Hauptstadt Skopje, wir wollen jedoch schon ein Stück vorher wieder nach Süden abbiegen, um bei Glloboçicë nach Mazedonien einzureisen. (Nein, frage mich keiner, wie man das ausspricht …, mit der exakten Schreibweise komme ich lediglich der Chronistenpflicht nach!) Dieses Teilstück sind wir im letzten Jahr unter Zeitdruck am frühen Abend gefahren, aber auch da entging uns die Schönheit der Landschaft nicht. Heute können wir uns etwas mehr Zeit lassen und es richtig genießen. Den Abzweig nach Gll… (ihr wisst schon) verpassen wir irgendwie, verfahren uns in einer riesigen Baustelle (und zoffen uns dabei auch ein wenig). Miteinander und der Straßenführung wieder versöhnt, erreichen wir die Grenze. Ein Mazedonier mit Bezug zu Deutschland spricht uns an, wir machen zusammen mit ihm Rast und er gibt uns noch ein paar Tipps – und drückt und zum Schluss seine Visitenkarte in die Hand. Er verkauft Fenster – wenn wir mal Bedarf haben …

Nachdem wir die Berge hinter uns gelassen haben, wird es unspektakulär, von Tetovo bis Gostivar 25 Kilometer über ein schnurgerades Stück Autobahn. Kurz bevor wir abfahren, bekommen wir den ersten Hinweis auf unser Ziel: Ein Schriftzug an einer Brücke heißt uns im Mavrovo-Nationalpark willkommen. Bis dahin sind es noch ein paar Kilometer, aber der „Lieblichkeitsfaktor“ der Gegend steigt schon wieder. Der Mavrovo-Nationalpark schmiegt sich auf einer Fläche von etwa 730 km² direkt an die Grenze zu Albanien an. Eines des Zentren ist der gleichnamige Stausee, an dessen äußerster Südspitze ich uns ein Quartier gesucht habe, das Hotel „Bistra“ im Dorf, das gleichfalls Mavrovo heißt (und das nur gut 160 Einwohner zählt und auf knapp 1.300 Metern Höhe liegt). Als wir die Staumauer queren, fängt es an zu regnen, leidlich trocken kommen wir an. Nieselregen, grau verhangener Himmel, ein Klotz von Hotel aus dunklem Holz, nirgends eine Menschenseele – „Bonjour tristesse …“ Im Kopf überschlage ich schnell die Alternativen, alles zu weit weg bei dem Regen. Aber Rendel hat mittlerweile die Rezeption gefunden, zumindest ist der Laden geöffnet. Ich war nie da, aber so stelle ich mir Erich Honeckers Jagdschloss vor: dunkles Holz, von den Wänden starren uns Jagdtrophäen aus toten Augen an, ein muffiger Geruch zieht sich durch den ganzen Komplex. Entsprechend ist auch unser Zimmer, ich befürchte, mir am Teppichboden die Motorradstiefel schmutzig zu machen. Nein, schon klar – ich übertreibe! Aber meine Erwartungen sind schon arg enttäuscht, zumal die Nacht hier mit € 60,- zu Buche schlagen soll. Uns schwant, dass wir hier wohl zur falschen Jahreszeit sind. Das Hotel ist für eine hohe Zahl an Gästen ausgelegt, jedoch wohl eher in der Wintersportsaison. Im Moment tummeln sich hier nur maximal ein Dutzend Gäste.

Okay, es ist, wie es ist – und wir sind ja nicht alleine wegen des Hotels hier. Der Regen lässt nach, also raus. Rendel stellt fest, dass wir unsere Zahnpasta haben liegenlassen. Im Ort haben wir einen Minimarket gesehen, der da aushelfen könnte, macht aber erst um 17 Uhr für eine Stunde auf. Wir laufen die anderthalb Kilometer zum See zur Kirchenruine Sv. Nikola. Auf Fotos ist meist nur die obere Hälfte des Kirchturms zu sehen, der Rest ist im Stausee versunken. Im Moment ist der Wasserstand jedoch wohl sehr niedrig, trockenen Fußes können wir das zusammengefallene Kirchenschiff betreten – nichts Besonderes, aber immerhin nettes Ziel für einen Spaziergang. Neben einem Rudel streunender Hunde findet sich noch per Bus eine kleine Besuchergruppe ein, viel mehr Menschen begegnen uns auf unserer Runde nicht. Immerhin ist die Natur auch bei diesem Wetter schön, ich fotografiere Kröten, Schnecken und Schmetterlinge. Der Eingang zu einer angeblich sehenswerten Höhle ist leider verschlossen – und das war es dann auch mit den Sehenswürdigkeiten vor Ort. Unser Eindruck vom Wintersportort bestätigt sich – hinter den Hotels (es gibt noch ein paar mehr) ziehen sich etliche Skilifte und die dazugehörigen Pisten den Hang hoch. Die bunten Sitzschalen der Lifte vor dem nun grünen Berg geben der Szenerie etwa Surreales. Zum Glück wird es zum Spätnachmittag hin noch etwas heller, vor dem Abendessen setzen wir uns noch ein bisschen auf die Terrasse, Rendel huscht eben zu dem Shop, um – zum Spottpreis – eine Tube Zahnpasta zu erstehen.

Eine Tischreservierung für den Abend wäre überflüssig gewesen – als einzige Gäste in dem riesigen Restaurantsaal haben wir freie Auswahl. Die haben wir theoretisch im Blick auf die Speisekarte auch, doch dann: „Ham wa nich, ham wa nich, muss ich fragen.“ Schon im Foyer begegnen einem Displays der großen mazedonischen Weinkellereien, aber: „Ham wa nich.“ Ich traue mich kaum, nach Bier zu fragen, doch: „Ham wa!“ Was wir schließlich gegessen haben, habe ich bezeichnenderweise gar nicht notiert. – Aber gut: Dass man nach so vielen ausgesprochen guten Erfahrungen auch mal ins Klo greifen kann, gehört dazu. (Im folgenden Herbst, als wir dann nochmals nach Mazedonien gereist sind, bekommen wir den Tipp, dass das Dorf Lazaropole 50 Kilometer weiter ganz wunderbar sei …)

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6. Juni: Mavrovo–Ohrid

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Wenigstens bietet der Ort die Gewähr für eine ruhige Nacht. Tatsächlich sind wir gut ausgeschlafen, das Frühstück ist erträglich – und, obwohl es mit 14°C recht frisch ist, fängt die Morgensonne schon an, die Pfützen von gestern aufzulecken. Schon um viertel vor acht drücken wir die Anlasserknöpfe, los geht’s! Zunächst ein paar Kilometer zurück bis zu besagter Staumauer, dann tendenziell Richtung Süden. Und, was soll ich sagen? Selten haben wir uns für eine schlechte Erfahrung derart „entschädigt“ gefühlt wie an diesem Morgen! Mann, was ist das schön! Mittlerweile ist der Himmel blau, die Sonne wärmt schon, wir fahren im Morgenlicht durch enge Schluchten, vorbei an kleinen Bächen, aus denen sich der morgendliche Nebel verflüchtigt, nach jeder Kurve tut sich eine neue Augenweide auf. Es ist einfach gigantisch, Euphorie pur. (Ein Eindruck, der sich im Herbst, als wir die Strecke als Beifahrer im Auto genießen konnten, noch bestätigte. Die alte Weisheit, dass der Weg das Ziel sei, müsste man hier noch stärker beherzigen.) Wir lassen die kleinen Schluchten und engen Kurven hinter uns, was der Schönheit aber keinen Abbruch tut. Fast die ganze restlich Strecke fahren wir am Schwarzen Drin entlang, der immer wieder zu sehr schönen Seen gestaut wird. Linker Hand der Drin, rechts, mitunter zum Greifen nahe, die albanische Grenze mit dem mystischen Berg Korab und den sich weiß abzeichnenden Dörfern an den Berghängen, die zumeist entweder rein christlich oder rein muslimisch bewohnt sind. Das berühmte Jovan-Bigorski-Kloster lassen wir links liegen, heben wir uns für den Herbst auf. (Der Schwarze Drin ist übrigens zusammen mit dem Weißen Drin Teil eines größeren Gewässersystems; der Koman-Stausee, den wir im Vorjahr mit der Fähre durchschippert haben, ist Teil dieses Systems, dort spricht man vom „Vereinigtem Drin“. Einer der Drin-Arme vereinigt sich bei Shkodra (s. o.) mit der Buna und fließt dann in die Adria.)

So schön geht es bis kurz vor Struga weiter, von dort sind es nur noch 15 Kilometer bis Ohrid, unserem heutigen Ziel. Obwohl wir etwas von seiner Schönheit ahnten, sind wir 2016 an Ohrid vorbeigefahren, wohl wissend, dass man dafür ein paar Tage einplanen sollte. Auch für Ohrid habe ich natürlich einige Vorschläge für die Übernachtung parat, aber trotz Empfehlungen und GoogleEarth-3D-Ansicht weiß man nie wirklich, was einen erwartet. „Villa Germanoff“ in der Altstadt klang auf jeden Fall gut.

Als wir gegen 11 Uhr durch Ohrid rollen, ist es schon lecker heiß. Der Stadtplan ließ ein enges Gassengewirr erahnen, zudem steil, eng und mit glattem Kopfsteinpflaster, was zu Rendels Lieblings-Straßenoberflächen zählt … Ausgerechnet als mal wieder ein Anfahren in einer engen Kehre ansteht, wird Rendel von einem Rollerfahrer angesprochen, ganz offensichtlich ein Schlepper auf der Suche nach Kundschaft. Angesichts von Rendels prekärer Lage reagiere ich auf ihn etwas unwirsch, er scheint dann aber die Situation erfasst zu haben und fragt, wo wir hinwollen. Dann düst er uns auf seinem kleinen Roller voraus – unter Missachtung sämtlicher Einbahnstraßenregelungen und „Durchfahrt verboten“-Zeichen. Ja, so hätte ich das auch gekonnt …! Aber wir sind dankbar für die unverhoffte Hilfestellung, kurz drauf halten wir vor der „Villa Germanoff“. Und wieder haben wir Glück, erwischen den Inhaber, der sich als Zoran Tuntev vorstellt, gerade noch, bevor er für längere Zeit „aushäusig“ ist (seine Mutter ist zwar da, spricht aber kein Englisch). Die „Villa“ ist kein eigentliches Hotel, sondern ein typisches Altstadthaus, in dem einige Zimmer für Gäste hergerichtet sind. Ja, er hätte da was, das Zimmer, das lange Zeit sein eigenes Lieblingszimmer war, das er aber kaum mehr nutzen könne – das „Pianozimmer“. Nomen est omen – im Zimmer steht tatsächlich ein Klavier, zudem ist es ausgesprochen hübsch und persönlich eingerichtet, obendrein geräumig und mit schönem Bad. Getoppt wird das Ganze noch von dem kleinen Balkon, von dem der Blick zunächst über zwei, drei Reihen von Altstadtdächern geht und dann weiter auf den See. Schöner kann man es nicht treffen. Für 60,- Euro die Nacht mit Frühstück bekommen wir hier sicher mit das Beste, was Ohrid diesbezüglich zu bieten hat. Wir zahlen die zwei Nächte im Voraus und Zoran (übrigens Professor für Touristik an der hiesigen Uni, zudem versierter Reiseleiter) händigt uns zur Begrüßung noch eine Flasche gekühlten Rosé aus, für den es aber noch zu früh ist. Wir richten uns ein, parken die Motorräder nochmal um (was ich in den nächsten Tagen noch etliche Male tun muss), duschen und machen uns für eine erste Kontaktaufnahme mit der Stadt, die auch zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, fertig.

Ohrid ist mit seinen etwa 42.000 Einwohnern die achtgrößte Stadt Mazedoniens. Zusammen mit dem Ohrid-See, einem der ältesten Seen der Erde und dem größten des Balkans, entwickelt sich die Stadt immer mehr zu einem Tourismusmagneten. Die Geschichte Ohrids reicht bis ins Jahr 5000 v. Chr. zurück und gestaltete sich sehr wechselhaft, noch in neuerer Zeit war sie mal bulgarisch, mal serbisch, dann wieder bulgarisch. Touristen fasziniert vor allem das schöne Gesamtensemble der Altstadtbauten mit dem Gewirr von Gässchen und Treppen, dann aber auch die vielen Kirchen, Klöster, die Festung Zar Samuils, das Ikonenmuseum sowie zahlreiche Hinterlassenschaften vergangener Kulturen. Naturliebhaber kommen zudem mit Ohrid- und dem benachbarten Prespa-See und dem in Sichtweite befindlichen Galičica-Nationalpark auf ihre Kosten. Eigentlich auch ideal für einen Städte-Kurztrip, denn Ohrid verfügt über einen eigenen internationalen Flughafen, der leider von Deutschland – zumindest derzeit, Stand Ende 2017 – nicht angeflogen wird.

Wir begeben uns also auf einen ersten Erkundungsgang. Die drei, nicht klar voneinander abgrenzbaren Stadtteile Košišta, Mesokastro und Varoš bilden zusammen den historischen Stadtkern mit zahlreichen Bürgerhäusern und engen Gassen, Varoš ist dabei der Teil, der früher von der Stadtmauer umschlossen war (dort liegt auch die „Villa Germanoff“). Das Steinpflaster der Sträßchen wirkt noch original, die verschiedenen Ebenen der an den Hang gebauten Altstadt erreicht man über Treppen oder man nimmt den längeren Weg über die Gässchen. Die Orientierung fällt zunächst etwas schwer, wir merken uns die an unserer Straße gelegene Kirche Sv. Sophia, gleichzeitig eines der markantesten Gebäude der Altstadt (leider gerade geschlossen). Eher ungewollt geraten wir auf die Sveti-Kliment-Straße, die große Fußgänger- und Einkaufsstraße Alt-Ohrids. Hier wimmelt es von Touristen, allerdings „vermissen“ wir die sonst in diesen Zentren übliche Anmache durch Händler. So werden wir selbst initiativ – und bestellen uns jeweils ein großes Eis – sieben Kugeln für umgerechnet € 2,50, von Nepp kann also auch hier keine Rede sein. Besagte Straße beginnt an einem Platz am kleinen Hafen, der von überlebensgroßen Statuen des Heiligen Nahum („Sveti Naum“) und des Heiligen Klemens („Sveti Kliment“) dominiert wird, die beiden gelten als Apostel der Gegend. Hier legen auch die Fischer- und Ausflugsboote ab. Das viele Treppauf, Treppab hat uns etwas fußlahm werden lassen, wir ziehen uns zunächst in die Gemächer unserer Villa zurück.

Eine der wirklich existenziellen Fragen auf unseren Reisen ist immer die nach einem geeigneten Restaurant. Tatsächlich verkneifen wir es uns zumeist, tagsüber „richtig“ zu essen, um dann am Abend schön einzukehren, zu essen, zu trinken, den Tag Revue passieren und ausklingen zu lassen. Den äußersten Südwestzipfel Ohrids bildet ein kleines Kap, auf dessen Anhöhe die hübsche Kirche des Heiligen Johannes von Kaneo (Sveti Jovan Kaneo) aus dem 13. Jahrhundert steht. Direkt am Fuß dieser Anhöhe, verborgen im Schatten der Steilküste, liegt das Restaurant „Kaneo“ – äußerst malerisch, mit Terrasse direkt am Meer. Zu erreichen ist es per Boot oder über Planken, die sich von der Ortsmitte bis hin zum Kap Kaneo ziehen. Diesen Weg wählen wir, nach etwa zehn Minuten können wir Platz nehmen. Das ist dann so ein Moment, wo einem alten Westfalen wie mir ein seliges: „Nee, mogg seggen!“ entweicht, Ausdruck allerhöchster Zufriedenheit. Dabei sitzen wir gerade erst. Die mazedonische Küche ist recht vielfältig, neben Fleisch kommt vor allem viel schmackhaftes Gemüse zum Einsatz, hier, am See, ist aber natürlich in erster Linie Fisch gefragt. Der Ohrid-See ist immer noch recht fischreich, auch die berühmte „echte“ Ohrid-Forelle kann man wieder guten Gewissens essen, denn deren Bestand ist durch aufwendige, wissenschaftlich begleitete Nachzucht dauerhaft gesichert. Der sehr freundliche und kundige Ober (dessen Qualitäten ich richtig erst im kommenden Herbst kennen lernen soll …) berät uns, wir wählen Belvica-Forelle in Rosmarin/Knoblauch, dazu ein köstlicher Reis mit Spinat und Karotten, geschmorte Pilze, als Dessert einen Birnen-Salat mit getrockneten Heidelbeeren, Walnüssen und einem Honig-Senf-Dressing. Die Wein-Empfehlung passt genial. (Wer es genau wissen will: ein 2008er „Ar-Magedon“ Cuveé Barrique – Vranec, Cabernet Sauvignon, Merlot – der Kellerei Dalvina – 14%.)

Auf unserem Rückweg über den Plankenweg treffen wir einige deutsche Jugendliche, andere waren uns heute schon in der Stadt aufgefallen. Sie gehören zu einem Chorprojekt und nehmen hier an einem Wettbewerb teil. Gut gesättigt schleppen wir uns die paar Treppen zur „Villa“ hinauf. Den Abschluss des Tages bilden noch ein paar Minuten auf dem Balkon – mit Blick auf den See –, dann dämmern wir sanft dem nächsten Tag entgegen.

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7. Juni: Ohrid – Tag 2

Die Nacht war erstaunlich ruhig, wenn ich mal wach wurde, hörte ich lediglich das Quaken von Fröschen. Für das Frühstück kooperiert die Villa Germanoff mit der benachbarten Villa Sv. Sophia, schickt die Gäste dort hinüber. Über dicke Teppiche werden wir in den ersten Stock geleitet, wo wir in einem herrschaftlichen Zimmer an einem großen Tisch Platz nehmen. Der beflissene Ober läuft ständig hoch und runter, um uns zu versorgen. Für die fünf Euro pro Person bekäme ich zu Hause zwei belegte halbe Brötchen und ein Kännchen Kaffee. Zurück in „unserer“ Villa bitten wir Zorans Mutter, eine kleine, liebenswürdige Dame, etwas Wäsche für uns zu waschen. Dann machen wir uns wieder auf. Auf dem Weg zur Festung passieren wir das römische Theater, das aber ziemlich unspektakulär ist. Anders die Festung: Schon Philipp II., Vater des großen Alexander, hat sie genutzt, den heutigen Ausbauzustand erreichte sie Ende des 10./Anfang des 11. Jahrhunderts, als Ohrid kurz Hauptstadt des bulgarischen Zarenreichs unter Zar Samuil war (weswegen die Festung zumeist auch als „Samuil’s Castle“ bezeichnet wird). Die Anlage ist recht weitläufig, besitzt 20 Türme sowie sechs Tore. Die Türme bieten eine grandiose Sicht auf die Umgebung, vor allem auf Ohrid selbst (was uns ein wenig die Orientierung erleichtert). Auf einem der Türme quetschen wir uns an einem holländischen Paar vorbei, die uns mitteilen, dass sie uns Deutsche im Ausland lieber sähen als ihre eigenen Landsleute. „Geht mir auch so“, murmle ich in mich hinein.

Von der Festung aus haben wir einen größeren, imposant wirkenden Komplex entdeckt. Der Bereich erstreckt sich in einem Gebiet, das sich Плаошник – sorry: Plaošnik nennt, oberhalb von Kaneo. Dominiert wird dieser Bereich durch die große Kirche „Klemens und Panteleimon“. Uns interessieren jedoch mehr die Reste einer alten Basilika aus dem 4. bis 6. Jahrhundert, u. a. mit einem gut erhaltenen Baptisterium und Mosaiken, die, neben anderen Motiven, auch Hakenkreuze darstellen. In direkter Nachbarschaft befindet sich eine riesige Baustelle, deren Gebäude wir zunächst als im Entstehen begriffenen Hotelkomplex missdeuten, die sich dann aber als Universitätsneubauten im Stile der alten Kirchenarchitektur herausstellen. Die Suche nach weiteren kleineren Sehenswürdigkeiten verschieben wir zunächst, lediglich ein Uhrturm sollte noch auf unserem Weg liegen. Aber auch bei dessen Identifikation irren wir zunächst: In Ermangelung des mazedonischen Begriffs fragen wir einen älteren Herrn auf Türkisch und deuten dabei auf einen Turm: „Saat kule?“ (das türkische Wort für Uhrturm), woraufhin er mit dem Kopf schüttelt und entgegnet: „No – ding, dang, dong!“ Nun ja.

Zurück in der Villa nehmen wir unsere frisch gewaschenen Sachen entgegen. Und ich bin jetzt im Besitz von drei rosa Schlüpfern.

Während ich ein wenig die Augen zumache, geht Rendel nochmal auf Tour. Im benachbarten Papiermuseum erlebt sie mit, wie Papier von Hand geschöpft wird und lässt sich den Nachbau einer Gutenberg-Buchpresse erklären. Und die Sache mit dem Uhrturm lässt sie auch nicht los. Sie fragt einen älteren Herrn, der sich ausgerechnet als Mitautor von Ohrid-Reiseführern und als äußerst hilfsbereit herausstellt. So findet Rendel schließlich doch den Uhrturm, die Kirche Sv. Bogorodica und eine uralte Platane, die wir am Vormittag auch schon vergeblich zu orten versucht hatten. Das Alter des Baums wird mit 1000 Jahren angegeben, mittlerweile etwas ramponiert. Sein gespaltener Stamm hat schon einen Friseursalon und ein Miniaturcafé beherbergt. Schließlich durchstreift Rendel noch das alte türkische Basarviertel.

Wohin es zum Abendessen geht, dürfte nicht schwer zu erraten sein. Diesmal nehmen wir aber ein Boot, dass uns, bevor es uns am Restaurant herauslässt, noch ein Stückchen um die Felsnase von Kaneo herumfährt. So können wir das schön gelegene Kirchlein von der Seeseite aus bewundern, zudem sehen wir hinter dem Kap noch, wo einige schöne Strände gelegen sind. Von unserem Käpt’n lassen wir uns noch zeigen, in welcher Richtung das Dorf Lin auf albanischer Seite liegt – dort, im „schönsten Dorf Albaniens“, waren wir im Vorjahr. Dann lasse ich mir noch einmal besagte Forelle munden, Rendel entscheidet sich für Hähnchen mit Pilzen in Martini-Sauce. Heute Abend kommt Sturm und Regen auf, der Himmel nimmt im Abendlicht dramatische Farben an. Wir beobachten Fischer, die sich in Sicherheit bringen; als es dann richtig zu stürmen beginnt, machen auch wir uns auf den Heimweg, diesmal wieder zu Fuß über die Planken. Vom Balkon unseres Pianozimmers aus beobachten wir noch länger einen Fischer, den wir schon vom Restaurant aus gesehen haben. Er versucht verzweifelt, mit seinem Boot anzulegen, doch stirbt der Motor immer wieder ab. Schließlich scheint er per Handy Hilfe zu holen; in einem waghalsigen Manöver mit etlichen Versuchen klettert er von seinem Boot in das andere.

Ich träume von rosa Schlüpfern.

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8. Juni: Ohrid–Berat (AL)

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Manchmal ist es gut, wenn man sich ein wenig gedulden muss. Eine der albanischen Städte, die ich unbedingt sehen will, ist Berat. Im letzten Jahr hatte ich – nach einigem innerehelichen Gezerre – von einem Besuch Abstand genommen, weil Rendel sich die Strecke von SO kommend (die hätten wir aus routentechnischen Gründen nehmen müssen) nicht zutraute. Aber so können wir das in diesem Jahr unter besseren Voraussetzungen angehen, wollen Berat über gute Straßen von NW ansteuern. Nach dem nochmaligen Frühstück in gediegenem Ambiente rödeln wir auf, durch die in den letzten Tagen erworbenen Ortskenntnisse finden wir auch schnell durch das „Upper Gate“ aus der Altstadt heraus. Blickt man von oben auf den Ohrid-See, so liegt Ohrid in etwa 2-Uhr-Position. Heute müssen wir zunächst einmal um die obere Hälfte herum, um den See dann etwa in 9-Uhr-Position zu verlassen. So queren wir wieder einmal den „Qafa e Thanës“, den Kornelkirschenpass, passieren die Grenze, werfen noch einmal einen Blick auf das schöne Dörfchen Lin und halten uns dann landeinwärts Richtung Elbasan. Auf der Strecke begleitet uns zunächst der Shkumbin (dessen Lauf wiederum in dieser Gegend die alte Via Egnatia folgte), ab Elbasan der Devoll, dann noch ein paar Kilometer Richtung Südost – Berat! Zwar mehr auf die Suche nach dem Hotel konzentriert, registriere ich doch schon bei der Einfahrt, dass das ein angenehmer Ort zu sein scheint. Die Hotelrecherche war ein bisschen schwierig, da einige Häuser nett klangen, in die engere Auswahl kamen das „Mangalem“ und das „Mangalemi“ … Das es dann letzteres wurde, war eher Zufall, denn das erblickte ich als erstes. Und es sollte eine 1A-Wahl sein.

Das „Mangalemi“ residiert in einem Altstadthaus unterhalb der Burg. In diesem Haupthaus ist nichts mehr frei, was sich auch als Glücksfall erweist, denn hier ist es eher etwas lauter. Zudem ist das Zimmer, das uns in einem Nebenhaus einige Hundert Meter entfernt in den Gassen gezeigt wird, noch viel schöner und eben auch ruhiger. Heute ist es schon sehr heiß; gerne hätte ich mit angepackt, aber der Hotelmanager lässt es sich nicht nehmen, unser ganzes Geraffel bringen zu lassen. Das Hotelrestaurant genießt einen guten Ruf, weswegen wir dem Rat folgen, für den Abend schon einen Tisch zu reservieren, dann packen wir aus, duschen und studieren den Reiseführer, um auf einen ersten Rundgang eingestimmt zu sein. (Das Zimmer soll € 55,-/Nacht mit Frühstück kosten.)

Berat-Stadt hat etwa 37.000 Einwohner und liegt am Osum-Fluss. Schon früh wurden die drei alten Stadtteile Mangalem, Gorica und Kalaja zur Museumsstadt erklärt, seit 2008 zählen sie zum UNESCO-Weltkulturerbe. Tatsächlich ist dieses „Dreierpack“ an sich die eigentliche Sehenswürdigkeit – und was für eine. Man kann sie in architektonischer Hinsicht in einem Atemzug mit Ohrid und dem türkischen Safranbolu nennen, wobei Berat aber eine Nummer für sich darstellt. Der Name „Berat“ ist eine Variante (oder Verstümmelung) des vormaligen Namens „Belgrad“, was „weiße Stadt“ bedeutet, ein Hinweis auf die charakteristischen weißen Häuserfronten. Berat hat auch den Beinamen „Stadt der tausend Fenster“, den sie dem Stadtteil Mangalem verdankt, dessen dicht an dicht stehende Häuser allesamt große Fenster haben. Dieser Stadtteil gruppiert sich um den Fuß des Burgfelsen Kalaja – der eigentliche Festungsbereich, der von unten nicht einmal zu erahnen ist, beherbergt dann auch den zweiten, immer noch bewohnten Stadtteil eben dieses Namens, „Kalaja“ (was „Festung, Burg“ bedeutet). Dritter im Bunde ist Gorica auf der anderen Flussseite, früher nur über die alte Steinbrücke mit dem Rest der Stadt verbunden. Alle drei Stadtteile sollen wir in den nächsten Tagen kennen lernen – und sie sollen uns in Staunen versetzen.

Zur Einstimmung (und weil wir dafür bei der Hitze nicht mehr so viel klettern müssen) nehmen wir uns zunächst den jenseits des Flusses gelegenen Stadtteil Gorica vor. Dazu überqueren wir auf der neueren Fußgängerbrücke den Osum und laufen gleich einem Mann in die Arme, der sich als Vassili vorstellt und sich anbietet, uns den Ort zu zeigen. Reflexartig lehne ich zunächst ab, besinne mich dann aber eines Besseren und lasse ihn erzählen. Die Prädikate „Museumsstadt“ und „Weltkulturerbe“ brachten mit sich, dass in den drei alten Stadtteilen keine Neubauten mehr errichtet werden dürfen. Dadurch konnte das beispiellose Flair erhalten bleiben. Zwar scheint manches Haus dem Verfall preisgegeben zu sein, die meisten der tatsächlich immer weißen Häuser sind jedoch in gutem Zustand, teilweise verspielt, mit Erkern, die typisch für die osmanische Bauweise sind, fast immer mit rostroten Ziegeln gedeckt. Vassili weist uns auf schöne Details oder Eigenarten hin, die uns sicher entgangen wären. So sind etwa viele Häuser nicht direkt Wand an Wand gebaut, sondern mit 20 bis 30 cm Abstand – damit wird Schmelz- und Regenwasser kontrolliert abgeleitet. Oder die kleinen türmchenförmigen Vorbauten an manchen Häusern, die ich für die Eingänge zu Taubenschlägen gehalten habe, sind Rauchabzüge. Hin und wieder ergreift eine Schlange vor uns auf den Pflastersteinen die Flucht. Dann deutet Vassili auf den gegenüberliegenden Burgberg, beschreibt uns eine Stelle, wo über einen geheimen Tunnel im Falle der Belagerung die Wasserversorgung sichergestellt werden konnte. Interessante Details, die man sich kaum irgendwo anlesen kann. Mittlerweile sind wir am anderen Ende von Gorica angekommen, dort, wo die alte osmanische Steinbrücke „Ura e Goricës“ den Fluss überspannt. Zunächst im 17. Jahrhundert in einer Kombination aus Stein und Holz gebaut, wurde sie 1780 zu einer reinen Steinbrücke von 130 Metern Länge und sieben Rundbögen. Wegen auftretender Schäden ist sie mittlerweile für den KFZ-Verkehr gesperrt. Bevor wir die Brücke noch ein wenig im Detail erkunden, verabschieden wir uns von Vassili, nicht, ohne ihm für seine Hilfe noch etwas zuzustecken (seiner überschwänglichen Freude nach zu urteilen wohl mehr, als er erwartet hatte).

Auf dem Rückweg sprechen uns vier nette Teenagermädels an, eine spricht perfekt Englisch. Woher sie das kann? Weil sie die Sprache liebt und sie einen Onkel in England hat. Unsere Bitte, die vier fotografieren zu dürfen, lehnen sie ab: „I don’t think so.“ Schade, aber Respekt für so viel Selbstbewusstsein! Zwar fußlahm und müde, kraxeln wir doch noch ein paar Gassen des prominentesten Ortsteils – Mangalem – hinauf. Eng, steil, unübersichtlich, für PKW absolut unpassierbar. Immer wieder machen wir atemlos Rast, um dann zu erleben, wie eine Omi „75+“, an jedem Arm eine Einkaufstüte, freundlich grüßend an uns vorbeizieht.

Das Abendessen haben wir uns redlich verdient. Damaskus war bislang für mich „die erstaunlichste Stadt des Universums“, in kleinerem Maßstab hat die syrische Hauptstadt heute Konkurrenz bekommen. Die Tische im „Mangalemi“ sind in der Tat alle belegt, gerne kehren hier auch kleinere Gruppen ein, so auch heute. Zu diesem Anlass spielt ein traditionelles Quartett auf, zwei hübsche Mädels in Tracht tanzen dazu. Folklore der angenehmeren Art. Dieses Prädikat hat auch das Essen verdient – ein Salat mit Orangen, Zaziki, Rindfleischroulade mit Spaghetti und Pispili, eine Art Pie aus Maismehl mit Kräutern und Spinat (ein Gericht, dass die Frauen traditionell dann zubereiten, wenn es den ersten Sommertag gegeben hat).

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9. Juni: Berat – Tag 2

Derjenige, für den Urlaub (zumindest auch) bedeutet, bis in die Puppen zu feiern und bis zum Mittag zu schlafen, der sollte sich überlegen, ob er mit uns auf Reisen geht. In dieser Hinsicht sind wir extrem „solide“, selten sagen wir nach 22 Uhr „Gute Nacht“, beim Frühstück sind wir meist die Ersten. Das wird heute nicht anders gewesen sein, denn schon um kurz nach acht sind wir auf dem Weg zur „Kalaja“, dem im Burgareal angesiedelten Stadtteil Berats. Knapp einen Kilometer zieht sich die Mihal-Komnena-Straße vor unserem Hotel beginnend schnurgerade, aber stetig ansteigend, den Hang seitlich des Burgbergs hoch. Der „Belag“ ist ein historisches Großsteinpflaster, also aus rechteckigen, recht großen unregelmäßigen Steinen mit sehr glatter Oberfläche. Wieder kommen wir (oder zumindest ich) früh an meine Konditionsgrenze (es ist aber auch schon wieder heiß!), der uns flotten Schrittes entgegenkommende ältere Herr, der im Vorbeigehen freundlich grüßt, ermutigt auch nicht gerade. Doch schließlich stehen wir vor dem großen Burgtor, das von imposanten Zinnen gekrönt ist. Die Fläche des in ca. 210 Meter Höhe befindlichen, etwa dreieckigen Areals dürfte sich auf ca. 10.000 m² belaufen. Die Anfänge reichen bis in römische Zeit (ca. 200 v. Chr.) zurück, ihre derzeitige Gestalt hat die Festung im Wesentlichen im 13. Jahrhundert erhalten, also noch zu byzantinischer und dann osmanischer Zeit. Der Übersichtsplan weist noch heute neun zum Großteil erhaltene Kirchen aus, dazu die „Rote“ und die „Weiße Moschee“. Wirklich interessant macht das Gelände jedoch der Umstand, dass es immer noch von ganz normalen Menschen bewohnt wird. Dazu haben sich auch einige touristische Einrichtungen angesiedelt, drei, vier Gästehäuser, Cafés, Restaurants und ein kleines Museum. (Ob man sich dort oben länger einquartieren möchte, sollte man sich jedoch überlegen, zumal, wenn man kein eigenes Fahrzeug hat.)

Wir besichtigen einige der Kirchen, die steil am Hang und außerhalb der Mauern liegende Kirche, die wir schon gestern von Gorica aus sehen konnten, ist jedoch schwer bis gar nicht zu erreichen. Natürlich haben wir von hier einen herrlichen Blick auf die Stadt und die Gegend, bis hin zum Tomorr-Felsmassiv. Durch dichtes Gestrüpp bahnen wir uns den Weg zur Zisterne, deren Eingang überwuchert ist. Schon schön schaurig! Schön anzuschauen ist auch das schief stehende Minarett der Roten Moschee, dessen untere Hälfte rechteckig und aus Bruchsteinen, der obere Teil jedoch rund und aus roten Ziegeln gemauert ist. Hier könnte man viel Zeit zubringen, vor allem am Spätnachmittag und abends muss es hier sehr lauschig sein. Als wir das Areal verlassen, treffen einige Kleinbusse mit Touristen ein – die verlaufen (…) sich aber schnell, wir waren fast überall ziemlich allein. Okay, mal abgesehen von den Frauen, die an einigen Stellen ihre Handarbeiten ausgebreitet hatten, um sie an den Mann zu bringen. Wir sagen „Danke“, erstehen an einem improvisierten Stand lieber noch einen Beutel mit frischem Obst – und machen uns auf den dann nicht mehr ganz so mühsamen Heimweg.

Ich habe eingangs erwähnt, dass wir im vorigen Jahr die Fahrt nach Berat gestrichen hatten – wegen eventueller schlechter Befahrbarkeit aus der anderen Richtung kommend. Nun sind wir letztlich zwar doch ans Ziel gelangt, die Strecke reizt mich jedoch noch immer, denn ein Stück hinter Berat kommt eine der landschaftlich schönsten Strecken dieser Gegend, wenn nicht ganz Albaniens – die Straße entlang des Osum-Canyons. Nachfragen beim Hotelpersonal sind nicht sehr erhellend: Der eine Rezeptionist verneint schon die Befahrbarkeit der Strecke bis zum Canyon, ein zweiter ist sich nicht sicher, und ob die Strecke darüber hinaus bis Këlcyra und Permët durchgängig fahrbar ist (was uns sehr gelegen käme, denn das ist unser nächstes Ziel), weiß niemand so recht. Dabei ist die Strecke eigentlich als Hauptstraße ausgezeichnet, was aber in Albanien alles bedeuten kann – von autobahnähnlich bis zur Schotter- und Schlaglochpiste und Vollsperrung wegen Nichtbefahrbarkeit. Das ist aber auch den häufigen Baustellen geschuldet, zudem den häufig nicht vorhersehbaren Ereignissen wie Erdrutschen, Unterspülungen usw. Fazit meiner „Umfrage“ ist dann aber doch, dass die Canyon-Strecke befahrbar sein müsste, was danach kommt, ist fraglich, die Rede ist auch von Vollsperrung wegen Brückenneubau. Also fassen wir einen Tagestrip ins Auge – Gepäck bleibt hier, einmal Canyon und zurück.

Aber das steht erst für morgen an. Während ich mich – ich werde in diesem Jahr 60! – von den Strapazen im kühlen Zimmer erhole, macht sich Rendel nochmal auf. Neben den historischen Stadtteilen hat Berat ja auch einen neuen Teil, den sie sich mal anschauen möchte. – Hier in Rendels Originalton:

Bis zum neueren Stadtteil ist es nicht weit. Das weiße Pflaster des „Bulevardi Republika“ strahlt in der gleißenden Sonne, es ist heiß. Angenehmer läuft es sich da im Schatten des parallel dazu verlaufenden Parks. Ein junger Mann spricht mich mit „Mother“ an. Die türkische Anrede „Abla“, „große Schwester“, klang ja immer nett – aber komme ich jetzt schon als „Mütterchen“ rüber?!

Ein winziges Börek-Lädchen zieht mich magisch an, leider haben sie im Moment nur Fleisch-Börek, wonach mir gerade nicht ist. Später komme ich dann doch nochmal zurück – es sah doch zu gut aus. Die Frau im Lädchen strahlt mich an und begrüßt mich mit: „Byrek më spinaq!“, während sie diese Leckerei frisch und heiß aus dem Ofen zieht! Hmmmh … – knusprig dünner Teig, lecker gewürzt, und dann für umgerechnet 35 Cent. In einem Tabaklädchen frage ich für Detlev nach Zigarillos. Mithilfe eines vielleicht 12-jährigen Jungen, der eifrig für seinen Vater aus dem Englischen übersetzt, erstehe ich ein paar Zigarren. Ich bedanke mich und sage zu dem Jungen: „Dein Papa muss stolz auf dich sein, dass du so gut Englisch sprichst“, woraufhin beide breit strahlen. Gerne würde ich noch ein Foto machen, woraufhin die beiden mich auf ein Wahlplakat der Demokratischen Partei hinweisen. Es zeigt deren Kandidaten zusammen mit dem Jungen, beide machen das „Victory“-Zeichen. Ich mache das Foto von dem Jungen vor dem Plakat – witzig ist, dass er auf beiden dasselbe T-Shirt trägt.

Wieder im Hotel, tauschen wir uns aus – ich erzähle von meinen Abenteuern, Detlev weiht mich in seine Pläne für die Canyon-Tour ein. Ich bin zwar ein bisschen bange, aber die Aussicht auf den Canyon und die Zusage, wenn ich es nicht mehr schaffen sollte, einfach umzukehren, überwiegen dann doch. Wir schlendern die paar Meter von unserem Zimmer zum Hotel und können diesmal auf der Terrasse Platz nehmen – mit einem herrlichen Blick auf das Tomorr-Gebirge, das in der Abendsonne orangefarben glüht. In die Richtung wird es morgen gehen. Die Aussicht auf morgen freut mich, nicht minder jedoch auch die auf das Abendessen. Natürlich gibt es wieder Salat (bei den köstlichen Zutaten immer wieder ein Genuss), Zaziki, scharfe, hausgemachte Würstchen mit Ajvar sowie Röllchen aus gebratenem Rindfleisch – alles serviert von weiß behandschuhten Obern (und wofür wir – incl. Wein etc. – wieder nur € 20,- bezahlen.) [Ende von Rendels Beitrag]

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10. Juni: Berat – Tag 3/Tagesausflug zum Osum-Canyon

Das Navi hat als Startzeit 7.45 Uhr notiert, wir sind also mal wieder zeitig dran. Das kleine Berat haben wir schnell hinter uns gelassen, wir halten uns Richtung Südost, letzter markanter Punkt vor dem Canyon wird die Stadt Corovodë sein. Die relativ schmale, aber gut ausgebaute Straße lässt sich herrlich fahren. Durch landwirtschaftlich genutztes Gebiet, immer flankiert von mehr oder weniger hohen Bergen, nähern wir uns unserem Tagesziel. Auf dem Weg, bei Bogovë, soll es etwas abseits der Straße einen Wasserfall geben. Rendel schlägt vor, dass ich mir das mal ansehe, sie wartet auf mich.

(Hier ist vielleicht für den nicht so motorradkundigen Leser eine Erläuterung angebracht: Wir fahren beide jeweils eine HONDA Africa Twin älteren Baujahrs. Dieses Motorrad zählt zur Kategorie der so genannten „Reiseenduros“. Dieser Typus ist ein ziemliches Allround-Gerät: Aufgrund der Sitzposition und der (mittelmäßigen) Motorleistung lassen sich auch Autobahnetappen erträglich hinter einen bringen, am anderen Ende des Einsatzzwecks stehen leichte bis mittelschwere Schotter- bis (eingeschränkt) Offroad-Pisten. (Bei Letzteren zählen dann immer mehr die fahrerischen Qualitäten.) Also kein Asphaltbrenner, aber auch noch keine richtige Gelände- geschweige denn Motocross-Maschine. Bestes Terrain sind kleine Landsträßchen, gerne mit engen Kurven, Passstraßen, Feldwege etc. Im „Reisetrimm“, vollgetankt und mit Koffern, aber noch ohne Gepäck (also so, wie wir z. B. heute unterwegs sind), wiegt eines unserer Moppeds gut 250 Kilo, voll bepackt kommen nochmal bis zu 20 Kilo drauf. Will heißen: Solange es rollt, ist es gut, auf sehr schwerem Geläuf kann es schon mal schwierig werden, wenn die Fuhre dann mal kippt, wird es etwa für Frauen (aber durchaus auch für manche Männer) schon heftig, wenn es darum geht, das Gerät wieder aufzurichten. – Das erschien mir vor der Schilderung meiner nächsten Übung als sachdienlich …)

Rendel wartet also im Schatten, ich presche den kleinen Weg hoch. Schon nach hundert Metern wird aus dem Feldweg ein übler, mit dicken Felsbrocken gespickter Ziegenpfad. Aber vielleicht kann ich ja noch an die Geländesporterfahrungen meiner Jugend anknüpfen. Oh nein, ich bereue! An ein echtes Wenden ist nicht mehr zu denken. Irgendwie macht es zwar immer noch Spaß, aber zunächst werde ich immer noch weiter nach vorne gezwungen – und zurück muss ich ja auch noch! Natürlich ist sowas nicht wirklich gefährlich (außer, man stellt sich wirklich zu blöd an und stürzt den Abhang runter). Das Schlimmste, was einem in solchen Situationen passieren kann, ist zumeist, dass man fast aus dem Stand (richtig Fahrt hat man da ja meist nicht drauf) langsam und unter lauten Fluchen auf die Seite kippt, blitzschnell realisierend, dass gleich ein schweißtreibender Kraftakt ansteht. Letzteres bleibt mir erspart, denn ich kann mich oben halten (und mein Fluchen hätte selbst Rendel nicht gehört, denn der Funkkontakt ist lange abgebrochen). Von Weitem kann ich etwas erkennen, das die Wasserfälle sein könnten, was aber bedeutet, dass ich den falschen Abzweig erwischt habe. Es heißt also, auf dem Pfad, der nur unwesentlich breiter ist als das Mopped lang – links der Hang, rechts der Abhang, unter mir Fels und Geröll –, zu wenden. In voller Montur bin ich klitschnass vor Schweiß, gerne würde ich den Helm absetzen, aber ich kann das Mopped hier nicht sicher abstellen, zudem habe ich keine Hand frei, da ich die Karre mit Bremse und Kupplung vor dem Abrutschen bewahren muss. Was jetzt kommt, ist Zentimeterarbeit: Vorderrad leicht und ohne zu sehr einzuschlagen in Richtung Hang ausrichten, leicht anfahren, so, dass das Vorderrad ein bisschen den Hang hochrollt, bremsen und Kupplung ziehen, leicht im Gegensinn einschlagen, durch den Schwung des Hangs soweit zurückrollen, dann man hinten noch nicht über die Hangkante rutscht, auf’s Neue leicht einschlagen usw. – das Ganze vielleicht 20, gefühlte 100 Mal, bis man in entgegengesetzter Fahrtrichtung steht. So, jetzt kann ich endlich zur hinter mir auf dem Koffer festgeklemmten Wasserflasche greifen und Flüssigkeit auffüllen. Ich versuche es nochmal an dem vorhin verpassten Abzweig, der Weg endet jedoch an einem verschlossenen Tor, wo ich zumindest normal wenden kann. Runter ist bei einer solchen Fahrbahnbeschaffenheit auch sehr anstrengend, aber anders als bergauf. Gerade noch rechtzeitig, bevor Rendel anfängt, sich Sorgen zu machen, treffe ich – leider unverrichtete Dinge – bei ihr ein. Selbst bei 30°C warmer Luft ist Fahrtwind herrlich!

Schließlich erreichen wir Corovodë, ein 4000-Einwohner-Landstädtchen, das größer wirkt, als seine Einwohnerzahl erwarten ließe. Das liegt sicher auch an der Hanglage, wir müssen uns auf etlichen, von weit ausladenden Bäumen überschatteten Serpentinen durch den Ort winden. Am südlichen Stadtrand wird es flacher, auf der breiten Straße vor uns erstreckt sich ein großer Markt. Und da müssen wir durch. Im Schritttempo bahnen wir uns den Weg, immer wieder erstaunt, wie modern die Menschen selbst hier in der Provinz wirken (vor allem die Mädels in ihren Hot Pants …). Als wir dann wieder Gas geben können, kommen mir Zweifel hinsichtlich der Route. Nee, das kann nicht stimmen. Also besuchen wir noch einmal den Markt … Ein Passant scheint unsere Bredouille und unser Ziel zu ahnen und macht uns entsprechend Handzeichen. Und tatsächlich sehen wir kurz drauf den Hinweis auf den Canyon. „Faleminderit! – Danke!“ Dann zeichnen sich rechter Hand auch schon die ersten Felsabbrüche an, die den Anfang des Canyons andeuten könnten. Überall am Straßenrand sind auf großen Flächen Stapel mit roh behauenen Steinplatten zu erkennen, augenscheinlich zu Pflasterzwecken.

Ich bin ja ein Fan von Brücken, vor allem von römischen und osmanischen. Leider habe ich von der (zumindest auf Fotos) sehr schönen osmanischen „Ura e Kasabashit“ ganz in der Nähe von Corovodë erst später zu Hause erfahren, dafür stoppen wir kurz an einem Exemplar neuerer Bauart, einer abenteuerlichen Konstruktion aus verrosteten Trägern, Stahlseilen und einem bunten Mix aus mehr oder minder vertrauenserweckenden Holzplanken. Irgendwann – irgendwann! – werde ich so ein Ding mal mit dem Motorrad befahren. Für heute reicht mir allerdings schon eine einfache Begehung!

Der Canyon ist, ausweislich einer Info-Tafel (Wikipedia weicht davon stark ab), 13 Kilometer lang, vier bis 35 Meter breit und 80 bis 100 Meter tief. Gerade im Frühjahr, wenn der Fluss viel Wasser führt, ist er ein beliebtes Rafting-Revier. Wir fahren noch ein Stück, gerade an der Stelle, wo er am spektakulärsten erscheint, hat man eine gläserne Aussichtsplattform errichtet. Aber zunächst legen wir Helme und Jacken ab und setzen uns in das improvisierte Café. Bei unserem ersten Besuch in Albanien hatten wir erwartet, wie in der Türkei, auch auf Teehäuser zu treffen, schließlich ist es ja ein ähnlicher Kulturkreis. Dann erinnerte ich mich aber daran, dass auch die Türkei ursprünglich gar kein Tee-Land war, erst Atatürk hat seinen Landsleuten dieses heute nicht aus dem Land wegzudenkende Getränk aus wirtschaftlichen Gründen verordnet, wovon die anderen, wenngleich türkisch geprägten Länder, „verschont“ blieben. Albanien ist also ein Kaffee-Land, und tatsächlich habe ich selten durchgängig so gute Macchiatos und Espressos getrunken wie hier und in Kosova. Entsprechend wird die kleine Butze, von der aus der Inhaber sein Café bedient, von einer großen chromblitzenden italienischen Kaffeemaschine dominiert, die unser Gastgeber auch stolz vorführt. Lecker, auch bei der Hitze.

Wir verbringen einige Zeit auf der Aussichtsplattform, nehmen noch einen Kaffee, und fahren dann noch ein Stück weiter. Zunächst einfach, um dem Lauf des Canyons noch ein wenig zu folgen und auch um zu sehen, wie weit man noch kommen könnte. Auf dem Weg befindet sich noch ein weiterer präparierter Aussichtspunkt mit einer eher witzigen Sehenswürdigkeit mit dem etwa anzüglichen Namen „Das Loch der Braut“. Der Legende nach tat sich dieses Felsloch mit etwa 40 Zentimeter Durchmesser auf, als eine junge Frau vor ihrem „verordneten“ Bräutigam floh und betete, der Fels möge sich auftun und sie verschlingen. In der Folge hat sich dann jedoch ein skurriler Brauch entwickelt: Frisch verheiratete Bräute mit Kinderwunsch kletterten mit auf links gezogenem Brautkleid in das Loch, dort zogen sie das Kleid richtig herum an und machten sich schnell nach Hause auf – was dann zu schnellem Mutterglück führen sollte.

Obwohl es rein entfernungsmäßig nicht mehr weit bis zur nächsten Stadt ist, kommen uns kaum noch Fahrzeuge entgegen, sicheres Zeichen, dass es ein Stück weiter nicht mehr vorwärts geht. Rendel möchte ein bisschen rasten, ich erkunde noch ein paar Kilometer. Tatsächlich ist dann dort, wo der Canyon endet und die Straße den Osum kreuzt, prinzipiell und für den Moment Schluss. Die Brücke existiert noch, der Bereich wird aber gerade im Rahmen einer größeren Baustelle erneuert. Da es mir keine Ruhe lässt, befrage ich die Bauarbeiter nach dem Zustand der weiteren Strecke bis Permët. Kein Problem, durchaus fahrbar, auch die Brücke wäre noch zu nutzen gewesen. Nun hatte ich Erster-Hand-Infos, die uns aber nichts nützten, da unser Gepäck in Berat war. Aber nicht schlimm – wir hatten gesehen, was wir wollten, und für den morgigen Weg, der dann letztlich auch zu dem Ort führen würde, der hier zuletzt nur noch 30 Kilometer voraus gelegen hätte, habe ich uns auch noch zwei nette Sachen rausgesucht.

Wir machen uns auf den Rückweg. Zu gerne würde ich mal die Pflasterstraße vom Hotel zum Burgportal hochfahren. Warum nicht, wird sich jeder fragen? Also los. Hoch geht es noch ganz gut, abgesehen von der heftigen Rüttelei. Die glatten Steine lassen aber schon einiges für die Rückfahrt erwarten. Es ist kaum zu glauben, aber die Steine sind selbst trocken derart glatt, dass ich die Fuhre unterwegs kaum gebremst oder gar zum Stehen bekomme. Und dann laufen ständig Fußgänger auf die Fahrbahn, denen ich dann kaum auszuweichen weiß. Als mir dann noch ein alter Mercedes mitten auf der Fahrbahn berghoch entgegen kommt und keinerlei Anstalten macht, etwas an die Seite zu fahren, schwitze ich Blut und Wasser. Rendel wartet unten und fotografiert die letzten Meter. Seid versichert: Mein stoischer Blick auf den Fotos täuscht!

Am frühen Abend möchte mir Rendel gerne noch ihre gestern entdeckte Neustadt zeigen. Im Park sitzen Männer und spielen Schach, einer macht mich ziemlich an, als ich die Szene fotografieren möchte. Ganz anders drauf sind die etwa zehn Opis, die schwatzend auf Bänken im Schatten sitzen. Interessiert fragen sie nach unserem Woher und Wohin, lachen mit uns – zum Schluss nimmt mich einer herzlich in den Arm. Nette Begegnung!

Vor dem Abendessen packen wir schon ein wenig und legen uns die Sachen für morgen zurecht. Ich checke nochmal kurz die Moppeds und kläre mit der Rezeption, wie wir morgen in der Frühe unser Geraffel zum Haupthaus und damit zu den Motorrädern bekommen – kein Problem, wird pünktlich abgeholt.

Wie bei jeder Reise gibt es auch hier Dinge, wo man sagt: Nett, es gesehen zu haben. Bei Berat geht es uns allerdings so, dass wir wenn irgend möglich nochmals zurückkommen möchten.

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11. Juni: Berat–Apollonia–Byllis–Permët

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Start um 7.30 Uhr. Um auf der anderen Strecke (als der gestrigen) nach Permët zu gelangen, müssen wir einen langgezogenen Dreiviertelkreis gegen den Uhrzeigersinn fahren. Um zu den von mir angepeilten zwei Ausgrabungsstätten Apollonia und Byllis zu gelangen, bedarf es dabei keiner allzu großen Umwege. Über Roscovec und Patos steuern wir zunächst Apollonia an, eine der vielen, wohl 30 Städte dieses Namens, die in der antiken Welt bekannt sind. Mit zu Hoch-Zeiten bis zu 60.000 Einwohnern kann Apollonia als antike Großstadt gelten. Gegründet im 6. Jahrhundert v. Chr., nahm sie zwischen dem 2. Jh. v. Chr. und dem 4. Jh. n Chr. eine hervorragende Stellung in der Gegend ein, nicht zuletzt als Handelsmetropole, denn bis zu einer durch ein Erdbeben verursachten Änderung des Laufs des Flusses Vjosa konnte Apollonia als Hafenstadt gelten – auch die eigentliche Meeresküste lag nur etwa fünf Kilometer entfernt. Im 6. Jahrhundert wurde die Stadt dann endgültig aufgegeben, das Kloster Shën Meri, dessen gut erhaltene Kirche noch heute besichtigt werden kann, wurde im 9. Jahrhundert in den Ruinen Apollonias gegründet, die Kirche an sich datiert aus dem 14. Jahrhundert. Für den Laien gibt das Areal nicht ganz so viel her wie vergleichbare Stätten etwa in Griechenland oder der Türkei, von vielem sind nur noch die Grundmauern erhalten, gut erkennbar und imposant ist noch eine Säulenhalle des Buleuterions, also der Versammlungshalle des Stadtrats, und das Odeon, eine Art Minitheater. Zusätzlich lohnt sich auch ein Besuch des besagten Klosters Shën Meri, das man eh passiert, weil dort der Eingang zum Ausgrabungsgelände liegt. Hier sind auch einige Fundstücke von Apollonia ausgestellt.

Eine nette Begegnung am Rande ereignet sich noch, als ein VW-Bulli mit Ludwigsburger Kennzeichen neben unseren Moppeds parkt. Die beiden, ein Ehepaar etwa unseren Alters, erweisen sich auch als Albanien-Fans mit ähnlicher Interessenlage, wobei sie sich neidisch im Blick auf unsere Reisen zeigen. Zwischenzeitlich hat sich noch eine Hochzeitsgesellschaft eingefunden, die hier ihren Fototermin wahrnimmt.

Bevor wir unser endgültiges Tagesziel ansteuern, wollen wir noch kurz von der Route abweichen und uns eine weitere archäologische Stätte anschauen, das antike Byllis. Ich habe es nur unter der neuzeitlichen Ortbezeichnung gefunden und orientiere mich entsprechend. Dafür müssen wir erst zurück zur Stadt Fier, bevor es Richtung Byllis gehen kann. „Über Land“ ziehe ich beim Navi die gewohnte Ansicht „Norden oben“ vor, während ich im innerörtlichen Gekurve „Fahrtrichtung oben“ bevorzuge. Und neben dem Navi, was ich mittlerweile sehr schätze, habe ich doch auch immer das Kartenbild halbwegs im Kopf. Und das will im Moment so gar nicht mehr mit dem, was das Navi zeigt, übereinstimmen. Bevor es zu sehr aus der Richtung geht, stoppen wir und checken die Lage. Tja, jeder Computer, jedes Navi ist nur so gut, wie sein Bediener! Statt „Ballsh“ (dem neuzeitlichen „Byllis“) hatte ich „Belsh“ eingegeben, was auch in der Gegend, aber in anderer Richtung liegt. Nach der Kurskorrektur sind es dann noch ca. 45 Minuten und wir stehen am Grabungsgelände von Byllis.

Hier ist noch weniger los als in Apollonia, derzeit sind wir die einzigen Gäste. Byllis ist eine illyrische Gründung aus dem 4. Jh. v. Chr. – die Illyrer gelten als die Vorfahren der Albaner. Das langgestreckte dreieckige Stadtgebiet von 30 Hektar Fläche war von einer rund 2200 Meter langen Umfassungsmauer geschützt. Besonders beeindruckt die Lage auf einem Hochplateau, von dem man einen weiten, tatsächlich grandiosen Blick über das Tal der Vjosa hat. Reste von fünf Kathedralen wurden bislang freigelegt, eine Agora mit Stoa, ein Theater, das etwa 7.500 Zuschauern Platz bot und etliche andere Gebäude und Einrichtungen. Als wir das weite Panorama auf uns wirken lassen, merken wir, dass wir doch nicht ganz alleine sind – zwei ältere Damen stromern auch über das Gelände. Eine erzählt uns, dass sie aus Südafrika kommt und auch schon weitgereist ist. Trotz einer gerade überstandenen doppelten Hüftoperation ist sie schon wieder mit ihrer Freundin unterwegs. Wir sind ein bisschen skeptisch im Blick auf das Wetter und machen uns deshalb auf.

Hätten wir mal dem kleinen, unbefestigten Sträßchen getraut! Sicher wären wir eine Stunde früher auf der gut ausgebauten SH4 Richtung Tepelene gewesen. Stattdessen quälen wir uns nach Ballsh zurück und stoßen, nach endlosem Gegurke, erst bei Fratar auf die SH4. Kurz drauf fängt es leicht an zu regnen. Regenkombi oder nicht? Besser is’ es! Als es heftiger wird und schließlich gewittert, ziehen wir es vor, eine Rast zu machen, das Lokal kommt gerade recht. Wir essen eine Kleinigkeit; beim Bezahlen haben wir das einzige Mal auf der Reise den Eindruck, etwas über’s Ohr gehauen zu sein. Der Regen hört auf, weiter geht es. Zwischen Tepelena und Permët wird die Strecke noch einmal so richtig schön, bei Këlcyra passieren wir den Punkt, an dem wir ausgekommen wären, wenn wir die gestrige Strecke nach der Brückenbaustelle weitergefahren wären.

Permët haben wir uns als letzte Station vor unserem morgigen Grenzübertritt nach Griechenland ausgesucht. Nicht weit von hier habe ich im letzten Jahr mein „Verjüngungsbad“ genommen. Am zentralen Platz von Permët liegt das moderne Hotel „Alvero“, wo wir uns für € 35,- einquartieren. Die freundlichen Besitzer bestehen darauf, dass wir die Moppeds direkt vor der Eingangstür parken. Abgesehen von der schönen Lage hat der Ort nicht viel zu bieten, lediglich der riesige Felswürfel, der einige hundert Meter vom Hotel fast direkt am Fluss liegt, weckt unser Interesse. Auf dem „Gur i Qytetit“ („Stadt-Stein“) finden sich noch einige Mauerreste aus osmanischer Zeit. Nachdem wir den Klotz erklommen haben, lassen wir uns zum Abendessen im „Antigonae“ nieder, gut bedient von einer hübschen jungen Frau, die hier ihren Eltern hilft – sonst wohnt sie in Düsseldorf. Ausklingen lassen wir unseren letzten Abend in Albanien auf der Terrasse des Hotelgartens.

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12. Juni: Permët–Agios Germanos (GR)

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