Türkei 2012

Anatolische Impressionen  – Türkei 2012

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Einleitung

Doch, doch – sie stellt sich für uns durchaus noch, die ernsthafte Frage, wohin denn die nächste Reise gehen soll. Aber ganz ergebnisoffen ist sie nicht. Die Liebe zu Land und Leuten, eine gewisse Vertrautheit, die zunehmende Sprachkenntnis – alles das sind Faktoren, die schon eine gewisse Tendenz vorgeben. Trotzdem war es nicht zwingend, dass die diesjährige Tour wieder in die Türkei gehen musste, zumal es mit dem Balkan, Portugal oder auch Iran Ziele gibt, die uns schon noch interessieren. So lautete die konkrete Frage: Gibt es nach fünf intensiven Motorradreisen durch die Türkei noch hinreichend Ziele, die den Aufwand rechtfertigen würden? Und – Nebenbedingung – lässt sich das auch mit einem etwas abgespeckten Streckenpensum zugunsten von mehr Genuss und Intensität machen?

Nachdem ich mittlerweile zig Stunden mit Karten, Reiseberichten und Detailinformationen aus verschiedensten Quellen zugebracht hatte, ließen sich beide Fragen schnell bejahen. Als Vorab-Fazit unserer 2012er-Tour kann also schon an dieser Stelle gesagt werden: Die lohnenswerten Ziele würden uns auch künftig nicht so schnell ausgehen! Und das sind nicht nur zweitrangige Lückenfüller, ganz im Gegenteil: Es sind eher die kleinen, feinen, etwas versteckten, manchmal auch schwer zugänglichen Gegenden, Orte und Sehenswürdigkeiten, von denen die Türkei jenseits der touristischen Hotspots noch sehr viele zu bieten hat.

Eine geschickte Planung machte es zudem möglich, die Etappenlängen etwas kürzer zu halten, um im Gegenzug mehr Zeit für einzelne Ziele zu haben (oder einfach mal einen „day off“ mehr einzulegen).

Als Reisezeitraum hatten wir wieder Mitte Mai bis Mitte Juni anvisiert, eine Zeit, die klimatechnisch für die Gegend optimal ist, zudem sind wir beide dann am ehesten auf unseren Arbeitsstellen entbehrlich. So haben wir rechtzeitig die Motorräder zum Transport bei der Spedition angemeldet, also von Hilden im Bergischen Land nach Oreokastro, einen Vorort von Thessaloniki in Griechenland, dazu den entsprechenden Flug gebucht.

Das Reiseequipment und die Ausstattung der beiden HONDA Africa Twin hatte sich über die Jahre bewährt und bedurfte keiner Anpassung – mit der Ausnahme, dass diesmal noch ein 7″-Tablet-Computer ins Gepäck kam, zudem wurde fast alle Reiselektüre auf E-Book umgestellt, was eine nicht unerhebliche Gewichtsersparnis darstellte.

Zumeist habe ich zu den Preisen in Türkischer Lira (TL) auch das €-Äquivalent angegeben, im Mai 2012 entsprach ein Euro etwa TL 2,26, umgekehrt war eine TL ca. Euro -,45 wert.

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Etappen

  • Oreokastro (GR)–Biga 514 km
  • Biga–Polatlı 500 km
  • Polatlı–Alacahöyük 293 km
  • Alacahöyük–Divriği 455 km
  • Divriği–Kemaliye (mit „Tas Yolu“) 90 km
  • Kemaliye–Tunceli 206 km
  • Tunceli–Ovacik–Tunceli (Munzur-Nationalpark) 123 km
  • Tunceli–Savur 333 km
  • Savur–Mardin (PKW)
  • Savur–Dereiçi (Ausflug)
  • Savur–Soğmatar–Şanliurfa 301 km
  • Şanlıurfa–Darende 340 km
  • Darende–Mustafapaşa 311 km
  • Mustafapaşa–Meke Gölü–Binbirkilise–Karaman 380 km
  • Karaman–Kızılot (Manavgat) 254 km
  • Kızılot–Afyon 353 km
  • Afyon–Bozcaada 515 km
  • Bozcaada–Olympiada (GR) 480 km
  • Olympiada–Oreokastro 90 km
  • Gesamtstrecke (nach GPS): ca. 5.650 km
  • Gesamtfahrzeit (nach GPS): ca. 80 h

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Endlich! – Anreise

Ich sollte – zumindest saisonal – den Beruf wechseln! In den Wochen vor unserer eigenen Reise häufen sich die Anfragen anderer, vor allem Motorradreisender, die gerne noch Tipps und Empfehlungen haben möchten. Streckenempfehlungen kann ich inzwischen schon fast im Schlaf runterbeten, mittlerweile muss ich mir schon aufschreiben, wann wer unterwegs ist und wem ich schon was mitgeteilt habe. Aber jetzt haben wir für so etwas ja noch gut Zeit, denn die Moppeds sind bei der Spedition und vermutlich schon unterwegs. Beim Verladen sehen wir, dass unsere beiden Africa Twins adäquate Gesellschaft haben, zwei BMWs mit RÜD-Kennzeichen. Wir mutmaßen, dass die zu Gaby und Thomas gehören, mit denen wir auch in Kontakt stehen und die kurz nach uns zu ihrer lange erträumten großen Türkeitour aufbrechen wollen. Wir haben uns für den Fall, dass es ohne Umstände passt, locker verabredet, wollen uns per Mail über die jeweiligen Routen auf dem Laufenden halten. Mal schauen, ob sich da etwas ergeben wird.

Flug und Transfer verlaufen ohne Probleme, durch eine Verlegung unserer Flugzeit müssen wir jedoch schon einen Tag eher als geplant anreisen und dann – sonntags ist niemand in der Spedition – einen Tag in Griechenland verdaddeln. Durch die Vorverlegung wird uns aber kein Tag genommen, letztlich ist dieses kurzzeitige Ausbremsen sogar nützlich, wir können vor dem Start richtig „runterkommen“, uns akklimatisieren und ausgeruht an den Start gehen.

Wie vereinbart stehen die Moppeds wohlbehalten und startklar in der Halle der Spedition. Der Mitarbeiter begrüßt uns freundlich, selbst Motorradfahrer, warnt er uns vor der regennassen Straße. Das ist dann auch gleich unser Stichwort, der Start wird also in der Regenkombi vonstatten gehen müssen. Gegen 9.15 Uhr verlassen wir das Gelände, tanken und suchen uns den Weg Richtung Kavala, immer der E90 nach, die hier in Griechenland nach dem alten Handelsweg „Egnatinische Straße“ heißt. Schon auf Höhe der Athos-Halbinsel können wir uns der Regenpellen entledigen, beim Grenzübertritt schwitzen wir schon mächtig. Der erste Schalter scheint unbesetzt, ich fahre durch, beim vorletzten (von vieren) rächt sich diese Fehleinschätzung: Ein Stempel fehlt, was der Mann beim Zoll jedoch bewundernswert unbürokratisch zu korrigieren weiß. Noch etwas Geld getauscht, im Duty Free ein paar Zigarillos gebunkert, dann passieren wir das Portal mit dem freundlich-verheißungsvollen „Hoş geldiniz!“ – Herzlich willkommen.

Die Strecke bis Gelibolu, von wo wir die Dardanellen queren und in den asiatischen Teil der Türkei übersetzen, spulen wir routiniert ab, von da ist es noch eine gute Stunde bis Biga, wo wir uns in bewährter Manier im Hotel „MRG“ einquartieren. Die mit rohen Felsen bestückte Einfahrt zur „Tiefgarage“ ist immer eine Herausforderung, mit Rendels tiefer gelegtem Mopped setze ich einmal heftig auf, trifft aber nur den Hauptständer.

Erinnerungen an den Start vor einem Jahr werden wach, zunächst Rendels Hundebiss noch in Griechenland, dann erst der Umfaller auf der Fähre und schließlich ihr Crash hier kurz vor dem Hotel. Entsprechend froh und dankbar sind wir heute, dass dieser erste, für uns beide immer etwas aufreibende Fahrtag gänzlich ohne unangenehme Zwischenfälle geblieben ist. Glücklich – und nach einem leckeren Abendessen auch satt – fallen wir in die Betten.

Die ersten beiden Tage sind vorhersehbar unspektakulär, eher als „Verbindungsetappen“ geplant. Heute geht es an Bursa vorbei nach Polatlı, kurz vorher stoppen wir, um ein paar Fotos von dem gewaltigen Atatürk-Denkmal zu machen, das die Ebene dominiert. Das Hotel „Duatepe“ ist diesmal schnell gefunden und das Zimmer bezogen. Abendessen – fast schon Tradition – im „Konya Tandır“ auch schon Tradition ist, dass wir dort trotz anderslautendem Vorsatz wieder völlig überfressen herauskommen …

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Hethiter und Aleviten – Alacahöyük

Zum Glück hat das Hotel einen Aufzug, denn wir wohnen im vierten Stock. Das Bepacken der Moppeds ist schnell wieder zur Routine geworden, kurz nach dem Frühstück halten wir auf Ankara zu. In den Vorjahren sind wir von hier aus meist in Richtung Süden oder Südosten abgebogen, heute wollen wir, wie 2007, zu einer Hethiterstätte östlich von Ankara. Anders als seinerzeit verfransen wir uns aber nicht im nachmittäglichen Verkehr der türkischen Hauptstadt, sondern umfahren diese weiträumig auf der teilweise achtspurigen (aber kaum befahrenen) Autobahn – trist, aber gut, um Strecke zu machen. Hier, so war die Planung, sollte unsere Reise „richtig“ beginnen. Hinter Sungurlu bekommen wir endlich wieder die kleinen, geflickten Landsträßchen unter die Reifen, die das Fahren in der Türkei so richtig zu einer Wonne werden lassen. Besucher dieser Gegend orientieren sich für gewöhnlich am Wegweiser Richtung Hattuşa, der alten Hethiterhauptstadt. Da wir die jedoch schon ausführlich besichtigt hatten, soll es heute nach Alacahöyük gehen, kleiner als Hattuşa, aber auch „hinreichend spektakulär”. So halten wir erst auf den größeren Ort Alaca zu, bis wir dann an den Abzweig zum gleichnamigen „Höyük“ kommen. So wie ein „Tepe“ ist ein „Höyük“ auch ein Hügel, jedoch ein künstlich durch das Ablagern verschiedener Siedlungsschichten entstandener, also zivilisatorischen Ursprungs. (Der bekannteste ist der „Çatal Höyük“ südöstlich von Konya; diese Siedlung galt, neben Jericho, lange als älteste Stadt der Welt.)

Dorf und Ausgrabungsstätte scheinen sehr überschaubar zu sein, letztere grenzt, mitsamt eines kleinen Museums, direkt an den Dorfplatz. Dort orientieren wir uns zunächst, trinken einen Tee, bevor wir uns zur Besichtigung aufmachen. Markant und imposant zugleich bildet das Sphingenpaar den Eingang zur eigentlichen Ausgrabungsstätte, rechts und links flankiert von Reliefs, die gut erhaltene Szenen aus Alltag und Kultus zeigen (Klugscheißermodus an: „Sphingen“ ist die Mehrzahl von „Sphinx“, Klugscheißermodus aus). Dominiert wird die Fläche von einer Anzahl Gräber, die, zum Schutz vor Verwitterung, mit Plexiglaskuppeln abgedeckt sind. Die Siedlungsgeschichte von Alacahöyük reicht wohl bis ins 4. Jahrtausend v. Chr. zurück, diese Fürstengräber stammen jedoch aus der Blütezeit des Hethiterreiches, mithin aus den Jahren 1600–1200 v. Chr. In den Gräbern fanden sich Goldschmuck und diverse andere Grabbeigaben, die jedoch in den Gräbern durch Imitate ersetzt wurden (genau wie die Skelette). Einige Originalfunde zeigt das kleine Museum, die wichtigsten Exponate sind jedoch nach Ankara gebracht worden.

Sturm und Regen ziehen auf, Zeit, sich Gedanken zu machen, wo wir die Nacht verbringen wollen. Vor Ort soll es nichts geben, also vielleicht nach Alaca. Doch an dem Nippeslädchen prangt in leuchtendem Rot die Aufschrift „Pansiyon“ – also doch mal fragen. Nach einer Dreiviertelstunde kommt Rendel zurück, im Schlepptau eine freundliche Frau in unserem Alter. Sie und ihr Mann, mit dem sie das Lädchen betreibt, haben oberhalb des Ortes ihr Haus, auf das sie noch ein Geschoss mit zwei Zimmern gesetzt haben. In ihrem Laden verkaufen sie Repliken der in Alacahöyük gemachten Funde. Hasan Kaplan, so heißt unser neuer Bekannter, fertigt diese Nachbildungen während der Wintermonate selber und das – Respekt! – nicht schlecht.

Nach ein paar weiteren Tees (ich weiß nicht, ob er sich Mut antrinken muss …) schwingt sich Hasan auf meinen Sozius und zeigt uns den Weg zu ihrem Haus, Döne, seine Frau, geht zu Fuß. Auf dem Gelände und oben auf der Dachterrasse, über die man zu den Zimmern gelangt, herrscht das übliche türkische Chaos, ganz im Gegensatz zu den beiden blitzeblanken und augenscheinlich ganz neuen Zimmern. Zweckmäßig, sauber, dazu in extrem ruhiger Lage, ganz so, wie wir es heute brauchen können. Auch beim Preis von TL 70,- (also € 30,-) pro Nacht incl. „Ev Yemek“, also Hausmannskost im Familienkreis, brauchen wir nicht lange zu überlegen – wir sind die ersten Gäste in der Pension „Arinna“, benannt nach einem der möglichen antiken Namen Alacahöyüks.

Während Rendel duscht und ich noch in Unterhose bin, steht plötzlich die Tochter des Hauses im Zimmer, eine Mittzwanzigerin mit liebem, etwas kessem Gesicht. Mich wundert die relative Unbefangenheit, auch fällt auf, dass weder sie noch ihre Mutter Kopftuch tragen. Obwohl ich erst abwinke, setzt sie sich über mich hinweg und zieht noch ein warmes Oberbett ein (eine sehr überlegte Maßnahme, wie ich in der Nacht dankbar zugeben muss).

Wir ruhen uns etwas aus, und meine frustrierenden Versuche, meinem Tablet mittels SIM-Karte Internetzugang zu verschaffen, werden glücklicherweise irgendwann durch ein Klopfen an der Tür beendet – Abendessen! Wir versammeln uns im bescheidenen Wohn-/Esszimmer und haben erst einmal viel Spaß mit dem kleinen Ata, dem Sohn der Tochter des Hauses. Die Frauen servieren Dolma, also gefüllte Weinblätter, Almsuppe, Çacik und Bulgur – einfach, frisch, lecker.

Wir erfahren, dass es sich bei den Kaplans um Aleviten handelt. Ursprung und Einordnung innerhalb des Islams sind nicht eindeutig geklärt und umstritten, doch sind Ritus und Gewohnheiten von dem des „normalen“ Islams recht unterschiedlich, weswegen die Aleviten in traditionell islamischem Umfeld auch nicht immer gut gelitten sind. Ganz augenfällig stellt sich für uns der Unterschied in der auch äußerlich wahrnehmbaren Gleichstellung der Frau dar, darin, dass sie keine Gebetshäuser wie etwa Moscheen kennen – und auch etwa daran, dass die Aleviten auch „offiziell“ Alkohol trinken. Interessant auch, dass sich die Mutter des kleinen Ata wohl von ihrem Mann getrennt hat, ohne dass das den üblichen Vorwurf der „Schande“ nach sich zog.

Zwar regnet es, doch nehmen wir die Einladung von Döne und Hasan an, noch einen kleinen Spaziergang in der Umgebung und durchs Dorf zu machen. (Rendel und ich können uns nicht erinnern, je zuvor mit einem normalen einheimischen türkischen Ehepaar spazieren gegangen zu sein.) Immer wieder weist uns Döne auf am Wegesrand wachsende Kräuter hin, die wir zum Teil gar nicht kennen bzw. nie als essbar angesehen hätten. Einiges davon hatte sie auch im Abendessen verwendet.

Die Gegend ist zum Teil der Toskana nicht unähnlich, sowohl im Blick auf Landschaftsform und Vegetation als auch bei der Bebauung. Während wir mit den beiden durchs Dorf gehen, öffnen sich hier und da Fenster und die Leute, die darin erscheinen, laden uns ein – was wir leider ausschlagen müssen. Dafür trinke ich mit dem immer freundlich lachenden Hasan vor seinem Haus noch ein Bier. So endet dieser Tag so, wie wir es mögen: im Kreis von netten Einheimischen.

Wir wohnen zu Hause auch sehr ruhig, aber wenn das Lauteste, was man die Nacht über vernimmt, das eigene Atemgeräusch ist, ist das schon etwas ungewohnt. Ganz sicher haben die Menschen hier ihre ganz eigenen Sorgen und Stressoren, aber die Ruhe hier ist dem körperlichen und seelischen Wohlbefinden sicher nicht abträglich. So schalten auch wir langsam ab und erwachen ausgeruht und erfrischt. Draußen tut sich schon was. Trotz des frischen und leicht feuchten Morgens wird auf dem Dach vor unserem Zimmer fürs Frühstück gedeckt. Neben den üblichen türkischen Bestandteilen frische Butter aus dem Dorf, jede Menge Grünzeugs wie Petersilie, Frühlingszwiebeln usw. und etwas, das wie Tomatenketchup aussieht, sich aber als „Kuşburnu“ herausstellt, ein Mus aus Hagebutten. Döne hatte uns schon am Vorabend erzählt, dass sie viel Wert auf eine gesunde Ernährung legen, wozu – zumindest aus unserer Sicht – die frischen, handgeschnitzten Pommes frites heute morgen vielleicht nicht so ganz passen.

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Immer Ärger mit der Polizei – Über Sivas nach Divriği

Bei der herzlichen Verabschiedung versprechen wir noch, nach Möglichkeit auf diese nette Unterkunft hinzuweisen, kurz drauf haben wir schon Alaca passiert und peilen unser heutiges Tagesziel an, Divriği. Bei Yozgat dann die erste Polizeikontrolle auf dieser Tour. Ganz offensichtlich sehen uns die beiden Polizisten weniger als Verkehrssünder denn als willkommene Abwechslung in ihrem Dienstalltag an. Entsprechend freundlich werden wir befragt und nach kurzer Kontrolle lassen sie uns weiterziehen. Doch bei der Einfahrt nach Sivas dasselbe, ausgerechnet wir werden rausgewunken. Als direkt nach uns ein türkischer Motorradfahrer, der bestimmt doppelt so schnell wie erlaubt gefahren ist, auch rausgewunken und gleich wieder fahren gelassen wird, argwöhne ich, dass hier an ausländischen Bikern ein Exempel statuiert werden soll. Doch die Frage des Polizisten stellt nicht auf unsere Geschwindigkeit oder unsere Papiere ab, vielmehr fragt er: „Çay istiyor musunuz? You want tea?“ Ich kämpfe einen kurzen Moment mit einem Anflug von Empörung, muss dann aber schmunzeln und antworte: „Evet, istiyorum!“ – Man kann schließlich schlecht auf der einen Seite immer die Gastfreundlichkeit und das Interesse an den Menschen preisen und sich dann aufregen, wenn es vielleicht mal etwas skurrilere Formen annimmt. Auf jeden Fall brüllt der Sheriff seinem Kollegen in der gegenüberliegenden Polizeiwache zu, er soll schon mal frischen Tee machen. Uns geleitet man in eine Art Sozialraum, wo wir es uns in den Sesseln bequem machen. Bei etlichen Tees erzählen wir wieder mal, wie, warum und wohin wir reisen, wie sehr wir die Türkei mögen – dann werden wir mit einem freundlichen „İyi yolculuklar“ – Gute Fahrt! entlassen.

Die Strecke nach Divriği zieht sich, aber mittlerweile wärmt auch die Sonne wieder und die Gegend wird zusehends schöner. Zwar von Süden kommend, aber eben mit demselben Ziel, haben wir diese Gegend schon im Vorjahr erlebt, da jedoch wegen einbrechender Dunkelheit nur im Schnelldurchgang. Jetzt können wir die weite, hügelige Landschaft mit den schneebedeckten Bergen am Horizont genießen und legen vor allem auf den letzten 50 Kilometern hin und wieder einen Fotostopp ein.

Das Hotel hat zwar seit letztem Jahr den Namen gewechselt, ist aber immer noch komfortabel und mit TL 100,- pro Nacht im Doppelzimmer auch immer noch preiswert. Eine Dusche tut nach Hitze und Staub immer wieder Wunder, so sind wir schon bald drauf wieder erfrischt und lassen uns ein Taxi kommen, das uns in den etwa drei Kilometer entfernten Kern der 11.000 Einwohner zählenden Stadt bringt.

Die Anfang des 13. Jahrhunderts errichtete Ulu Camii („Große Moschee“) mit dem angegliederten Krankenhaus Darüşşifa gilt als eines der bedeutendsten mittelalterlichen Bauwerke Kleinasiens und zählt heute zum UNESCO-Weltkulturerbe. Besonders die extrem aufwändig mit Steinmetzarbeiten verzierten Eingangsportale verschlagen dem Betrachter den Atem. Obwohl wir uns halbwegs satt gesehen haben, melden sich dann doch unsere Mägen. Wir gehen wieder ins Belediye Restoran, ein von der Gemeinde betriebenes Lokal, das aus dem ersten Stock einen schönen Blick auf die Moschee bietet. Nach dem Essen spricht uns ein Mann an, der im Erdgeschoss einen Fotoladen betreibt. Nachdem wir von unserer Reise und vor allem von unserer Planung für morgen erzählt haben, klopft er mir anerkennend auf die Schulter und zeigt uns dann einige Bilder, die er selbst im Bereich der Taş Yolu gemacht hat, unter anderem Aufnahmen von Steinböcken – die möchte ich auch wohl mal vor die Linse bekommen!

Trotz der Wärme fühlt sich Rendel etwas fröstelig, unangenehme Erinnerungen ans Vorjahr werden wach. So gehen wir beide früh schlafen, um für den morgigen Tag fit zu sein. Heute müssten Thomas und Gaby in Thessaloniki angekommen sein, richtig los geht es für sie dann auch morgen.

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Auf rauen Wegen zu den Sternen – die Taş Yolu

Bin ich aufgeregt! Entsprechend kann ich zum Frühstück kaum etwas essen. Mit Ausnahme des Fotografen gestern haben uns fast alle Türken, denen wir davon erzählt haben, davon abgeraten, die Taş Yolu zu fahren, unisono meinten sie, wir sollten doch lieber die „richtige“ Straße östlich des Euphrats nehmen. Aber unser Entschluss steht, schließlich war diese „Felsenstraße“ einer der Hauptgründe, in diese Gegend zu fahren. Auch unser Hotel-Rezeptionist scheint sich mit uns zu freuen und wünscht uns gute Fahrt.

Zur Vorsicht checke ich die Motorräder noch mal kurz durch, dann geht es los. Erfreulicherweise spielt das Wetter perfekt mit, makellos blauer Himmel! Von Divriği aus geht es zunächst etwa 60 Kilometer über schöne kleine Straßen in Richtung ost-südost, dann kommen wir an den Abzweig, an dem ein Wegweiser verheißungsvoll die Richtung „Kemaliye Taş Yolu“ anzeigt, Grund, einmal das Stativ auszupacken und uns beide davor zu fotografieren. Nach etlichen weiteren Kilometern auf nicht enden wollenden Serpentinen – motorradfahrerisch also ein Traum! – überkommt mich doch ein leiser Zweifel, ob wir nicht einen weiteren Abzweig übersehen haben. Die Taş Yolu an sich ist auf praktisch keiner Karte eingezeichnet und auch die anderen Straßen sind zu wenig detailliert dargestellt, um echte Orientierung zu bieten. Und keine Menschenseele, die man fragen könnte! Doch dann: Erst sehe ich den braunen, träge dahinfließenden Fluss, der der Größe nach nur der Euphrat sein kann, und schließlich erkenne ich den Tunneleingang, den ich mir viele Male auf Fotos angeschaut habe. Darüber prangt ein Schild: „Kemaliyeliler Taşyolu“, ergänzt um das Datum der Eröffnung, den 3. August 2002.

Genauere Informationen über Geschichte und Bau dieser Straße sind auf Deutsch nur schwer zu bekommen. Sicher ist, dass die Straße mit ihren schließlich 17 Tunneln dazu dienen sollte, kleinere Orte entlang des Euphrat an die Außenwelt anzuschließen. Der Bau der nur gut acht Kilometer langen Strecke hat 130 Jahre gedauert und viele Menschenleben gekostet. Man erzählt sich, dass das Vorhaben letztlich nur aus Achtung vor diesen Opfern zu Ende gebracht wurde, denn zwischenzeitlich sind die Dörfer durch eine einfacher zu befahrende Straße weiter östlich zu erreichen. Tatsächlich ist uns an dem Tag auch nur ein einziges Fahrzeug begegnet, selbst Taxifahrer in Kemaliye, unserem Zielort am Ende der Taş Yolu, erzählten, dass sie die Strecke noch nie gefahren seien.
(Die Seite www.dangerousroads.org beschreibt die Strecke so: Kemaliye Taş Yolu is one of the most extreme roads in the world. Located in the Eastern Anatolia region of Turkey, this hand made road is extremely challenging, with drops of hundreds of meters unprotected by guardrails and several tunnels, more dangerous than the famous Guoliang Tunnel.)

Dann also los! Zunächst müssen wir uns ein wenig an den Untergrund und die Dunkelheit gewöhnen. Die Tunnel sind nur grob aus dem Fels geschlagen, die „Fahrbahn“ holperig, überall Spuren von Steinschlag. Da, wo Tunnelabschnitte einmal sehr lang geraten sind, wurden Querschläge in den Fels getrieben, um etwas Licht hereinzulassen. Wenn dann so ein Tunnel endet und den Blick auf den Euphrat und die Berge frei gibt, verschlägt es uns regelmäßig den Atem! Auf den acht – gefühlten 50 – Kilometern halten wir wohl an die 30 Mal an, staunen, weisen uns gegenseitig auf prachtvolle Ausblicke hin und machen natürlich jede Menge Fotos. Bei Blickrichtung Süd zeigt sich das folgende Panorama: links hoch und sehr steil aufragend die braun-ockerfarbenen Berge, dann der Euphrat. Rechter Hand die Taş Yolu, die immer dort, wo die Tunnel enden, zutage tritt. Die hohen Felsen sind hin und wieder durch kleine Quertäler unterbrochen, aus denen häufig kleine Bäche mit Wasserfällen sprudeln, die dann in den Fluss münden. Wir machen uns den Spaß, diese Bäche, die dann über die Fahrbahn fließen, mit Schmackes zu durchfahren (um das Ganze dann später als „Flussdurchfahrten“ zu deklarieren …). Aber tatsächlich ist die Strecke fahrtechnisch nicht ganz ohne, vor allem auch da, wo die Tunnel enden und zwischen Felsen rechts und Abgrund links nur wenig Platz bleibt. Fahrzeuge sollten auf jeden Fall eine genügende Bodenfreiheit aufweisen.

Rendel merke ich die Anspannung an, jedoch hätte ich ihr diese Strecke nicht zugemutet, wenn ich nicht davon hätte ausgehen können, dass sie das meistern kann – und: Chapeau!

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Ein Kleinod, das noch entdeckt werden will – Kemaliye

Viel zu schnell nimmt diese Traumstrecke dann ein Ende. Nach dem letzten Tunnel geht es über eine Brücke über den Euphrat und nach wenigen Minuten erreichen wir das Landstädtchen Kemaliye mit seinen 5.000 Einwohnern. Kemaliye ist eine armenische Gründung und trug, bis es 1926 zu Ehren von Mustafa Kemal Paşa, genannt „Atatürk“, umbenannt wurde, den armenischen Namen Eğin. Dieser Name begegnet einem auch heute noch, so heißt etwa das Hotel, in dem wir unterkommen möchten, „Yeşil Eğin“ – Grünes Eğin. Zunächst hatten wir ein anderes Hotel angepeilt, zu dem uns einige junge Frauen den Weg erklären. Da es jedoch recht weit außerhalb vom Ortskern auf einem Berg liegt, entschließen wir uns, im Ort zu bleiben. Da im Moment etliche türkische Touristen das Hotel bevölkern, können wir zunächst kein Zimmer mit Balkon und Euphratblick ergattern, nachdem die Rezeptionistin den Chef geholt hat, findet sich dann doch noch ein Weg …

Immer noch etwas benommen von dem Erlebten und den überwältigenden Eindrücken, richten wir uns in dem schönen Zimmer ein. Tatsächlich geht der Blick von dem kleinen Balkon weit in Richtung Süden den Euphrat hinunter, gegenüber die hohen Berge.

Beim ersten Erkunden des Städtchens fangen uns ein paar Männer am Taxistand ab. Der Wortführer wirkt ungepflegt, ist aber sehr freundlich. „Mister Yes Sir!“, wie er sich nennen lässt, spricht etliche Sprachen, was auf seine langjährige Auslandstätigkeit für Turkish Airlines zurückzuführen ist. Er erzählt uns, dass er seine Landsleute in Sachen Kreativität für eher minderbemittelt hält, die schöne Architektur des Ortes sei ausschließlich auf Griechen und Armenier zurückzuführen. Mit Blick auf die Nähe zur Alevitenhochburg Tunceli fragen wir, wie sich die Bevölkerung hier zusammensetzt, und erfahren, dass Kemaliye zu fast 100 Prozent von sunnitischen Moslems bewohnt wird.

Wir schlendern ein wenig durch die Gassen, die sich zum Teil den Hang hinaufziehen, und stoßen dabei tatsächlich auf viele ausnehmend schöne Häuser. Besonders nett anzusehen sind die Erker, deren Holz häufig wie geflämmt wirkt, was ihnen eine besonders schöne Farbe verleiht. Einige der Gebäude sind verfallen, andere scheinen mit einigem Aufwand stilecht restauriert bzw. erhalten worden zu sein. Am Ortsausgang hören wir ein ohrenbetäubendes Dröhnen – aus den Bergen stürzt ein wohl fünf Meter breiter reißender Bach ins Tal, um schließlich im Euphrat zu münden. Kein Wunder, dass Kemaliye mal „Grünes Eğin“ hieß. Die Hoffnung, dass es hier angesichts solcher Bäche sicher auch ein Forellenrestaurant geben müsste, erfüllt sich leider nicht, im Gegenteil: Restaurants sind eher Mangelware. Wir kehren in dem Lokanta gegenüber ein, das zu unserem Hotel gehört, die typische Auswahl an vorgekochten Gerichten, okay, aber nichts Besonderes. Den Sonnenuntergang erleben wir bei einer Flasche Wein auf dem Balkon. – Was für ein Tag! (Zwischenzeitlich habe ich von einem Motorradkollegen, der kurz nach uns da war, den Tipp bekommen, dass es irgendwo oberhalb des Hotels ein schönes Restaurant gebe, das in einem alten Hamam eingerichtet wurde – noch ein Grund mehr, Kemaliye ein weiteres Mal anzusteuern.)

Der Ort gefällt uns wirklich. Touristisch hat er nur gerade so viel Potenzial, dass er kaum Gefahr läuft, wirklich zu einem Hotspot zu werden (zudem ist er, auch, wenn man nicht über die Taş Yolu kommt, schwer zu erreichen). Wir machen uns noch einmal auf, ihn ein wenig mehr zu erkunden. Ein großes Steingebäude mit ausladendem Holzerker erweist sich als ehemalige armenische Kirche – von der Form her kaum als solche zu identifizieren. Heute beherbergt sie ein kleines Museum und das „Café Canyon“. Wir nehmen auf den kleinen Höckerchen unter Bäumen Platz und bestellen das, was als „100-TL-Çikolata“ deklariert ist. Diese aus frisch geraspelter Schokolade gemachte Bombe ist tatsächlich die kräftigste Schokolade, die wir je getrunken haben, aber kein Grund, nicht noch einige Tees hinterher zu schütten. Ach ja: Wir haben dann zusammen doch nur TL 4,-, also etwa € 1,80 bezahlt.

Bei einem ihrer Erkundungsgänge war Rendel ein Laden mit der Aufschrift „Lökhane“ aufgefallen. Wir stiefeln beide noch mal den Berg hoch und ich spreche den vor dem Laden sitzenden jungen Mann an. Darauf sperrt er die Tür auf und führt uns in einen großen, holzverkleideten Raum, der wohl gleichzeitig als Verkaufsraum und Produktionsstätte dient. Er erklärt uns, dass „Lök“ eine pastenartige Süßware aus Maulbeeren, Walnüssen, Honig, Mandeln und anderen Zutaten ist. Diese werden in einem großen mechanischen Mörser gestampft und gemischt und dann zu etwa zigarrengroßen „Würstchen“ gerollt. Er lässt uns zwei verschiedene Sorten probieren, wir kaufen eine Packung der Sorte, die uns zwar nicht ganz so gut schmeckt wie die andere, sie soll aber, an Ort und Stelle noch vakuumverpackt, den Rest unserer Reise überstehen können. Ich nehme an, dass dieses Lök dem ähnelt, was uns an anderer Stelle schon unter den Namen „Köme“ und „Pestel“ begegnet ist, denn die Zutaten sind praktisch identisch.

Der junge Mann bietet sich noch an, uns etwas anderes zu zeigen. Ein paar Meter weiter verbirgt sich hinter einer schweren Holztür eine alte, aber noch in Betrieb befindliche wasserbetriebene Kornmühle, die vor unseren Augen schwerfällig anläuft und tatsächlich unten frisch gemahlenes Mehl ausgibt.

Wir entdecken einen kleinen Döner-Laden, in dem es auch Tavuk- also Hähnchen-Döner gibt. Wir werden auf die kleine Holzveranda gesetzt und bekommen unser Essen serviert – sicher Fastfood der gesünderen Art. Für Döner, zwei Ayran und ein paar Tee zahlen wir TL 9,-, knapp vier Euro, noch ein Beleg dafür, dass der Tourismus hier noch nicht wirklich Fuß gefasst hat.

Da es uns hier so gut gefällt und sich zudem das Wetter erst ab übermorgen wieder in Richtung „schön“ entwickeln soll, beschließen wir, noch eine weitere Nacht zu bleiben.

Beim Frühstück treffen wir ein amerikanisches Ehepaar aus Seattle. Er stellt sich als gebürtiger Velberter heraus, der seinen Zungenschlang auch im Alter nicht verloren hat, auch seine Frau spricht gut Deutsch. Sie sind insgesamt gut sechs Wochen unterwegs, in diese abgelegene Gegend hat es sie verschlagen, weil die Frau auf der Suche nach ihren armenischen Wurzeln ist.

Unter den interessierten Blicken der männlichen Bevölkerung checke ich die Moppeds für die morgige Etappe, lasse mir an einer Tankstelle einen halben Liter Öl abfüllen. Wir sind uns nicht ganz sicher, welche der Strecken nach Tunceli wirklich befahrbar ist, so macht sich Rendel zu unseren Bekannten am Taxistand auf – und schon nach einer Dreiviertelstunde sind alle Möglichkeiten, Alternativen und Nebenbedingungen erörtert …, zudem erhalten wir noch den Tipp, uns ein paar Liter Reservesprit in Flaschen mitzunehmen!

Bei einem ihrer Spaziergänge kommt Rendel an einem schönen Garten vorbei. Der Mann, der darin werkelt, winkt sie zu sich, zeigt ihr, was er anbaut, und weist auf die schöne alte Einfassungsmauer. Die habe sein Urgroßvater errichtet, sein Großvater und sein Vater hätten sie instand gehalten, und nun pflegte er sie. Aber, so fragt er sich, wer wird sich künftig darum kümmern? Seine Kinder sind auf der Suche nach guter Ausbildung und Arbeit alle in die großen Städte gezogen. Immer wieder begegnet uns diese Diskrepanz: Für uns sind es reizvolle Fleckchen, in denen wir am liebsten einen Großteil unseres Lebens verbringen würden, die Einheimischen, vor allem die Jugendlichen, sehen eine lebenswerte Zukunft nur jenseits dieser beschaulichen, aber wirtschaftlich unattraktiven Gegenden.

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„Sie brauchen hier keine Angst zu haben!“ – Tunceli

„Days off“ kommen gut, das Fahren macht danach wieder umso mehr Spaß. Also Tunceli. Ähnlich wie vor Jahren bei Diyarbakır genießt die Gegend nicht den besten Ruf, Schlagwörter wie „Unruheprovinz, bewaffnete Auseinandersetzungen“ etc. machen die Runde. Da wir mit diesen Beurteilungen oft Lügen gestraft worden sind, nehmen wir uns auch diesmal vor, die Sache unvoreingenommen anzugehen. Wir starten schon früh um 8.15 Uhr, das Wetter zeigt sich mal wieder von der besten Seite. (Apropos: Auf der ganzen Reise hatten wir zweimal für ein paar Stunden die Regenkombis an; das Wetter war nicht immer „schön“ im Sinne von Strandwetter, für unsere Anforderungen beim Fahren, Wandern und Besichtigen war es jedoch zu mehr als 95% optimal.)

Die Taş Yolu hatte ihre ganz besonderen Reize, aber was sich unseren Augen an diesem Vormittag bietet, steht dem nur wenig nach und soll im Rückblick auf Rendels „Best-of“-Liste ganz oben stehen. Zunächst geht es noch ein Stück den Euphrat entlang, den wir bei Tosunsaray überqueren, bevor wir dann auf Çemişgezek zuhalten. Dieser Ort war uns als Wegmarke genannt worden, außerdem soll es dort eine Tankstelle geben. Allerdings verliert sich die kleine Straße mit der Zeit fast im Nirgendwo, das Navi hat auch keinen Plan mehr. Als wir eine Schafherde durchqueren, frage ich die Hirten nach dem Weg. Die beiden haben ihre Köpfe gegen Hitze und Staub in Tücher gehüllt, trotzdem kann ich in ihren Augen Staunen und auch ein wenig Misstrauen erkennen, als sie uns auf unseren Moppeds sehen. Ich verstehe sie kaum, auf das Stichwort „Çemişgezek“ hin weisen sie aber in die von mir erhoffte Richtung. Endlich erreichen wir diesen Ort und sehen auch die Tankstelle – wird auch langsam knapp! Meine Frage nach „Doksanbeş“ („fünfundneunzig“, also Benzin mit 95 Oktan, sprich: Super) muss der Tankwart aber verneinen. Zum Glück soll es ein paar Kilometer weiter noch eine Tankstelle geben. (Tatsächlich ist es uns in abgelegeneren Gebieten häufiger passiert, dass Tankstellen kein Benzin hatten, weswegen man im Zweifel lieber einmal mehr und früher nachtanken sollte. Zudem streiken hin und wieder auch die Kreditkartenterminals, Bargeld für zumindest eine Tankfüllung ist also auch gut, weil sich das mit der Kreditkarte ja immer erst nach dem Tanken herausstellt.)

An der nächsten Tankstelle bekommen wir nicht nur Benzin, sondern auch Tee und Kaffee, zudem einige zuverlässige Tipps hinsichtlich der Streckenführung. Die von uns eigentlich ausgeguckte Route über Hozat sei nicht befahrbar, um nach Tunceli zu gelangen, müssen wir den kleinen Umweg über Pertek nehmen. Vielen Dank, kein Problem!

Pertek liegt an einem Ausläufer des Keban-Stausees, die dortige Burg ist nicht in den Fluten versunken, bildet jetzt eine Insel. Einen Besichtigungsstopp ist uns die Sache nicht wert, mit meinem neuen Teleobjektiv gelingen ein paar gute Fotos vom Ufer aus. Wieder Richtung Norden halten wir also auf Tunceli zu, passieren den Abzweig nach Mazgirt. Hier spielt eine Folge der TV-Reihe „Zu Gast in …“, in der Lebens- und Essgewohnheiten der jeweiligen Bewohner beschrieben werden. Aus der Sendung ist mir das Archaische dieser Gegend und ihrer Bewohner in Erinnerung geblieben, aber auch das Herzliche und Gastfreundliche, das diese Menschen kennzeichnet. – Man darf gespannt sein!

Da nicht zu erwarten ist, dass wir das Hotel auf Anhieb finden werden, orientieren wir uns zur Dolmuş-Station, dort findet sich immer jemand, der sich auskennt. Wir halten auf zwei Männer zu, die uns freundlich begrüßen. Doch der zweite Satz nach dem üblichen „Hoş geldiniz! – Hoş bulduk!“-Austausch lautet (auf deutsch!): „Sie brauchen hier keine Angst zu haben!“ – Na prima! Die scheinen hier wohl um ihren Ruf zu wissen … Andererseits hat die Atmosphäre hier nichts von dem, wie wir es etwa in den Gegenden jenseits des Van-Sees erlebt haben. Nichts Finsteres, Bedrückendes, Feindseliges, ein ganz normales türkischen Landstädtchen, geschäftig, wuselig, tendenziell eher freundlich. Der ältere der beiden Männer bietet sich an, mit mir zu fahren und uns zum Hotel zu leiten. Noch ein kurzer Verfahrer (ich hatte ihn nicht richtig verstanden), dann stehen wir vor dem „Has Hotel“ (nein, kein „nomen est omen“, „Has“ heißt „fein, rein“). Sofort werden für uns die besten Stellplätze vor dem Eingang geräumt und uns erst einmal eine Erfrischung gereicht. Das Zimmer genügt unseren Anforderungen völlig, TL 80,- für die Nacht sind der übliche günstige Tarif. Zwar müssen wir unser Gepäck in den dritten Stock wuchten, dafür haben wir von dem kleinen Balkon aus einen wunderbaren Überblick über das Treiben auf der Straße.

Zurück in der Lobby erzählt uns unser Lotse, dass er zu einem Kontingent von Männern aus Tunceli gehörte, die in den 1970er-Jahren von Opel in Rüsselsheim angeworben wurden, viele von ihnen leben jetzt als Rentner wieder in ihrer Heimat. Ein anderer Mann stellt sich als Mitarbeiter auf dem Frankfurter Flughafen vor, auch auf Besuch bei der Familie.

Also: Dass wir hier keine Angst haben müssen, ist uns schon klar geworden, Hunger haben wir trotzdem … Rendel macht den Scout und sucht die Umgegend nach geeigneten Lokalitäten ab, während ich vom Balkon aus die Menschen beobachte und einige Fotos mache, wobei sich auch wieder das lange Tele bewährt.

Schon häufiger ist es uns im Osten passiert, dass sich Städte als überraschend modern erwiesen. Hier ist es besonders auffällig, was aber sicher auch auf die alevitische Bevölkerung zurückzuführen ist, die ja, um den sicher etwas vereinfachenden Begriff zu gebrauchen, etwas „liberaler“ ist. Auch einem älteren Herrn wie mir entgeht nicht, dass die hiesigen Frauen ausnehmend hübsch, ja zum Teil wahre Schönheiten sind, vom Kleidungsstil manchmal fast „sexy“. – Aber zurück zum Thema! Essen.

Also: Rendel hat ein paar Sachen herausgefunden. Wir schlendern ein wenig durch die Stadt, als uns ein Mann Mitte dreißig auf deutsch anspricht. Er ist in Deutschland aufgewachsen und lebt jetzt wieder in Tunceli. Nach kurzem Smalltalk verabschieden wir uns, nur um ihm kurz drauf wieder in die Arme zu laufen. Wir nehmen sein Angebot an, uns etwas die Stadt zu zeigen. Tunceli an sich ist recht unspektakulär, lediglich die Lage ist schön: eingeschlossen von hohen, wie abgebrochene Zähne aufragenden Felsketten, zudem am Zusammenfluss von Harcik- und Munzur-Fluss. Der junge Mann führt uns zu einem beliebten Aussichtspunkt oberhalb des Flusses, erzählt uns vom Dersim-Aufstand in den 1930er-Jahren. „Dersim“ ist der vormalige Name Tuncelis. Im Zuge der Türkisierungsbestrebungen widersetzten sich viele Bewohner und Stämme aus der Gegend, was dann zu schlimmen Gräueltaten an der Bevölkerung führte. Wir kommen an zwei Denkmälern vorbei. Eines zeigt Seyid Riza, einen der Anführer des Aufstandes vom Stamm der Dersim-Kurden, der zusammen mit seinem Sohn gehängt wurde. Das andere Denkmal hat einen noch tragischeren Hintergrund, das für den „Verrückten“ Şeuşen. Ein fröhlicher, freundlicher, gleichwohl etwas wunderlicher Mann, überall beliebt, der Selbstgespräche führte und selbst im Schnee nicht selten barfuß ging. Vielleicht etwas verwirrt, weil er anlässlich einer Ausgangssperre auf der Straße niemanden fand, randalierte er mit einem Knüppel in der Hand auf einer Polizeiwache: „Wo habt ihr die Leute hingesteckt? Habt ihr sie umgebracht wie 1938?“ – Die Polizei folterte ihn mehrere Tage lang; er soll dabei nur gelacht haben. Im Jahr 1994 soll er von einem Mann, der von der Geheimpolizei dazu angestachelt worden war, mit einem Stein erschlagen worden sein. – Derartige Geschichten, die ja nicht nur „Geschichten“ sind, lassen einen manches in einem anderen Licht sehen.

Unser neuer Bekannter wird etwas lästig, Rendel dringt darauf, jetzt essen zu gehen. In einem Restaurant hoch oben über der Stadt lassen wir es uns gut gehen – und erleben einen der selten gewordenen vollständigen Stromausfälle, was den Blick über die Stadt noch etwas besonderer werden lässt. An diesem Abend kommt es auch zu unserem einzigen Streit auf dieser Reise, zum Glück halten wir das beide nicht lange durch und vertragen uns schnell wieder. Morgen soll es in den Munzur-Nationalpark gehen, den ältesten der Türkei und den zugleich am wenigsten erschlossenen.

Bevor wir uns „Gute Nacht“ wünschen, ruft Rendel noch in Savur an und bekommt gleich einen freudig überraschten Aydın an die Strippe. Ja, sicher haben sie für uns was frei, und ja: Sie freuen sich schon riesig auf uns!

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Munzur Milli Parkı – der älteste Nationalpark der Türkei

Vielleicht werden wir Bären sehen! Mit dieser Aussage hatte ich versucht, Rendel auf den Munzur-Nationalpark einzustimmen und ihr die Gegend schmackhaft zu machen. Zur Untermauerung dieser Erwartung hatte ich extra zwei Dosen Pfefferspray gekauft, das sich angeblich schon gegen amerikanische Grizzlys bewährt hat (wobei die in der Türkei beheimateten Braunbären wesentlich kleiner sein sollen). Der Munzur-Nationalpark erstreckt sich nördlich von Tunceli in Nord-Süd-Richtung, im Norden begrenzt durch den gleichnamigen, bis zu 3500 Meter hohen Gebirgszug. Unsere Landkarte scheint die Möglichkeit einer Umrundung des Gebietes auszuschließen, auch ein Befahren des Inneren kommt wohl nicht in Frage, zu unerschlossen ist die Gegend und uns liegt kein detailliertes Kartenmaterial vor. Aber die Beschreibung der Strecke entlang des Munzur-Flusses bis Ovacik am nordwestlichen Ende des Nationalparks wirkte auf Bildern und nach Beschreibungen auch schon attraktiv genug.

Kurz nach dem Ortsausgang passieren wir noch einen schwer bewachten Militärposten, dann noch ein paar Häuser, das sind dann für viele Kilometer die letzten Anzeichen menschlicher Besiedlung. Die gesamte Fahrt über begleitet uns, mal rechts, mal links, der schnell strömende, bisweilen reißende Munzur. Nach jeder Kurve öffnet sich eine weitere spektakuläre Aussicht, mal ganz enge Durchlässe zwischen den Felsen, nur raues, rostbraunes Gestein, dann öffnet sich das Tal wieder und gibt den Blick frei auf die weiter im Norden liegende, schneebedeckte Gebirgskette. Zumeist wird der Fluss von saftigem, bis ans Ufer reichendem Grün gesäumt, „wildromantisch“ dürfte es am besten beschreiben. Hin und wieder überspannen abenteuerlich anmutende Brückenkonstruktionen den Fluss. Wir selbst trauen uns zaghaft darauf, auf ein „Posing“ mit Motorrad – so gut das sicher käme! – verzichten wir lieber.

Mit dem Motorrad reisen wir deshalb so gerne, weil man damit fast überall hinkommt. Heute bekommt dieses „fast“ seine Bedeutung. In dieser Gegend wäre eigentlich Wandern gefragt (besonders, wenn man es auf Bären abgesehen hat …). Aber selbst, wenn wir ausrüstungstechnisch und im Blick auf entsprechende Erfahrung darauf eingestellt wären, ließe sich diese Gegend allenfalls mithilfe eines kundigen Führers erschließen, denn markierte Wanderwege o. ä. sind hier natürlich Fehlanzeige. Zudem würde das eine mehrtägige Tour mit Übernachtung im Freien bedeuten, wobei ich mich dann doch nicht auf mein Pfefferspray alleine verlassen möchte …

Aber wir können uns beileibe nicht beklagen. Wir genießen diese einmalige Gegend, auch in dem Wissen, dass sich hierhin nur wenige Touristen verirren. Kurz vor Ovacik, unserer Wendemarke, bietet sich unseren Augen ein wunderbares Panorama – die Munzur-Bergkette, die sich, etwa bei Kemaliye beginnend, als Fortsetzung des Taurus-Gebirges 130 Kilometer nach Osten erstreckt. Wir stoppen in Ovacik und stellen fest, dass es selbst hier ein bescheidenes „Turistik Otel“ gibt. Fast im Schatten des eigentlichen Munzur-Berges, der dem Gebirgszug und der ganzen Gegend den Namen gab, machen wir Rast, trinken einige Tees und essen dazu ein paar süße Stückchen, bei deren Kauf mir nicht entgeht, dass die Tochter des Bäckers auch ein recht süßes Stückchen zu sein scheint – wieder eine dieser hiesigen Schönheiten. Für die ganze Stärkung lassen wir dort TL 4,- (€ 2,50) und machen uns auf derselben Strecke auf den Rückweg, wobei wir aufgrund der jetzt anderen Perspektive noch etliche Stopps zum Schauen und Fotografieren einlegen.

Zum Glück hat uns der Hotelier unsere Parkplätze reserviert. Nein, Angst vor Diebstahl haben wir nicht, weder im Blick auf die Motorräder noch im Blick auf einige Gepäckstücke, die wir meist dranlassen. Aber das Beobachten der Verkehrssituation von unserem Balkon aus scheint eine etwas sicherere Parkposition doch angeraten sein zu lassen. Eine Verkehrsführung, die diesen Namen verdient hätte, gibt es nicht, jeder fährt so, wie es in seinen Augen noch zulässig erscheint, oft nur Zentimeter an Fußgängern, Fahrzeugen oder an den vor den Läden bis weit auf die Straße ausgestellten Waren vorbei.

Als wir unsere Moppeds abstellen, hält neben Rendel ein Uralt-Russen-Motorrad mit Lastenbeiwagen. Der Fahrer spricht Rendel mit dem respektvoll-freundlichen „Abla“ an, was soviel heißt wie „große Schwester“. „Abla, fährst du tatsächlich dieses großes Motorrad??“, fragt er ungläubig.

Wir können es nicht lassen, sichten zunächst einmal die Fotos des heutigen Tages. Während ich danach trotz des Straßenlärms sanft entschlummere, geht Rendel noch mal auf Futtersuche. Als Ergebnis präsentiert sie zwei Restaurants, die direkt nebeneinander liegen. Das eine ist das Dachrestaurant des einzigen Luxushotels am Ort, das andere ist das „Gençler“, das den Vorteil einer Gartenterrasse mit weitem Blick über den Munzur hat. Hier bei Sonnenuntergang zu speisen sollte ein würdiger Abschluss eines solchen Tages sein! Die freundlichen Ober zeigen sich sehr beflissen, das Essen mundet hervorragend, auch der Wein ist gut, wenngleich sie sich damit vertan haben, aber: geschenkt!

Wir beobachten die Gäste an den Nachbartischen. Einige scheinen dem Typus Jeunesse dorée anzugehören, gut aussehende, augenscheinlich besser situierte junge Leute, die man (zumindest ich) hier nicht so erwarten würde. Während Rendel noch mal kurz ins Hotel huscht, um sich eine Jacke zu holen, mache ich mir meine Gedanken, was das wohl für Menschen am nächsten und übernächsten Tisch sind. Der eine Anfangzwanziger im Camouflage-Outfit, Mao-Kappe mit rotem Stern auf dem Kopf, kommt nicht so überzeugend rüber. Ganz anders die beiden Mittdreißiger am Tisch direkt nebenan: Dreitagebart, eher der Typus Intellektueller, Unmengen gutes Essen vor sich, zwischen zwei Bissen immer wieder einen Schluck Rakı, ja, das könnten echte Revoluzzer sein, die hier beim Essen ihre nächste subversive Aktion planen!

„Hello, are you from Germany!“ – Irritiert, vom Tagtraum erwacht, schaue ich zum Nachbartisch, der eine „Revoluzzer“ grüßt freundlich und bittet mich an ihren Tisch. Die Einladung zum Rakı schlage ich vorsichtshalber aus, probiere aber vom Nachtisch. Die beiden vermeintlichen Umstürzler erweisen sich als ganz normale Bewohner Tuncelis, die hoffen, die unselige Vergangenheit hinter sich gelassen zu haben. Entsprechend versuchen sie, das Beste aus ihrem Leben zu machen, wozu auch einmal in der Woche der Besuch in diesem Restaurant dient, bei dem sie es sich gut gehen lassen.

Rendel ist zurück, klinkt sich noch kurz in das Gespräch ein, dann genießen wir den Blick über den abendlichen Fluss, eine Idylle, die jedoch immer wieder vom lauten Knattern der Hubschrauber gestört wird, die auf dem festungsmäßig angelegten Militärgelände auf dem gegenüberliegenden Hügel starten und landen. So ganz scheint der friedliche Alltag hier doch noch nicht angekommen zu sein.

In der Nacht regnet und gewittert es, die Aussichten für morgen sind jedoch gut, sodass wir die 330 Kilometer bis Savur gut schaffen sollten.

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Im Angesicht der geballten Staatsmacht

Schon um sieben Uhr haben die Händler ihre Waren wieder vor den Läden drapiert, kein Wunder, die Luft ist noch frisch und kühl, die beste Zeit fürs Tagwerk. Zum Zahlen mit der Kreditkarte muss ich einige Ecken weiter in einen Laden, der mit verschiedenen Kornsorten, mit besagtem „Lök“ und mit Honig direkt aus der Wabe handelt. Wir verabschieden uns, fassen Sprit und halten uns zunächst in Richtung Elazığ. Tendenziell müssten wir südöstlich fahren, die Hauptstrecke über Elazığ macht jedoch einen Schlenker nach Westen – ein Umweg, zudem sind wir die Strecke schon ein paar Mal gefahren. Aber Detlev kennt eine Abkürzung! Die Strecke über Palu und Alacakaya durch die Berge scheint fahrbar zu sein, womit wir dann erst bei Maden wieder auf die bekannte Strecke Richtung Diyarbakır stoßen müssten. Die Gegend um Maden ist uns als Tagebergbaugebiet in Erinnerung, der letzte Teil der Strecke bis dorthin ist auf unserer Karte auch mit etlichen dieser „Schlägel und Eisen“-Symbole gekennzeichnet. Nachdem wir bei Palu den Murat, einen der Quellflüsse des Euphrat, überquert haben, ändert sich die Landschaft. Das satte Grün, das uns bislang begleitet hatte, weicht nach und nach trockenen, fast vegetationslosen Bergen, teilweise naturbelassen, teilweise zerfurcht vom Tagebau, der massive Spuren hinterlässt. Aber nicht nur die Gegend verändert sich. Während wir in Tunceli kaum eine Frau gesehen haben, die auch nur ein Kopftuch trug, begegnen uns hier fast nur Frauen, die bis auf den Sehschlitz schwarz verhüllt sind. Welch ein Kontrast in nur zwei Stunden zeitlichem Abstand.

Rendel sucht sich anlässlich einer Pinkelpause ein geschütztes Plätzchen, als neben mir ein LKW hält – zunächst die übliche, beruhigende Nachfrage, ob wir ein Problem hätten, dann, nach Verneinung und Schilderung unseres Unternehmens, der anerkennend erhobene Daumen und der Tipp, uns zunächst in Richtung Alacakaya zu halten, was ich schon wusste, jetzt ist aber klar, dass wir noch richtig sind. Rendel taucht auf, der Fahrer hält noch mal, nur, um ihr auch seinen Respekt zu bekunden.

Die Straße, die fast nur von schweren LKW befahren wird, wird immer staubiger, endlich taucht das Ortsschild „Alacakaya“ auf. Das Schild weist auf dem Zusatz eine Einwohnerzahl von knapp 3.000 aus, aber Kreis„stadt“ …

Des Staubes überdrüssig, setze ich noch einmal an, den PKW vor mir zu überholen, was Rendel bis zur Ortsmitte nicht mehr gelingen wird. Dort angelangt, werde ich umgehend in Richtung des den Hauptplatz dominierenden Polizeigebäudes herausgewunken, Rendel hat ebenfalls aufgeschlossen. Dem PKW entsteigen vier mit Maschinenpistolen bewaffnete Männer, die sich um uns scharen. Okay, vielleicht war ich beim Überholen etwas zu schnell, und wenn ich gewusst hätte, dass Rambo und Co. dort drin sitzen, hätte ich es mir vielleicht ganz verkniffen, aber so ein Staatsempfang? Dass es sich nicht um eine wirklich ernste Situation handeln konnte, scheint offensichtlich, ein wenig mulmig ist mir aber doch. Nachdem wir unsere Pässe abgegeben haben, werden wir, vorbei an den den Haupteingang flankierenden Panzerspähwagen, ins Gebäude geleitet, wo wir in einem wohnzimmerähnlich eingerichteten Raum Platz nehmen dürfen. Ein Beamter kommt mit den Pässen zurück und sagt mir, dass es mit meinem ein Problem gäbe. Es stellt sich jedoch heraus, dass der vermeintlich fehlende Einreisestempel statt in der Nähe der Angaben zum Fahrzeug irgendwo zwischen etlichen anderen Vermerken gelandet war.

Jetzt löst sich die Spannung vollends, wir werden gefragt, ob wir Tee und etwas zu essen möchten. Tee ja, Essen nicht nötig. Trotzdem flitzt einer der Beamten los und erscheint kurz drauf mit einem Tablett voller Kuchen. Die Polizisten, allesamt recht kernige Typen, stellen sich als Leiter der jeweiligen Polizeieinheiten hier vor Ort vor: Verkehrspolizei, Kriminalpolizei und Jandarma. Sie stammen zumeist aus İstanbul und leisten hier in der hintersten Provinz den üblichen Pflichtdienst ab. Als Großstädter sind ihnen Ausländer natürlich geläufig, aber in dieser Gegend stellen wir – das kennen wir ja schon … – eine willkommene Abwechslung dar. Nach dem üblichen Fragen und Erzählen bietet sich einer der Herren an, uns das Polizeigebäude zu zeigen. Zunächst geht’s ins Foyer, wo an der Wand in Goldbuchstaben ein Atatürk-Spruch prangt. Dann zeigt er uns die modern ausgestatteten Büros und zum Schluss dürfen wir noch die Arrestzellen und den Verhörraum mit dem berühmten Einwegspiegel besichtigen. Ungehindert kann Rendel alles fotografieren, erstaunlich, wenn man bedenkt, wie eigen die hiesigen Sicherheitskräfte dabei üblicherweise reagieren! Zum Schluss werden noch unsere Motorräder begutachtet, gegenseitig ein paar Fotos gemacht – und nach einer kurzen Wegbeschreibung geht es weiter.

Alleine von unseren – guten – Erlebnissen mit Polizisten im Laufe der Zeit könnten wir schon einen eigenen Bericht schreiben.

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Bergbau, Wasserbüffel und ein etwas wirrer Deutscher

Wie geplant, stoßen wir dann bei Maden auf die Hauptstraße Richtung Diyarbakır. Aus dieser Richtung hat man einen ganz besonderen Blick auf den dortigen Tagebau, die hohen Schornsteine und über den Ort, der eine einzige Bergarbeitersiedlung zu sein scheint – hässlich und irgendwie schön zugleich, auf jeden Fall ein echtes Kontrastprogramm zu dem in den letzten Tagen Gesehenen.

Den Plan, noch einmal ein paar Tage in Diyarbakır zu verbringen, verschieben wir auf ein anderes Jahr, heute sind wir froh, an der Peripherie dieser Großstadt vorbeigeführt zu werden.

Schließlich lassen wir die Stadt hinter uns und Rendel meldet sich, sie müsse mal. Zwar ist die Gegend eher dünn besiedelt, trotzdem braucht es manchmal eine Stunde, bis man ein wirklich geschütztes „Pieselplätzchen“ findet. Wir sind zwar nicht übermäßig prüde, aber man will ja kein Ärgernis bieten. Schließlich stoppen wir und Rendel läuft ein paar Meter vor, um sich unter einer Brücke niederzulassen. Kurz drauf kommt sie aufgeregt und unverrichteter Dinge zurück: „Ich brauch ‘ne Kamera!“ Unter der Brücke verläuft ein Bach. Am Ufer haben sich einige Kühe ein Schattenplätzchen gesucht, und im Bach suhlt sich eine kleine Herde leibhaftiger Wasserbüffel, von den meisten ragt nur der Kopf aus dem Wasser. Das richtige Publikum beim Pieseln!

Um nicht den Umweg über Mardin nehmen zu müssen, biegen wir kurz hinter dem Abzweig nach Mazıdağı nach Osten Richtung Sürgücü ab, danach sind es nur noch 20 Kilometer bis Savur. Die Strecke haben wir als schön und gut befahrbar in Erinnerung …, was auch stimmt, aber in Sürgücü verfransen wir uns, weil die Straße aufgerissen und nicht ganz klar ist, in welche Richtung wir müssen. Ein Mann deutet uns an, dass wir auf jeden Fall wenden müssen. Ich wähle also die nächste Möglichkeit rechts, die sich aber schnell als Unmöglichkeit entpuppt. Die Gasse zwischen den Häusern wird immer enger, bis schließlich ein Wenden unmöglich wird. Zu allem Überfluss endet der Weg hier, danach kommt nur noch eine steile, kurvige Rampe über dicke Felsen, für Ziegen wie geschaffen. Rendel hat ein Stück hinter mir gehalten und versucht, mich rückwärts aus meiner misslichen Lage zu befreien, vergeblich. Mittlerweile koche ich unter meinem Helm und der Motorradkleidung. Ich steige ab und sondiere die Lage. Nun ist uns die Aufmerksamkeit des halben Dorfes sicher, halb irre rufe ich etwas, was nach „verrückte Deutsche“ klingt. Ein Vierzehnjähriger nimmt den Gedanken auf: Während ich nach hinten auf „Eşim“ – Ehefrau – verweise, wiederholt er immer „Eşek“ – Esel! Ich drohe ihm im Spaß und gebe ihm einen Knuff in die Seite. Zum Glück ist er nicht nur frech, sondern traut mir fahrerisch zu, dass ich die Rampe meistern könnte. Natürliche, unverdorbene Menschenkenntnis. Aber mir ist im Moment eigentlich gar nicht nach heroischen Taten zumute. Rendel bittet mich im Blick auf ihr Mopped um irgendetwas, woraufhin ich sie anschnauze – bin wohl etwas gestresst. Aber okay, dann wollen wir das Publikum mal nicht enttäuschen. Die Rampe ist nicht nur hoch, steil und holprig, zu allem Überfluss ist sie teilweise nass und glitschig, zudem vollführt sie eine enge Kurve direkt an einer Hauswand vorbei. Aber wie sagt man: „Per aspera ad astra – auf rauen Wegen zu den Sternen!“ So starte ich mein Mopped und balanciere es mit der Leichtigkeit einer Gazelle über das Hindernis (zumindest erinnert es mein weichgekochtes Hirn in dieser Weise). Fakt ist, dass ich mich weder mit meinem noch hinterher mit Rendels Mopped auf die Fresse gelegt habe. Mit triumphierendem Blick und huldvoll grüßend verabschieden wir uns von diesem Ort und seinen sportbegeisterten Bewohnern. Ich bin froh, kurz drauf ein Schattenplätzchen zu finden, wo ich erst einmal Jacke und Helm ausziehen kann.

Und zumindest für heute bin ich Rendels Held.

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Wieder daheim – Savur

Die letzten Kilometer bis Savur gehen uns noch einmal leicht von der Hand, zumal wir wissen, was uns dort, in unserem „kleinen Paradies“, erwartet. Wir orientieren uns Richtung alter Moschee, fahren die letzten engen Gassen hoch zum Haci Abdullah Bey Konağı, wo uns einer der Brüder von Aydın empfängt. Die drei Frauen des Hauses – Ayşe, Şehnaz und Oma – scheinen uns auch schon zu erwarten und begrüßen uns mit überschwänglicher Herzlichkeit. Wir sind im Moment die einzigen Gäste, aber da wir angemeldet waren, hatten die Damen genug Zeit, ihre Kochkünste auszuleben. Menge, Vielfalt und Leckerfaktor sind unerreicht, wir schaffen es mit Mühe auf unsere geliebte Dachterrasse, wo wir bei Wein den Tag ausklingen lassen – wie immer mit dem unvergleichlichen Blick über das abendlich-friedliche Savur. Lediglich der Wein schmeckt diesmal etwas seltsam, eher wie Kirschsaft.

Richtig ausschlafen sind wir gar nicht mehr gewohnt, zu sehr haben wir uns schon in den Rhythmus „früh starten, früh ins Bett“ eingefunden. Trotzdem lassen wir es heute langsam angehen – gemütlich frühstücken, quatschen, ein wenig Wäsche waschen. Kaum hat Rendel das letzte Wäschestück aufgehängt, sind die ersten schon wieder trocken. Für das Abendessen haben wir uns heute abgemeldet, aber mittags gibt’s auch so immer noch eine Kleinigkeit zu essen, wir sind aufgefordert, uns bei Bedarf in der Küche selbst zu bedienen.

Nachdem sie ein wenig im Schatten stehen, mache ich mich mal an einen gründlichen Check der Motorräder, bis auf Öl und Luftdruck habe ich mich bis jetzt noch um nichts gekümmert. Alles okay, zum Schluss wuchte ich sie noch mal auf die Hauptständer und zerre an Rädern und Schwingen, um die Lager zu prüfen. Uups! Rendels Hinterrad lässt sich auf der rechten Seite wohl fünf Millimeter hin und her bewegen, eindeutige Diagnose: Radlager kaputt. Ich bin froh, mir diese Prüfung angewöhnt zu haben, so lassen sich Folgeschäden bis hin zum Sturz durch eine abgesprungene Kette vermeiden. Der Defekt als solcher bereitet mir keine Kopfschmerzen, denn ich habe für alle Radlager Ersatz dabei. Das Rad ist schnell ausgebaut, die Kugeln fallen mir entgegen. Der Lageraußenkranz sitzt bombenfest. Vielleicht würde ich ihn mit Bordmitteln rausbekommen, da wir aber keinen Zeitdruck haben, vereinbare ich auf dem Weg zum „Perilibahçe“, dem Forellenrestaurant, für morgen früh einen Termin in der Autobastelbude am Ortseingang (nicht ohne mir vorher das türkische Wort für Radlager – „teker rulmanı“ – eingeprägt zu haben).

Das „Perilibahçe“, „Feengarten“, ist ein einfaches Forellenlokal, versteckt unter Bäumen an einem Bach gelegen. Zwei Jungen bedienen uns, ein Schwung Enten und Gänse beäugt uns beim Essen in der Hoffnung, etwas abzubekommen. Eine Fee begegnet uns nicht, doch etwas Zauberhaftes hat dieser lauschige Ort doch. Auf dem Rückweg kommt uns eine junge Frau entgegen, offensichtlich keine Türkin – vielleicht ein neuer Gast. Die Zahl ausländischer Touristen ist hier so gering, dass jeder auffällt.

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Fast in Arabien: Mardin

Tatsächlich: Lina kommt aus Berlin, hat fünf Jahre in İstanbul gelebt und spricht fließend Türkisch. Sie ist eigentlich Politikwissenschaftlerin, orientiert sich jedoch gerade um und macht u. a. Projekte im Bereich „Urban Gardening“.

Ich bringe das Rad zur Werkstatt. Die Hoffnung, dass sie ein Ausziehwerkzeug haben, erfüllt sich nicht. Nach einigem Gewürge wird das E-Schweißgerät ausgepackt und der Kollege setzt zwei Schweißpunkte, an denen der Meißel zum Austreiben des Rings Halt finden soll. Ich habe ein wenig Bedenken, dass der Lagersitz aus Alu bei der Hitze Schaden nehmen könnte, aber die Jungs scheinen zu wissen, was sie tun. Nach ein paar weiteren Hammerschlägen fällt uns der Ring entgegen. Mittels eines entsprechend großen, weichen Messingklotzes wird das neue Lager eingeschlagen, dann noch kurz den Simmerring eingesetzt – fertig. Das Ganze mag grobschlächtig wirken, ist im Ergebnis aber tadellos. Das Bezahlen macht etwas Probleme, der Preis ist unverhandelbar: TL 0,00. Knallharte Geschäftsleute eben. Danke Jungs! Rendel hat die ganze Aktion im Bild festgehalten; noch bevor sie am Konak eintrifft, habe ich das Rad schon wieder montiert.

Einer der Öztürk-Brüder muss nach Mardin zum Flughafen. Da es noch früh ist, beschließen wir, unsere Mardin-Besichtigung auf heute vorzuziehen, ist außerdem einfacher als mit dem Dolmuş. Lina will weiter und muss dazu auch nach Mardin, die Fahrt lohnt also. Wir setzen sie am dortigen Busterminal ab, lassen uns noch ins Zentrum bringen und verabreden uns an derselben Stelle für den Nachmittag.

In der Nachbarstadt Midyat hatten wir schon mal Quartier genommen, Mardin jedoch immer nur gestreift bzw. wir hatten einmal auf der Suche nach einem Hotel dort gestoppt (sind dann aber – glücklicherweise – doch weiter nach Savur gefahren). Hier, fast in Sichtweite der Grenze zu Syrien, ist der arabische Einfluss schon stark zu spüren, unverkennbar aber auch der aramäische, besonders bei der Architektur. Mardin kann als die große Schwester von Savur gelten, überall der beigebraune Sandstein, der besonders in der Abendsonne so herrlich aufglüht. Vor allem fasziniert die Lage dieser Stadt: nach Norden hin noch relativ grün und fruchtbar, wenn man nach Süden blickt, hat man den Eindruck, dass man mit Verlassen der Stadtgrenze in der Wüste steht.

Wir stürzen uns beherzt in die an den Hang gebaute Altstadt mit ihrem auf mehreren Stufen verlaufenden Basargewirr. Wiewohl Mardin einiges an Touristen zu verzeichnen hat, ist hier im Basar nichts aufgehübscht. Wie üblich, hat jede Branche ihre Gasse: Gemüsehändler, Gewürze, Schmiede, Haushaltswaren usw. Ungewohnt der Anblick in der Metzgergasse: viel frisches Blut auf dem Boden, überall mehr oder minder zerlegte Tiere, etwas makaber sind die abgeschnittenen Schafs- und Ziegenköpfe, die einfach so auf der Gasse liegen.

Wir lassen Gerüche, Farben und Geräusche auf uns wirken, wobei längst nicht alles unangenehm riecht. An vielen Ständen stapelt sich Seife in den verschiedensten Geruchsnoten, bekannt sind vor allem die aus Olivenöl und die mit Lorbeeraroma. Für Aufsehen sorgte vor Jahren die Initiative einiger Frauen, die sich mit der Seifenproduktion zu einem eigenen kleinen Einkommen verhalfen, zunächst von ihren Männern beargwöhnt.

Mardins Architektur ist außergewöhnlich schön, der Erhaltungsaufwand außergewöhnlich hoch. Wie häufig, haben sich hier vor allem Intellektuelle dieser Aufgabe angenommen, aber auch von kommunaler und staatlicher Seite scheint einiges gemacht zu werden. Wir wechseln die Straßenseite, verlassen den Basar und verirren uns noch gerne ein wenig in dem zur anderen Seite hin gelegenen Gassengewirr des Wohnviertels der Altstadt. In einer Seitengasse sehen wir einen angebundenen Esel, in der Türkei nichts Besonderes, zumal Esel wegen der hohen Benzinpreise eine wahre Renaissance erleben. Aber diesen Esel „kenne ich“ – nein, nicht wirklich, und bestimmt nicht dieses konkrete Exemplar. Was ihn besonders macht, ist die „Ausstattung“: rechts und links je eine große Holzkiste aufgelegt, darüber längs ein Reisigbesen. Das ist einer der berühmten Müllesel, über die ich schon mal einen Fernsehbericht gesehen habe. Um auch in den engen Gassen von Mardin eine Müllentsorgung gewährleisten zu können, hält die Stadt eine Anzahl dieser Esel. Mit ihren Führern ziehen sie regelmäßig durch das Viertel, wissen meist schon selbst, wo sie halten müssen. Die Bewohner deponieren ihren Müll vor den Häusern, den die Esel dann zu größeren Sammelstellen transportieren, wo er von Müllautos aufgenommen werden kann.

Vor einem Süßwarenladen entdecken wir eine Africa Twin mit italienischem Kennzeichen. Der Ladenbesitzer bedeutet uns, dass der Fahrer gleich zurück sein müsste, wir warten eine Viertelstunde, vergeblich. In so einem Umfeld ein Wein-Fachgeschäft zu finden, gehört zu den Besonderheiten dieser Gegend. Der Laden ist die Verkaufsstelle eines hiesigen Weingutes, das von Süriyani, also syrisch-orthodoxen Christen, betrieben wird. Eingedenk des „Kirschsafts“ von gestern Abend nutze ich die Gelegenheit und kaufe zwei Flaschen. Als wir aus dem dunklen Laden auf die Straße treten, rauscht ein Motorrad an uns vorbei – der Italiener! Wir brüllen ihm hinterher und er bemerkt uns noch rechtzeitig. Schnell sind wir am fachsimpeln, können ihm noch ein paar Unterkunftstipps für seine Reise ostwärts geben – er möchte noch in Tiflis/Georgien einen Freund besuchen.

Rendel will noch ein paar Nüsse kaufen. Während sie sich im Laden umsieht, suche ich nach der Ursache des wummernd-stampfenden Geräuschs, das hier in der Luft liegt. Schließlich stehe ich vor einem Gerät von etwa der Größe eines Cola-Automaten. Zwei Stempel von je 10 Zentimeter Durchmesser hämmern im Sekundentakt auf frische Kaffeebohnen ein. Die Apparatur dient zur Herstellung von „Dibek Kahvesi“, gemörsertem Kaffee. Zu Hause in Lüdenscheid haben wir eine kleine Kaffeerösterei, muss mal den Inhaber fragen, ob er mir etwas zu dem Verfahren und seinen Vorteilen sagen kann.

Zeit, uns zu unserem Treffpunkt zu begeben. Von unserer erhöhten Position am Atatürk-Denkmal können wir den chaotischen Verkehr gut beobachten, zudem kann uns unser Fahrer schnell erkennen. Der lässt jedoch auf sich warten. Das Verkehrsgeschehen ist wirklich vom Feinsten, am schnellsten kommen die Eselsreiter durch! Was sich mir nicht erschließt, ist die Funktionsweise des großen Parkplatzes: Bis auf die ganz äußeren sind alle Autos vollkommen zugeparkt, also Seit’ an Seit’ und dicht hintereinander. Ich frage mich, wie wohl eine Absprache zwischen den Haltern lauten könnte, die ein Wegfahren ermöglicht.

Schließlich kommt unser Fahrer, einen älteren Herrn als weiteren Passagier an Bord. Wir hatten schon gehört, dass heute ein Mann aus İstanbul eintreffen sollte, ein Spezialist für Kirchenglocken. In Savurs Nachbardorf Dereiçi soll eine neue Glocke installiert werden, weswegen extra ein Fachmann eingeflogen wird.

Lina ist über Hasankeyf nach Diyarbakır weitergereist, aber im Konak wartet schon neue Gesellschaft auf uns. Dean und Richard sind ein amerikanisches Ehepaar, das die Zeit nach der Pensionierung nutzt, um insgesamt 15 Monate durch die Welt zu reisen. Die Osttürkei hat es ihnen besonders angetan, das Haus in Savur gefällt ihnen so gut, dass sie innerhalb einer Woche zum dritten Mal hier aufgeschlagen sind. Die beiden entsprechen überhaupt nicht dem Klischee vom im Blick auf die restliche Welt unbedarften Amerikaner, sie sind aufgeschlossen, informiert und belesen, zudem offen für Tipps und Hinweise. So schreiben sie sich noch die Angaben für einen unser Osttürkei-Reiseführer ab in der Hoffnung, ihn irgendwo erstehen zu können.

Wir essen gemeinsam, heute gibt es unter anderem Taze Fasulye mit Erik, also grüne Bohnen mit diesen etwas harten, grünen, meist recht sauren Pflaumen – eine Kombination, auf die man erst einmal kommen muss. (Wobei die fruchtig-pikante Eignung ja auch schon dadurch angedeutet wird, dass die Türken diese Erik häufig mit Salz essen.) „Versehentlich“ trinke ich Richard ein Bier weg – ich ging davon aus, dass Aydın ein größeres Kontingent gebunkert hat, dabei hat er nur drei Flaschen für Richard besorgt. Sorry, Richard!

Der aufmerksame Leser wird ahnen, wie wir den Abend ausklingen lassen – ja, auf dem Dach, doch diesmal nicht mit der Kirschplörre, sondern mit dem in Mardin erstandenen Wein.

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Glockenweihe im Geisterdorf

Wir verabschieden uns von Richard und Dean und machen uns auf einem Mopped auf nach Dereiçi. Aydın hatte dieses Dorf schon häufiger erwähnt und wir sind auch schon etliche Male daran vorbeigefahren, wussten aber nicht, was einen Stopp lohnen sollte. Die acht Kilometer sind schnell geschafft, wir orientieren uns in Richtung Kirchturm. Auf dem Dach sehen wir schon einige Männer werkeln, unter anderem Aydıns Bruder und den älteren Herrn aus İstanbul. Sie winken uns zu, heraufzukommen und begrüßen uns freundlich. Dass der Spezialist nicht nur Feingeist ist, belegen seine schwieligen Hände. Wir kommen gerade zum richtigen Moment: Die neue Glocke ist gerade eingehängt und kann zum ersten Mal geläutet werden, für manchen in dieser Gegend sicher ein bewegender Moment. Dabei handelt es sich nicht um so eine tonnenschwere Glocke, wie wir sie kennen, dieses Exemplar ist vielleicht gut einen halben Meter hoch. Ein deutsch sprechender Mann stellt sich uns vor. Er wohnt abwechselnd in Kassel und Savur, er erzählt, wie schwierig eine Existenz als Christ in dieser Gegend lange Zeit war. Mittlerweile hätte es sich aber sehr gebessert, ein Zeichen dafür ist, dass hier Christen und Moslems gemeinsam Hand anlegen.

Die schwierige Situation in der Vergangenheit hatte auch dazu geführt, dass Dereiçi zum Geisterdorf geworden ist. Die immer noch stattlich wirkenden Gebäude sind zum Teil verfallen, zum Teil sind jedoch auch die Zugänge mittels Felsbrocken verschlossen, Anzeichen, dass sich vielleicht doch der eine oder andere Hoffnung auf eine Rückkehr macht. Vom Kirchendach aus fällt unser Blick auf den kleinen Friedhof, wo Arbeiter dabei sind, ein neues Grab zu errichten. Der Kasseler erklärt uns, dass das als Ersatz für das verfallene Familiengrab dienen soll.

Wir klettern runter und lassen uns vom Muhtar, dem Ortsvorsteher, die Kirche zeigen, ein Bau von schlichter Schönheit ohne Prunk. Zwar scheint alles für einen Gottesdienst gerichtet, doch fragen wir uns, wer aus dem Dorf daran teilnehmen wird, denn nur noch fünf der Häuser sind derzeit bewohnt.

Die Kirche besteht aus älteren und neueren Teilen, die Gründung soll schon im 4. Jahrhundert erfolgt sein, gewidmet ist sie dem Apostel Johannes. Sehr im Kontrast zur Schlichtheit der Kirche stehen die prunkvollen Gräber. Eigentlich sind es eher überirdische, mit reicher Ornamentik versehene Sarkophage, bei einem lässt sich der Erzengel Michael erkennen, der, auf einem Pferd sitzend, den Drachen besiegt.

Wieder zurück, haue ich mich etwas aufs Ohr, während Rendel den Frauen in der Küche hilft. Eine 25-köpfige Gästegruppe aus İstanbul hat sich zum Mittagessen angesagt. Der türkische Staat unterstützt die Erhaltung des Konaks mit hohen Summen, Teil des Deals ist jedoch, dass das Haus auch Besuchergruppen offensteht. Langsam kehrt wieder Ruhe ein, Rendel unterhält sich noch mit einer Familie aus Diyarbakır, die großes Interesse an unseren Reisen zeigt, vor allem, dass wir es vor Jahren auch „gewagt“ hatten, diese etwas schlecht beleumundete Stadt zu besuchen. Sie laden uns ein, bei ihnen zu wohnen, falls es uns mal wieder dorthin verschlagen würde. (Unsere Gastgeber raunen Rendel zu, dass es sich bei dem Mann irgendwie um ein Regierungsmitglied handele.)

Ich mache noch einen Besuch beim Kuaför, anschließend lassen wir uns noch mal beim Abendessen verwöhnen, unter anderem mit einer Riesenpfanne meines Lieblingsgerichts Melemen, eine Art „fluffiges“ Rührei mit viel Tomaten und grünen Peperoni.

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Der Mondgott ist nicht zu Hause – Soğmatar und Tektek-Gebirge

Ich schlafe sehr schlecht. Die meiste Zeit muss ich an den Abstandshalter denken, der mir beim Radausbau weggefallen war und den ich nur provisorisch wieder in den Kettenradträger gesteckt hatte. Vermutlich war er wieder rausgefallen und lag irgendwo im Dreck! Um sechs Uhr schleiche ich mich raus und baue das Rad noch mal aus. Klar, der Abstandshalter ist dort, wo er hingehört. Trotzdem bin ich froh, dass mir die Sache keine weiteren Kopfschmerzen wird bereiten können.

Ein letztes Frühstück in Savur, dann heißt es wieder Abschied nehmen. Oma kommt uns noch einmal hinterher, Tränen in den Augen. Wir weisen darauf hin, dass Gaby und Thomas vielleicht in den nächsten Tagen hier auftauchen werden. Sie haben sich zwischenzeitlich gemeldet und wir haben uns für heute in Şanlıurfa im „Aslan Konukevi“ verabredet.

Bis Mardin ist die Strecke immer ein Traum, der folgende Abschnitt über Viranşehir nach Şanlıurfa für mich eher ein Albtraum – eintönig, viele LKW, mit Schlaglöchern übersät. Zumindest Letzteres trifft nicht mehr zu, bis auf einen kurzen Abschnitt im Stadtgebiet von Kızıltepe gleicht die Straße jetzt einer Autobahn. Da sich auch das LKW-Aufkommen heute in Grenzen hält, kommen wir verhältnismäßig angenehm und zügig voran. Vor zwei Jahren sind wir kurz vor Şanlıurfa rechts zu einem Abstecher zur steinzeitlichen Kultstätte Göbekli Tepe abgebogen, heute soll es auf der anderen Seite ein Stück weit Richtung syrische Grenze gehen, ins Tektek-Gebirge mit der alten Kultstätte von Soğmatar. Der Weg ist jedoch nicht ausgeschildert, im Navi habe ich Soğmatar zwar als Wegpunkt gespeichert, zu dem allerdings keine Straße zu führen scheint. So muss ich mich auf meinen Orientierungssinn verlassen und biege irgendwann links ab. Rendel argwöhnt, dass der Weg vielleicht ins Nichts führen könnte – interessanter Gedanke … Da der Richtungspfeil des Navis jedoch unbeirrt in die gewünschte Richtung zeigt, gehen wir davon aus, dass wir den richtigen Abzweig erwischt haben. Die zwar schmale, zunächst aber noch gut asphaltierte Straße wird zusehends schlechter, teilweise Schlaglöcher, die selbst unseren Endurofahrwerken zusetzen. Die vereinzelten Dörfer an Wegrand machen einen ärmlichen Eindruck, die kargen Äcker scheinen nicht viel herzugeben. Es wird immer einsamer, sodass mir doch noch mal Zweifel kommen, ob wir hier richtig sind. Ich halte zwei verwegen aussehende Männer auf einem Moped an. Schnell wird klar, dass sie nur Arabisch sprechen, lediglich auf das Stichwort „antik“ sprechen sie an und weisen in die Richtung, die wir eh fahren. Einer von ihnen scheint einen Geistesblitz zu haben, sagt dem anderen irgendwas, woraufhin dieser ein Papier aus der Tasche zieht. Es ist auf Arabisch und Türkisch verfasst und wohl eine medizinische Verordnung, anscheinend von einem Augenarzt. Mir dämmert, dass die beiden gerne Geld sehen würden. Darauf lasse ich mich prinzipiell nicht ein, zumal würde ich hier, in dieser einsamen Gegend, kaum den Geldbeutel zücken. Also gebe ich Gas, auf der Krücke von Moped hätten sie eh keine Chance.

Endlich gelangen wir in ein Dorf, im Hintergrund auf einem Hügel der große, runde Mondgott-Tempel. Ganz im Gegensatz zum nur weniger Kilometer entfernten Harran vor ein paar Jahren, wo wir gleich von selbsternannten Guides umlagert wurden, scheint hier niemand Notiz von uns zu nehmen. Gerne hätte ich einem „Munny, munny“ rufenden Lümmel ein paar Lira zugesteckt, damit er uns einen sicheren Stellplatz für die Moppeds zeigt und uns dann etwas herumführt – aber wenn man sie braucht …

Die Gegend ist uns etwas unheimlich, weswegen wir es bei ein paar Fotos aus der Ferne belassen und den Rückzug antreten. Schon auf der Hälfte der Strecke begegnet uns wieder die gewohnte Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Bei einem Stopp hält ein Pickup, ein Mann mit Fedajin-Kopftuch fragt, ob er helfen kann. Wir verneinen, er weist uns noch auf eine Abkürzung Richtung Şanlıurfa hin, wir folgen aber doch lieber dem aufgezeichneten Track zurück Richtung Hauptstraße. Das Tektek-Gebirge fasziniert durch seine Kargheit. Eigentlich kann man es gar nicht als richtiges Gebirge bezeichnen, die höchste Erhebung dieser Kalksteinfelsen beläuft sich auf 800 Meter. (Ein Foto von dieser Gegend gehört zu den Lieblingsfotos von dieser Reise.)

Mit ihren fast 750.000 Einwohnern ist Şanlıurfa (oder kurz „Urfa“, das „Şanlı“ – „ruhmreich, berühmt“ ist ein erst 1983 verliehener Ehrentitel) eine veritable Großstadt. Unsere diesbezügliche Abneigung und die konservativ-muslimische Prägung hat uns bislang einen Bogen um sie machen lassen. (Wegen der Nähe zu Abraham – wenn auch in ziemlicher Abweichung zur biblischen Überlieferung – gilt Urfa als eine der heiligsten Städte im Islam.) Ohne einen Besuch hier wird man diese Ecke der Türkei jedoch nicht wirklich kennen, zudem haben wir hier Gelegenheit, uns mit Gaby und Thomas zu treffen, die wir bislang nur von Telefonaten und E-Mail-Korrespondenz kennen.

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Neue Freundschaften: Şanlıurfa und eine angenehme Internetbekanntschaft

Das Hotelsymbol auf dem Navi fest im Blick, stürzen wir uns ins Gewühl, das sich aber als sehr zivilisiert erweist. Einmal nehmen wir wegen einer Baustelle an einem Kreisel die falsche Ausfahrt, was ein Autofahrer gleich bemerkt und uns auf deutsch zuruft: „Wohin wollt ihr?“ – „Zur 8. Eylül Caddessi!“ – „Da vorne ab!“ – „Danke!“ Den Rest erledigt das Navi, ergänzt um eine Detailbeschreibung, die uns der Hotelbesitzer per Telefon gegeben hat. Wir können uns immer Richtung „Balıklı Göl“, eine der Hauptsehenswürdigkeiten, halten. Noch durch zwei Gassen, rechts, links, dann stehen wir vor dem „Aslan Konukevi“. Die Motorräder können wir direkt dort stehen lassen – perfekt. Aslan war Englischlehrer, Rendel muss ihr Türkisch also nicht lange bemühen. Das kleine Hotel hat nur sechs Zimmer, wir bekommen eins im ersten Stock, ausgerichtet zum Innenhof, also eher ruhig. Das Hotel hatten Gaby und Thomas vorgeschlagen, und nachdem auch Richard und Dean schon positiv berichtet hatten, sollte das wohl eine gute Wahl sein.

Wir haben noch nicht einmal geduscht, als wir draußen auf dem Laubengang deutsche Stimmen hören – das müssen Gaby und Thomas sein, wir sind gespannt auf die beiden.

Beim Tee können wir uns ein wenig beschnüffeln. Wie meistens, haben wir mit unseren Internetbekanntschaften auch „live“ Glück, was der Kontakt im Vorfeld aber auch schon erahnen ließ. Wir verabreden, das Abendessen heute im Hotel einzunehmen, und machen uns dann zu einer ersten Tuchfühlung mit dieser Stadt auf. Tatsächlich liegen die meisten Sehenswürdigkeiten in Laufweite zum Hotel. Diese konzentrieren sich auf den Bereich unterhalb der alles überragenden Zitadelle. Heute ist Sonntag, in der Türkei eben auch der freie Tag, entsprechend drängen sich die Menschenmassen. Auf den Wiesen zwischen Großer Moschee, Burg und den Teichen picknicken ganze Sippen, die Ufer der Teiche sind gesäumt von Menschen, die die „heiligen“ Karpfen füttern wollen. Die ganze Szenerie wirkt sehr entspannt, fast heiter. Für uns soll dieser erste Eindruck reichen, morgen, wenn das Areal wieder leerer ist, kommen wir zurück.

Das Essen ist eher durchschnittlich, ich fühle mich nicht ganz fit, habe zu wenig getrunken – aber zum Glück ist Bier ja isotonisch … Wir sitzen noch lange im Innenhof des Hotels, quatschen, tauschen uns über Erlebtes und Geplantes aus. Gaby und Thomas hatten mit dem Wetter nicht so ein Glück wie wir, schon auf ihrer ersten Etappe mussten Straßen wegen Überflutung gesperrt werden, auch sonst kamen ihre Regenkombis häufiger als erwünscht zum Einsatz. So genießen sie das Wetter hier doppelt, mit 30°C ist es schon recht warm, für die nächsten Tage sind 36° angesagt.

Zwar ist unser Zimmer vom Straßenlärm ziemlich abgeschirmt, doch macht sich die in unmittelbarer Nachbarschaft gelegene Schule bemerkbar. Schon um sieben Uhr, wo es noch halbwegs kühl ist, toben sich die Jungs beim Fußball auf dem Schulhof aus, danach schallen die Stimmen vom morgendlichen Appell der Schüler zu uns herüber.

Nach dem Frühstück machen wir uns noch mal in dieselbe Richtung wie am Vorabend auf, heute sind vielleicht noch ein Zehntel der Menschen unterwegs. Die Kernbevölkerung von Urfa besteht zum Großteil aus Kurden und Arabern, entsprechend arabisch wirkt auch die Stadt. Leider erfahren wir, dass die Burg montags geschlossen hat, trotzdem erklimmen wir die steile Straße. Von oben bietet sich ein schöner Rundblick über die Stadt. Vor der eigentlichen Zitadelle befindet sich ein Friedhof. Dort lungern ein paar Kinder und Jugendliche rum, die uns anbetteln. Zwei vielleicht Zehnjährige werden aufdringlich, einer fängt gar an, Gaby leicht auf die Arme zu schlagen. Ich werde böse, bringe meine angeblich imposante Erscheinung in Position und drohe ihnen Schläge an. Als sie weglaufen, setze ich ihnen noch ein paar Meter nach, dann sind wir diese Plage los. Zum Glück sind solche Vorkommnisse die große Ausnahme.

Wir widmen uns noch einmal dem Bereich um den „Balıklı Göl“, die Fischteiche. Der Islam und seine Legenden (dazu gehört eben auch die Geschichte um Abraham und die „heiligen Karpfen“) ist mir eher egal, die Architektur begeistert mich jedoch. Die Menschen hier wirken recht aufgeschlossen, Gaby und Rendel, die beide recht gut Türkisch sprechen, müssen sich mit bekopftuchten jungen Frauen zum Gruppenfoto aufstellen. Witzig ist eine Frau anzuschauen, die sich ihr Handy zwischen Kopftuch und Ohr geklemmt und sich so eine eigenwillige Freisprecheinrichtung geschaffen hat.

Orientalische Basare gehören für mich zu den faszinierendsten Orten überhaupt. Der in Urfa zählt sicher auch dazu: etwas gepflegter als der in Mardin, nicht ganz so exotisch wie der von Aleppo, aber doch authentisch, eben das Einkaufszentrum der hiesigen Bevölkerung. Am eindrücklichsten sind die Gassen, in denen noch traditionelles Handwerk ausgeübt wird, etwa der Schmied, der Hacken für die Feldarbeit herstellt, oder die vielen geschickten Männer, die in sisyphusartiger Arbeit metallene Teller, Tabletts und Schalen mit fein ziselierten Mustern versehen. So ein Tablett hat sich Gaby ausgesucht, will es aber erst später abholen.

Auf einem freien Platz im Basar haben sich die Tabakhändler angesiedelt, vor sich große Beutel mit Feinschnitt. Ich erinnere mich, dass mein Vater früher öfter vom berühmten Latakia-Tabak gesprochen hat, der ja wohl nicht weit von hier in Syrien angebaut wird. Ich spreche ein paar Händler an, frage nach dem Preis und darf mir eine Handvoll greifen, um das Aroma zu beurteilen. Das riecht so gut und sieht so gut aus, dass man fast wieder das Rauchen anfangen könnte. Für TL 60,- das Kilo scheint das hier noch ein sehr erschwingliches Laster zu sein.

Rendel meint, einen der arabisch aussehenden Händler heimlich fotografiert zu haben. Als jedoch kurz drauf Thomas diesen Mann fragt, ob er ihn ablichten dürfe, entgegnet dieser: „Gerne“, und, an Rendel gewandt, „aber du hast ja schon!“ Mich hingegen spricht ein Mann an, ich solle doch den Mann neben ihm fotografieren, was ich gerne mache. Erst später, als ich die Bilder sichte, merke ich, dass es sich dabei wohl um einen geistig behinderten Mann handelte, den sie ein wenig „vorführen“ wollten. Das ist ihnen jedoch nicht gelungen, denn das Porträt ist sehr schön und strahlt Würde und Menschlichkeit aus.

Zeit, etwas zu essen. Die Straßen und Gassen sind von kleinen Restaurants und Imbissbuden gesäumt, wir entscheiden uns für das „Beyaz Köşk“, einen etwas größeren Laden an der Hauptstraße. (Das türkische „Köşk“ – „Villa, Schlösschen“ – liegt übrigens unserem Wort „Kiosk“ zugrunde.)

Wir traben zunächst zum Hotel zurück, Thomas konsultiert unterwegs einen Kuaför. Aber wir müssen ja noch mal zurück, schließlich braucht Gaby noch ihr Tablett. So durchstreifen wir nach einer Verschnaufpause noch mal den Basar. Der Innenhof des „Gümrük Hane“, des alten Zollhauses, soll den schönsten Teegarten der Stadt beherbergen. Nach einigem Suchen finden wir ihn. Ja, so stelle ich mir orientalischen Zeitvertreib vor: sitzen, diskutieren, Backgammon spielen, dazu vielleicht eine Wasserpfeife und viel, viel Tee. Wir suchen uns einen Tisch und beobachten die Szenerie. Doch auch wir werden beobachtet. Am Nachbartisch sitzt ein modernes, junges türkisches Paar. Sie versucht, mit ihrer Spiegelreflex möglichst unauffällig ein paar Fotos von uns zu machen (gleiches Recht für alle). Wir machen uns bemerkbar und bitten die beiden zu uns rüber. Sie kommen aus Van und studieren hier in Urfa – sie etwas im Bereich Touristik, er ist angehender Musiklehrer. Wir tauschen uns aus, nicht zuletzt über die aktuelle Situation im vom Erdbeben teilweise zerstörten Van. Beim Abschied lässt es sich der junge Mann nicht nehmen, für uns alle zu zahlen.

Das „Gümrük Hane“ weist nach innen einen im ersten Stock verlaufenden Bogengang auf. Mich interessiert, was sich dort abspielt. Hier scheinen die Schneider ihr Quartier zu haben. Überall sitzen Jungen, die nähen, versäubern oder bügeln. Ganz sicher klassische Kinderarbeit, aber angesichts der Armut kann ich ein gewisses Verständnis dafür nicht leugnen.

Jetzt aber noch schnell das Tablett. Gaby feilscht noch, während ich am Nachbarstand fasziniert zusehe, wie ein Handwerker mit großer Gasflamme Metallgegenstände für das Verzinnen vorbereitet. Am Vormittag hatte mich ein Stand so angemacht, der Hähnchengeschnetzeltes mit viel frischem Paprika anbot. Leider finden wir ihn nicht mehr, weswegen wir noch mal in dem Lokal vom Mittag einkehren. Die Mädchen am Nachbartisch scheinen sich ungeniert über mich lustig zu machen. Freche Gören …!

Nachdem ich in den letzten Tagen etliche Male vergeblich an Tankstellen nach Reifenluft gefragt habe, hilft mir Thomas noch mit seinem Minikompressor aus – starkes Gerät!

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Lehrerwohnheim, tiefe Schluchten und die beste Forelle meines Lebens – Darende

Leider müssen wir weiter, sonst hätten wir im Zweitagesrhythmus sowohl Rendels als auch Gabys Geburtstag feiern können. Wir frühstücken zeitig, rödeln auf und machen noch ein paar Erinnerungsfotos. Für Gaby und Thomas soll es, mit einem kurzen Abstecher nach Harran, heute nach Savur gehen. Wider Erwarten hat mich Şanlıurfa für sich einnehmen können, so, dass ich gerne noch mal wiederkommen würde.

Wir peilen Kappadokien an, was aber in einem Tag nicht zu schaffen ist, weswegen wir uns das Städtchen Darende als Zwischenstation ausgesucht haben. Schnell haben wir die Großstadt hinter uns gelassen und halten in nordwestlicher Richtung auf die Berge zu. Bei den ersten Regentropfen gebe ich noch Durchhalteparolen aus, doch dann wird es heftiger und beginnt auch stark zu gewittern. Das hat man davon, wenn man sich mit Gaby und Thomas einlässt, scheint ja ansteckend zu sein. Während wir uns unter einem Baum in die Regenkombis quälen, höre ich ein heftiges Quietschen. Ein bergab fahrendes Auto ist auf der regennassen Straße ins Schleudern gekommen und hat sich – zum Glück – auf der Stelle gedreht. Geistesgegenwärtig laufe ich in die Gegenrichtung und stoppe den Verkehr, weil die Stelle nicht einsehbar ist. Ansonsten nichts passiert.

Durch Darende sind wir einmal gefahren, erst hinterher hatte ich festgestellt, dass dieses eher unbekannte Städtchen einige Sehenswürdigkeiten aufzuweisen scheint. In der Annahme, dass es dort kein Hotel gibt, haben wir uns telefonisch im dortigen „Öğretmen Evi“ angemeldet. Diese Lehrerwohnheime haben ein wenig ihre ursprüngliche Funktion eingebüßt. Als die Bildungsinfrastruktur noch wenig ausgebildet war, dienten sie als Unterkunft für umherreisende Lehrer. Heute kann dort jeder unterkommen, und das zu günstigen Tarifen. (Die Häuser sind wirklich ein Tipp, wenn es mal keine andere Unterkunft geben sollte.) Bei der Einfahrt nach Darende nehme ich aus den Augenwinkeln wahr, dass es doch ein Hotel gibt (später fahren wir sogar an einem echten Luxushotel vorbei). Aber okay, wir sind angemeldet. Tatsächlich erweist es sich als keine schlechte Wahl. Im Grunde ist es ein einfaches, sauberes Hotel, das alles hat, was man für eine Nacht braucht. Und der Preis ist unschlagbar: TL 35,- für beide incl. Frühstück, also ganze € 15,-! So preiswert haben wir allenfalls mal vor 20 Jahren in der Türkei genächtigt. Der junge Mann am Empfang händigt uns noch ein Faltblatt aus, das die Sehenswürdigkeiten des Ortes auflistet. Machbar erscheinen uns an diesem Spätnachmittag noch die Tohma-Schlucht mit dem gleichnamigen Fluss, eventuell eine Festung in der Nähe, auf jeden Fall ein Forellenessen. Damit wir uns nicht lange orientieren und vor allem nicht wieder in die Moppedklamotten steigen müssen, wollen wir uns einen Taxifahrer als Führer nehmen. Für TL 40,- ist der junge Mann bereit, uns beliebig lange durch die Gegend zu fahren. So geht es zunächst zum sehr engen und hoch aufragenden Tohma-Canyon, in den wir ein Stück weit hineinwandern können. Sehr imposant, vor allem, wenn man sich vorstellt, wie das aussieht, wenn die Felsen winters mit einer dicken Eisschicht überzogen sind. Die Türbe (also das Grabmal) von Somuncu Baba, irgendeines Islam-Heiligen, interessiert mich nicht so, schon eher die daneben gelegene Gedenkstätte für Gefallene aus Darende. Auf Kacheln sind die Namen und Daten der Soldaten aus Darende aufgeführt, die in den verschiedenen Kriegen ihr Leben gelassen haben, angefangen beim Türkisch-Russischen Krieg 1877/78 über die Weltkriege bis hin zu aktuellen Auseinandersetzungen etwa im Rahmen von NATO-Einsätzen.

Zur Zengibar-Festung, die ich gerne noch bestiegen hätte, reicht es nicht mehr, ich sehe sie von Ferne und nehme mir vor, morgen noch ein Foto mit dem Tele zu machen.

Zum Abendessen müssen wir einige Kilometer ortsauswärts fahren, was sich jedoch als sehr lohnend herausstellt. Die Günpınar-Wasserfälle, an deren Fuß das Restaurant liegt, sind tatsächlich sehenswert und lauschig gelegen, endlich komme ich mal zu einer frischen Forelle. Und um es gleich vorweg zu sagen: Es war die beste Forelle meines Lebens! Statt gegrillt oder in Öl gebraten, wird sie hier in einem Tontopf im Backofen gebacken. Den richtigen Pfiff bekam das Ganze durch die leicht tomatige Marinade – wirklich ein Gedicht und ein Grund, gleich noch eine zu bestellen.

Darende gehört noch zur Provinz Malatya, die Stadt, die als Zentrum des Aprikosenanbaus gilt. Unser Fahrer will uns noch einen Beutel dieser getrockneten Früchte verkaufen, wir lehnen aber ab. Die Tour hat gelohnt und war so „rund“, dass ich unserem Guide 50,- statt der vereinbarten 40.- TL in die Hand drücke.

Obwohl das „Öğretmen Evi“ direkt an der Straße liegt, verbringen wir eine ruhige Nacht. Das Frühstück ist erstaunlich reichhaltig, zudem ist das Wetter gut, die äußeren Voraussetzungen für einen prima Fahrtag sind also gegeben. Entgegen erster Planung haben wir uns entschieden, Kappadokien in diesem Jahr doch nicht die kalte Schulter zu zeigen, zu verlockend sind die Gegend und die Aussichten aufs „Old Greek House“ in Mustafapaşa.

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Es geht kein Weg dran vorbei – Kappadokien/Gomeda-Tal

Das Foto von der Zengibar-Festung muss ich mir leider abschminken, beim morgendlichen Sonnenstand liegt sie vollständig im Schatten. Über die bestens ausgebauten, zumeist vierspurigen Straßen (und bei permanenter Missachtung des 70-km/h-Gebots) ist die Strecke nach Kappadokien schnell geschafft, schon gegen 12 Uhr erreichen wir das touristisch geprägte Ürgüp. Auf den letzten Kilometern vor Mustafapaşa weicht das schmale Sträßchen nun auch einer breiten Asphalt-Trasse, mit der Idylle dort könnte es auch bald ein Ende nehmen. Ein weiteres Zeichen dafür ist das zunehmende Angebot an Unterkünften. Aber noch ist es so, wie wir es mögen, und wir halten auf das „Old Greek House“ zu. Der Junior freut sich über unseren Anblick, schickt gleich nach seiner Mutter – es gebe eine Überraschung. Kurz drauf komme auch ich in den Genuss etlicher „Küsschen rechts, Küsschen links“.

Wir beziehen wieder das Zimmer namens „Saçmalık“, wo wir uns schnell einrichten, dann schürt ein leichter Imbiss die Vorfreude auf das Abendessen. Rendel streift ein wenig durch den Ort, alte Bekanntschaften auffrischen. Beim Personal gibt es ein paar neue Gesichter, alle sind sehr freundlich und scheinen einen Wink bekommen zu haben, dass wir Stammgäste sind.

„Öküzgözü“ – Ochsenauge, die von mir bevorzugte Rebsorte, ist leider nicht vorrätig, „Boğazkere“ steht dem aber nur wenig nach. Vor, zum und nach dem Essen gibt’s noch etliche nicht bestellte Leckereien „aufs Haus“. Vor allem die Chefin scheint genau zu wissen, womit sie uns eine Freude machen kann.

Nach dem Frühstück fragen wir Süleyman, den Patron, was man von hier aus erwandern kann. Er schlägt das Gomeda-Tal vor – nie gehört. Der Einstieg befindet sich ein paar Kilometer vom Hotel entfernt, sein Bruder würde uns fahren. Zwei Stunden würde die Wanderung brauchen – wir werden schließlich auf fünf kommen. Verlaufen könnten wir uns nicht, wir müssten immer nur dem Bach folgen. Am Ende sollten wir anrufen, wir würden dann wieder abgeholt.

Das Tal legt gleich richtig los. Auf dem ersten Teilstück überwiegt die reine Natur – überbordendes Grün, dazwischen eigentümlich bis bizarr geformte Felsen aus Tuffstein, meist „naturbelassen“, hoch oben allenfalls mal einige Nisthöhlen für Tauben (deren Hinterlassenschaften dann regelmäßig ausgekehrt und als Dünger verwendet wurden). Zu Beginn überholt uns eine kleine Wandergruppe aus Kanada, auf der weiteren Strecke sollen uns nur noch ein Ehepaar und eine Dreiergruppe begegnen. Schade, dass wir uns – mit den vermeintlichen zwei Stunden im Hinterkopf – nicht auf ein Picknick eingestellt haben, ein schöneres Areal dafür ließe sich kaum finden.

Der Bach ist tatsächlich ein guter Wegweiser, manchmal verschwindet er zwar irgendwo im Dickicht oder unter einem Felsen, taucht dann aber, bevor wir die Orientierung verlieren, wieder auf.

Mit der Zeit kommen wir in einen Abschnitt des Tals, in dem die Felsen mehr Spuren menschlicher Besiedlung aufweisen. Mich begeistert, wie die früheren Bewohner die von der Natur vorgegebenen Formationen übernommen, sich zunutze gemacht und sich darin häuslich niedergelassen haben. So ist ein Bereich einer modernen Reihenhaussiedlung nicht ganz unähnlich. Manche Fenster- und Türöffnungen lassen noch farbige Ornamente, meist in blau oder rostrot, erkennen, einiges scheint reine Zierde zu sein, anderes wirkt eher kultisch-religiös.

„Hier müsste jetzt jemand sein, der uns fotografieren könnte“, meint Rendel. Prompt taucht ein Schweizer Ehepaar auf, das uns diesen Dienst tun kann (und wir im Gegenzug ihnen). Später treffen wir sie noch mal, wie sie sich am Bach gelagert haben – sie haben ans Picknick gedacht …

Als wir gerade meinen, unsere Wanderung fast hinter uns gebracht und alles gesehen zu haben, bleibt uns hinter einer weiteren Biegung fast der Mund offen stehen! Vor uns reckt sich ein regelrechtes Tuffstein-Felsmassiv in die Höhe, durchsetzt mit Fenstern und Türen, mit Treppen und Durchgängen, ergänzt um Anbauten aus kleineren Steinen. Wenn das vorhin ein Reihenhaus war, dann stehen wir hier vor einem Hochhaus! Wir können uns nicht satt sehen und sind fast etwas irritiert, dass wir von diesem Tal und seinen Schönheiten bislang noch nichts wussten, zumal das schon unser vierter Aufenthalt in Mustafapaşa ist.

So, langsam müsste sich unsere Wanderung dann doch dem Ende zuneigen. Bei der x-ten Überquerung des Bachs rutsche ich aus und schlage lang hin, wobei ich mir den linken großen Zeh verstauche – gehen geht noch, später wird er dick und blau.

Irgendwie haben wir nun doch die Orientierung verloren, ein Weg am Bach ist nicht mehr auszumachen. In der Ferne werkelt ein Bagger, sicher die Straße. Dort angekommen rufen wir im Hotel an, zehn Minuten später werden die müden, aber restlos zufriedenen Wanderer aufgelesen.

Rendel, die morgen Geburtstag hat, hat nun doch einen Wunsch: „Noch mal!“ – Okay, ich werde Süleyman bitten, einen weiteren Vorschlag zu machen. Nach dem Duschen werden wir – wie meist – zum Mitarbeiterpäuschen hinzugebeten, aber Vorsicht: nicht wieder zu viel von den wie beiläufig hingestellten Häppchen essen!

Abends gibt’s dann Hähnchen-Sauté bzw. Güveç. Wir unterhalten uns noch ein wenig mit einem älteren holländischen Ehepaar – weitgereist, in der Türkei aber zum ersten Mal. Interessant, wie sie sonst häufig ihre Reisen gestalten: Im Gegensatz zu uns mögen sie auch große Städte. Diese erobern sie sich so, indem sie sich für einen Monat mitten im Herzen solch einer Großstadt einquartieren, bislang z. B. in Rom, Paris, Madrid und New York. So würden sie sich in die Städte „reinfühlen“.

Rendel hat Geburtstag – und wie fast immer in der Türkei. Zwar hat Süleyman wieder einen Tipp, aus der Erfüllung des Geburtstagswunsches wird allerdings trotzdem nichts, denn das Wetter spielt nicht mit, dicke schwarze Regenwolken und Gewitterneigung. Trotzdem kann ich Rendel – zumindest als Überbringer – noch einen Geburtstagsfreude machen: Aus einer Glückwunsch-E-Mail ihrer Kollegen geht hervor, dass eine Dame aus der Kreisverwaltung, die Rendel seit Langem das Leben schwer macht, in eine andere Stadt wechseln wird. Rendel bekommt das Grinsen den ganzen Tag nicht mehr aus dem Gesicht.

Als Süleyman erfährt, dass Rendel Geburtstag hat, schenkt er ihr eine gute Flasche Wein, worüber ich mich sehr erfreut zeige.

Am Nachmittag klart es auf, so kommen wir doch noch zu einer kleinen Wanderung in die nähere Umgebung. Für den Abend ist Folklore mit Jawa-Achmed und seinem Löffeltanz angesagt. Er freut sich, uns wiederzusehen, und gibt mit seinen 72 wieder alles, auch sehr zur Freude der amerikanischen Reisegruppe.

Das schöne Haus direkt neben dem „Old Greek House“ steht zum Verkauf. Die Grundsubstanz scheint gut zu sein, 240 m², der Inhaber will € 350.000,- haben. Sicher ein schönes Domizil für eine Alten-WG, aber die Aussichten in der Türkei sind nicht mehr so, dass ich noch ernsthaft in Erwägung ziehen könnte, den Lebensabend hier zu verbringen. Griechische Inseln sind ja gerade auch im Angebot …

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„Bite my dust!“ – auf dem Meke-Krater

Zeitiger Start in Mustafapaşa. Der Junior (der offiziell der Chef ist), drückt mir noch eine Flasche vom guten Roten in die Hand. Die Zeche beläuft sich auf TL 758,-, entsprechend einem Tagespreis von € 110,- für zwei Personen mit Getränken, Zwischenmahlzeiten, Fahrdiensten und allem Zipp und Zapp, nicht billig, aber absolut preiswert.

Die Gegend zwischen Kappadokien und Konya ist unter geologischen Gesichtspunkten sehr interessant, besonders die Dolinen und Erdfallseen, wie sie etwa im Bereich um Sultanhanı zu beobachten sind. Unser erstes Ziel am heutigen Tag hat seinen Ursprung in vulkanischer Tätigkeit. Wir halten über Aksaray auf Karapınar zu, in dessen Nähe sich der Kratersee Meke Gölü befindet. Nachdem uns das Navi eine Zeitlang zwar richtig, aber auf einem großen Umweg geführt hat, machen wir kehrt und orientieren uns auf kleineren Sträßchen Richtung Karapınar.

Auf Höhe des Meke Gölü kommt es schließlich fast zur Katastrophe: Wir überholen einen LKW, als ich, ein ganzes Stück vor Rendel fahrend, den Abzweig sehe. Das Einscheren klappt noch gut, doch dann sehe ich im Rückspiegel, dass Rendel den Überholvorgang sehr knapp vor dem LKW beendet, um auch noch abbiegen zu können. Der LKW-Fahrer hupt, was das Horn hergibt, im Spiegel bietet sich die Situation so dar, dass Rendel in der nächsten Sekunde unter den LKW kommt. – Ein fast fataler Fahrfehler. Rendel tut es sehr leid, sie meint jedoch, dass es nicht so knapp gewesen sei, wie es aus meiner Perspektive aussah. Auf jeden Fall begleitet mich das Bild noch lange, sehe in Gedanken, wie Rendel buchstäblich unter die Räder kommt.

Nachdem wir uns etwas beruhigt haben, setzen wir die Fahrt fort. Nach den Schilderungen soll der Meke Gölü ein See vulkanischen Ursprungs sein, jedoch mit der Besonderheit, dass sich in der Seemitte noch mal ein zweiter, innerer Krater aufgeworfen hat. Das, was ich mir als See vorgestellt habe, erweist sich jedoch eher als eine Reihe kleiner, durch Landbrücken voneinander getrennter Teiche. Das Wasser darin kommt einer grün-braunen, schweflig riechenden Brühe gleich, die allerdings gesundheitlich mindestens unbedenklich zu sein scheint, denn darin toben einige Kinder. Der innere Vulkankegel erhebt sich zwar nicht ganz so ebenmäßig in der Mitte wie erwartet, aber doch recht hoch. Ich fahre ein Stück weiter ran und sehe, wie ein Mann den Kegel herabstolpert, ist also begehbar. Rendel kommt nach und wir fahren so nahe wie möglich heran, denn der eigentliche Aufstieg scheint schon so lang und steil genug zu werden. – Ob das, in der Mittagshitze und zum Teil in Motorradklamotten, zu schaffen ist? Wir versuchen es, teilen die Strecke in kleine, überschaubare Etappen („Bis zum nächsten Busch!“). Der Untergrund besteht zum Großteil aus grober Asche bzw. Lava, furztrocken und staubig, trotzdem wächst und blüht auch hier noch etwas. Die Etappen werden kürzer, das Trinkwasser weniger, aber es scheint zu schaffen zu sein. Unsere Hosen sind mittlerweile rostbraun vom Staub, wir keuchen die letzten Meter hoch – hoffen wir zumindest, denn ob der Grat dort vor uns schon den Kraterrand markiert, können wir noch nicht sehen.

Doch damit ist es dann wirklich geschafft. Etwas enttäuscht bin ich trotzdem. Ich hatte gedacht, dass der obere Krater auch einen See beherbergt, aber das führe ich eher auf meine falsche Vorstellung von den Gegebenheiten zurück. Doch wir haben es geschafft, der Ausblick entschädigt für alles – und zum Glück geht der Abstieg dann schnell und fast mühelos vonstatten.

An einer Tankstelle befreien wir uns so gut es geht vom Vulkanstaub und halten uns Richtung Karaman. Ob wir Madenşehri und Binbirkilise noch heute auf dem Weg mitnehmen sollen, anstatt morgen von Karaman noch mal zurück zu fahren? – Scheint Sinn zu machen, denn es ist noch nicht allzu spät.

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Tausendundeine Kirche. Oder doch ein paar weniger? – Madenşehri und Binbirkilise

Wir orientieren uns eher blind, denn Madenşehri ist nicht auf dem Navi, die Koordinaten von Binbirkilise jedoch schon, nur: Eine Straße dorthin ist nicht verzeichnet. An einer Stelle müssen wir uns entscheiden: rechts oder links? Falsche Antwort! Falsche Antwort! Ich fahre mich an einer Sandgrube fest, stakse zu einem Baggerfahrer und lasse mir versichern, dass die andere Richtung doch gestimmt hätte. Das Reinigen der Klamotten an der Tanke hätte ich mir sparen können. Schließlich: kein Ortsschild, aber das könnte eins von beiden sein. Die Beschreibung in den Reiseführern war etwas missverständlich, ich deutete sie so, dass die beiden Orte fast identisch sind bzw. ineinander übergehen. Auf jeden Fall handelt es sich bei den hiesigen Ruinen um die Reste christlicher Sakralbauten. Eine der imposantesten Ruinen können wir als Überreste der Basilika aus dem 10./11. Jahrhundert identifizieren; nicht mit letzter Sicherheit, aber möglicherweise ist Madenşehri mit dem neutestamentlichen Derbe gleichzusetzen (vergl. Apostelgeschichte 14,20).

Aber „Binbirkilise“, „Tausendundeine Kirche”? Ein Hirte treibt seine Herde durch den ausgestorben wirkenden Ort. Er hat eine Zeit in Holland gelebt und kann somit auch ein wenig Deutsch. Ja, das hier sei Madenşehri, nach Binbirkilise müssten wir noch etwas fahren, als Orientierungspunkt nennt er uns eine Herde von Pferden, danach rechts ab.

Pferde können wir nirgends ausmachen, ich orientiere mich so gut wie möglich in Richtung des Navi-Waypoints. Die Gegend ist schön, rau – und die Strecke zieht sich in Serpentinen den Berg hinauf. Endlich zeichnet sich ein Ruinenfeld ab, in dem auch menschliche Behausungen erkennbar sind. Da sich auch hier kein Hinweisschild findet, winke ich zwei kleine Jungs, die uns neugierig mustern, zu mir, frage sie nach ihren Namen und ob dies Binbirkilise sei. Noch bevor sie antworten können, macht sich vor einem Haus ein alter Mann bemerkbar, der – ganz freundlich – mit seinem Stock wedelt. Er ist der Opa von den beiden und bietet sich umgehend an, uns herumzuführen. Opi muss über siebzig sein, wenig Zähne im immer lachenden Mund, den Gehstock braucht er, weil er eine steife Hüfte zu haben scheint. Trotz dieser Behinderung scheucht er uns durch die Ruinen, wir haben Mühe, Schritt zu halten. Zunächst zeigt er uns einige in den Gebäuden verborgene Dinge, etwa große Tonkrüge oder unterirdische Räume. Der Ort entspricht der Beschreibung, die ich gelesen hatte: Die Dörfler haben die Ruinen zum Teil als Steinbruch benutzt, um ihre Wohnhäuser und Ställe zu errichten. Für den Archäologen und Historiker mag das verheerend sein, rein optisch hat es seinen Reiz. Zudem sind immer noch sehr gut erhaltene Reste einer Basilika, weiterer Kirchen, eines Klosterkomplexes, von Häusern und auch von Gräbern vorhanden. Aber „neuzeitliches“ (wiewohl sehr archaisch wirkendes) Dorf und antike Stätte gehen ineinander über, wobei das Dorf nur noch zwei, wenn auch große Familien beherbergt, die noch zu den halbsesshaften Nomaden gezählt werden.

Genaueres Nachforschen wirft Licht auf die Frage, warum „Binbirkilise“ so schwer zu finden war. Entgegen meiner Annahme, die sich etwa auf Einträgen bei Google Earth oder in einigen Reiseführern stützte, handelt es sich bei Binbirkilise nicht um einen Ort, also weder um Madenşehri noch um dieses Dorf, das heute Üçkuyu heißt, sondern um diese Gegend.

Ein Kleinbus hält. Amerikanische Christen, die zum Teil in Konya wohnen und die sich auch diese frühen Stätten des Christentums ansehen wollen. Schon ein eigentümlicher Gedanke, dass vielleicht der Apostel Paulus hier schon mal gepredigt hat!

Der Alte will uns noch zu einem Ziegen-Ayran einladen, was wir lieber ausschlagen. Liebevoll streichelt der Alte unsere Motorräder und küsst mich zum Abschied auf den Helm. Ich stecke ihm noch TL 20,- zu, worüber er sich sichtlich freut.

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Endlich Urlaub! – von Karaman ans Meer

Auf der Strecke Richtung Karaman sehen wir jetzt auch einen Wegweiser nach Binbirkilise, jedoch kommen wir jetzt auch an einer anderen Stelle aus. Ich überlege: Karaman, von dem wir nicht wissen, was uns dort erwartet, oder lieber „bewährt“ nach Taşucu ans Meer? Letzteres würde aber noch mal drei Stunden Fahrt bedeuten. Nein, es ist sicher vernünftiger, den Fahrtag hier zu beschließen. Das Hotel in Karaman wäre eigentlich leicht zu finden, jedoch soll die Straße, an der es liegt, wegen Bauarbeiten ganz für den Verkehr gesperrt sein – mit dem Motorrad gäbe es aber vielleicht ein Durchkommen. Tatsächlich hangeln wir uns durch die Baustelle, bleiben mit unseren Koffern an einigen Pollern hängen und landen dann doch direkt vor dem Hotel „Nas“ (nein, diesmal nicht „Has“, auch nicht „Nass“). Das Zimmer ist okay, wenngleich ohne Balkon und Klimaanlage. Das Restaurant „Hatuniye“ soll empfehlenswert sein. Es ist sehr schön in einer alten Karawanserei untergebracht, wir sind die einzigen Gäste, die von einer Handvoll Mädels umsorgt werden. Leider ist das Essen nicht so berühmt, und um einen 50-Lira-Schein wechseln zu können, müssen sie erst zu einem Kiosk flitzen.

In Karaman endet der geplante Teil unserer Reise, womit uns auch bewusst wird, dass wir uns langsam aber sicher wieder Richtung Heimat bewegen. Nach all dem Staub und Schweiß soll es endlich mal ans Meer gehen. Wir rufen bei Verena in Kızılot (bei Manavgat) an. Vor Jahren betrieb sie das „Nostalgie Camping“, zu dem auch ein paar Zimmer gehörten. Sie ist umgezogen, allerdings nur ein paar Meter weiter. Okay, wir kommen!

Zunächst müssen wir ein Stück auf langweiliger Straße hinter uns bringen, bis es dann Richtung Bozkir wieder nach unserem Geschmack wird. Wir sollten tanken, aber die Tankstelle hat wieder mal keinen Sprit. Doch es reicht noch bis zur nächsten. Dann geht es in den Taurus – wir zirkeln die Moppeds über kleine Straßen und durch enge Kurven, teilweise auf Tuchfühlung mit dem letzten Schnee. Der Ausblick ist so schön, dass auch Einheimische halten, um ihn zu genießen und sich an den eingefassten Quellen mit gutem Trinkwasser einzudecken. Dieses Fahrvergnügen wird bald ein Ende haben, denn überall wird an einer breiten, vierspurigen Straße gebaut, die die Serpentinen ablösen soll. Doch heute wissen wir auf dem letzten Stück auch die Schnellstraße zu schätzen, zügig durchschneiden wir die Berge und halten über Akseki auf die Küste zu. Nach dem Abzweig noch zwei Kilometer Richtung Osten, dann sehen wir schon die Werbetafel für das „Nostalgie Camping“. Zumindest meinen Charakterkopf meint Verena noch nach fünf Jahren wiederzuerkennen. Wir freuen uns, dass der Umzug der Qualität nicht geschadet hat. Das Areal liegt weit genug von der Straße weg, um keinen Lärm mehr abzubekommen, zudem ist der Abstand nach rechts und links zu den nächsten großen Touristenbunkern angenehm groß. Hinter der Pension erstreckt sich immer noch (oder wieder) ein kleiner Garten sowie die Stellplätze, gefolgt von einem eigenen kleinen Strandabschnitt. Die Stellplätze sind zumeist von deutschen Wohnmobilfahrern belegt, in der Regel Rentner, die es sich ohne Zeitdruck gut gehen lassen.

Wir genießen auch die Aussicht auf ein paar „freie“ Tage. Allerdings hat sich auch bei uns bewahrheitet, dass ein eigentlich anstrengenderer Aktivurlaub einen höheren Erholungswert haben kann als etwa drei Wochen am Strand. Diesen genießen wir aber trotzdem, vor dem Abendessen stürzen wir uns noch mal in die schon recht warmen Fluten.

“Thomas”?! – Kann man ein Tier auch psychisch misshandeln? In diese Kategorie würde meines Erachtens fallen, dass Verena ihren alten, ganz zutraulichen Schäferhund „Thomas“ genannt hat. Ich versuche mich in ein wenig Wiedergutmachung und rufe ihn fortan „Jürgen“.

Während Rendel ihr E-Book schon weidlich genutzt hat, komme ich hier zum ersten Mal zum Lesen, bei mir ist es „Hummeldumm” von Tommy Jaud.

Während wir nach Sonnenuntergang noch im Garten sitzen, rotten sich im Restaurant die anderen Gäste zusammen. Verena hat heute Geburtstag! Jemand hat eine Torte besorgt, wir bringen bei Wunderkerzenlicht ein Ständchen. Während wir die süßen Stücke verdrücken, steht einer der Gäste auf, um eine Geburtstagsansprache zu halten. Was dann kommt, ist dann allerdings eher ein Beitrag zum Fremdschämen, ein zotiger Witz, dabei nicht einmal besonders gut.

Verena klagt uns ihr Leid, vor allem, dass es Leuten wir ihr, die als Ausländer in der Türkei ein Geschäft betreiben, immer schwerer gemacht wird, vor allem im Blick auf Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung, ein Umstand, der sie erwägen lässt, die ganze Sache aufzugeben.

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Opium, Hundewurst und Reiner Calmund – Afyon

Die drei Tage des „dolce far niente“ taten gut, aber es reicht. Wir verabschieden uns von Verena, wünschen ihr alles Gute und halten uns Richtung Westen, froh, schon kurz vor Antalya auf İsparta zuhalten zu können, vorbei an etlichen Stauseen. Wieder sehen wir, was sich in den letzten Jahren im Straßenbau getan hat – mit den bekannten Vor- und Nachteilen. Für uns überwiegt heute der Vorteil, schon gegen 14 Uhr rollen wir in Afyon ein, ich ein wenig zu forsch, ich übersehe eine rote Ampel, was aber folgenlos bleibt. Ziel ist wieder das Hotel „Grand Çınar“, leicht zu finden an der Hauptstraße. Der Rezeptionist versichert uns, dass die Moppeds in der Seitenstraße sicher stehen, da sie im Erfassungsbereich der Kameras der Polizeistation gegenüber liegen.

Nach dem Umziehen laufen wir zehn Minuten bis ins Zentrum, stillen den größten Hunger an einem dieser Verkaufswägelchen, die Becher mit heißem Mais anbieten. Direkt nebenan liegt der schöne Teegarten, wo sie den Tee auch in kleinen, blau emaillierten Kännchen servieren, und von wo man schön die Menschen beobachten kann.

Optisch wird Afyon von dem hoch aufragenden Burgberg mit der Zitadelle dominiert, wir fragen uns, wie man da wohl hochkommt, bitten einen Taxifahrer, uns so weit wie möglich zu fahren. Das erweist sich aber schnell als Fiasko, denn viel weiter als bis zu dem Einstieg, wo der Fußweg hinauf zur Burg anfängt, kann er uns auch nicht bringen – und den steilen und offensichtlich langen Aufstieg wollen wir uns heute doch nicht mehr antun. Somit lassen wir uns zurückbringen und beim „Gamze Döner“ absetzen. Wir wollen endlich mal eine der beiden hiesigen Spezialitäten probieren, die „Suçuk“, eine pikante Wurst, die es zwar überall in der Türkei gibt, die beste soll aber aus Afyon kommen. Abgesehen von der Würzung soll sie ihren guten Geschmack vor allem der Zugabe von Wasserbüffel-Kalbfleisch verdanken. Bei „Gamze“ gibt es diese Wurst als Döner – und es schmeckt wirklich klasse. Auf dem Rückweg zum Hotel kommen wir an etlichen Fleischereien vorbei, die eben diese Suçuk anbieten. Aber was soll das heißen? Dass zur Suçuk-Rezeptur auch das Fett vom Wasserbüffeldarm gehören kann und dass an die Tiere bevorzugt Mohnpflanzen verfüttert werden („Ayfon“ = „Opium“), wusste ich, aber Hundefleisch? Tatsächlich hängt in der Metzgerei ein Schild, das groß auf „Kangal Suçuk“ hinweist, daneben die Abbildung des Kopfes eines dieser anatolischen Hirtenhunde. Auch wenn deren Schulterhöhe fast die eines Kalbes erreichen kann, muss man doch nicht gleich … Als ich später im Hotel nachforsche, gibt es Entwarnung. Namensgeber ist letztlich nicht der Hund, vielmehr bedeutet Kangal so viel wie „Kringel, Ring“ – und die „Kangal Suçuk“ ist dann eben eine Form dieser Wurst, die andere ist die „Parmak Suçuk“, dann eben in Form eines Fingers („parmak“). (Und der Hund hat seinen Namen eben nach dem Ort, in dem er hauptsächlich gezüchtet wird, der Stadt Kangal.)

Die zweite kulinarische Spezialität Afyon ist „Kaymak“, Rahm oder besser Schichtsahne aus Kuhmilch, in der Afyon-Variante aber aus der vom Wasserbüffel. Das hiesige Kaymak soll seinen besonderen Geschmack auch dem Futter aus Opiumpflanzen verdanken. Mit Blick auf unsere eh schon bedenklich angewachsenen Taillenumfänge beschließen wir jedoch, gar nicht erst nach diesem Produkt zu fragen …

Noch etwas verschlafen und ohne Brille tapse ich ins Bad. Den Typen im Spiegel kenne ich doch! Fernsehen. Reiner Calmund. Okay, so ganz dann doch nicht, aber mein Kinn und der obere Hals sind so angeschwollen, dass eine gewisse Ähnlichkeit nicht zu verleugnen ist. Ich erinnere mich, dass mich bei der Fahrt am Vortag (schon zum wiederholten Male) irgendein Insekt angeflogen und sofort gestochen hatte. Die Einstichstelle war erst kaum zu erkennen, jetzt hat sich dort ein Quaddel gebildet und der Hals ist derart angeschwollen und das Gewebe mit Wasser gefüllt, dass das Kinn bei schneller Kopfdrehung richtiggehend hin und her schwappt. Warten wir ab!

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Reif für die Insel – nach Bozcaada

Ich stelle den Verschlussriemen meines Helms auf die weiteste Stellung und bekomme ihn mit Mühe zu. Die heutige Etappe wird mit über 500 Kilometern vorhersehbar heftig, aber wir wollen auf die Insel Bozcaada. Zwar geht die letzte Fähre erst um 19 Uhr, lieber wäre es uns aber, schon um 17 Uhr übersetzen zu können. Das Wetter spielt mit. Zwar ist es wolkenverhangen und mit nur 16°C recht frisch, zum Fahren aber eher gut. Auch die Straße lässt uns schnell vorankommen, aber dann kommt es kurz nach Tavşanlı doch wieder zu dem, worauf wir Motorradreisende im Blick auf die zeitliche Planung immer wieder hinweisen: Von jetzt auf gleich wandelt sich die autobahnähnliche Straße in eine Piste, die bei uns nie und nimmer zum Befahren freigegeben würde. Und dann ist es oft nicht nur so, dass lediglich ein schon ausgebauter Streckenabschnitt auf das Niveau der vormaligen Strecke abfällt, also etwa zu einem kleinen Landsträßchen wird. Häufig, so auch heute, ist die Strecke über Kilometer aufgerissen, Schotter, Wasserlöcher, Staub und Matsch. Als wir so einen Abschnitt passieren, macht uns ein Mann die typische anerkennende Geste und ruft „Bravo, süper!“

Hinter Dursunbey kommt dann wieder ausgebaute Strecke, die Trackaufzeichnung meines Navis zeigt, dass die neue Trassenführung erheblich von der alten abweicht. Ich bedaure den Fahrer eines langen ukrainischen Trucks, der auch wohl von durchgängig guter Straße ausgegangen war, für ihn wird es definitiv kein Durchkommen geben.

Das Stück von Edremit über Ayvacık bis Ezine zieht sich immer ziemlich, zumal im Nachmittagsverkehr. Von Ezine sind es noch 10 Kilometer bis zum Fähranleger von Geyikli. Optimal treffen wir um 16.30 Uhr dort ein, kaufen die Tickets und reihen uns in die Schlange der Wartenden ein. Mit uns wartet unter anderem ein Paar aus İstanbul auf einem großen Roller und eines aus Italien mit einer BMW GS. Die Italiener sind nur gut zwei Wochen unterwegs und schon fast auf der Rücktour – sie kommen aus Norditalien, aber mit der Fähre über Griechenland ist die Türkei eben doch noch fast vor der Haustür. Interessiert befragen uns die beiden nach politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten in der Türkei, Fragen, die wir natürlich nur zum Teil beantworten können.

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Museum und Marmeladen

Ein weiterer Biker, Türke, der jetzt auf Bozcaada wohnt, kennt die „Rengigül Pension“, in der wir uns angemeldet haben; er bietet sich an, uns den Weg zu zeigen. Nach gut einer halben Stunde legen wir an, fünf Minuten später stehen wir vor der Pension, mitten im – überschaubaren – Gassengewirr von Bozcaada-Stadt gelegen. Die Inhaberin Özcan, eine taffe Frau Anfang siebzig, erscheint kurz drauf, erklärt, sie käme von der „Galerie“.

Die Beschreibung und die Kommentare der Gäste, die wir im Internet gelesen hatten, betonten immer zwei Dinge: a) ähnele das „Rengigül“ mehr einem Museum denn einer Pension, b) wurde das Frühstück in höchsten Tönen gelobt. Der Museumscharakter behagt mir zunächst gar nicht, mir ist es alles zu plüschig und überladen. Aber dann freunde ich mich mit dem Ambiente an, bleiben können wir eh nur zwei Nächte, dann müssen wir wegen anderer Reservierungen umziehen. Im Moment heißt das aber, dass wir die Etage für uns allein haben, auch das Bad, das aus Platzgründen als Gemeinschaftsbad konzipiert ist.

Das ganze Haus ist wirklich überbordend mit einer Mischung aus Kunst, Nippes, Antiquitäten und Alltagsgegenständen vollgestopft, die Wände sind fast flächendeckend mit Bildern bedeckt. Ähnlich gestaltet ist der Garten, unübersehbar das Faible von Özcan für Engel, aber sie scheint auch ein Händchen für Blumen und Pflanzen zu haben. Überall im Garten lässt sich ein gemütliches Plätzchen zum Lesen oder zum Dösen finden. – Langsam merke ich, dass ich hoffe, es würde sich doch noch eine Möglichkeit finden, alle vier Tage hier zu verbringen …

Der Ort ist klein und übersichtlich, zudem kennen wir ihn ja prinzipiell schon von unserem Besuch vor einigen Jahren. Wir schlendern zur Kaimauer, setzen uns im Abendlicht auf die Bank, an die wir schöne Erinnerungen haben, und freuen uns darüber, wie gut es uns geht.

Bozcaada ist, sicher auch wegen seiner Nähe zu İstanbul, schon fast ein wenig mondän, entsprechend auch das Angebot an Restaurants. Heute hätten wir gerne Fisch, das „Ballı Balık“ trägt ihn im Namen, sollte also eine gute Wahl sein. Vom Chef lassen wir uns beraten, suchen uns Fisch aus und bestellen vorweg unter anderem gefüllte und frittierte Zucchini-Blüten und Fisch-Pastırma (das ich bislang nur in der Rindsversion, mit gewisser Ähnlichkeit zum Bacon, kannte).

Die drei bildhübschen Bedienungen überbieten sich gegenseitig mit Aufmerksamkeit, mit einer „streite“ ich die ganze Zeit, ob ich mir den Wein selber nachschenke oder sie. Das Essen, das schon in Richtung „Gourmet-Qualität“ geht, hat natürlich seinen Preis, die TL 200,- sind unsere bislang höchste Zeche, wobei man aber bedenken muss, dass auch eine Flasche Merlot von „Talay“, einer der hiesigen Winzereien, dabei war.

Wir plaudern noch ein wenig mit Özcan und ihrer Freundin, bis wir uns in unsere Puppenstube zurückziehen.

Erwartungsvoll steigen wir am Morgen die ausgetretenen Stufen der schönen Holztreppe hinab. Der Frühstückstisch ist in einer Art offenem Wintergarten gedeckt. Aber was sag ich: Tisch? Das, was sich dem Auge da bietet, würde einem Titelbild von „Heim und Garten“ oder einem Lifestylemagazin zur Ehre gereichen. Blumenbouquets, frisches Obst und Gemüse als Deko, und dazwischen stechen vor allem etliche Kelche hervor, die irgendwelche Köstlichkeiten beinhalten müssen. Wir wagen zunächst fast nicht, diese schöne Inszenierung zu stören. Aber dann kommen schon Özcans fleißige Helferinnen und fragen, was wir trinken und ob wir lieber Rühr-, Spiegelei oder Omelette möchten.

Im Frühjahr durchzieht der Duft der Ölweidenblüte die ganze Insel. Riecht gut, aber daraus eine Konfitüre machen? Özcan hat es ausprobiert – und es schmeckt köstlich. Ich frage mich ängstlich, ob ich überhaupt genug essen kann, um alle Marmeladen zu probieren, zudem hat Özcan angekündigt, dass es morgen noch mehr geben werde. Ich kämpfe mich also durch. Zunächst die Ölweide, gefolgt von einer Marmelade aus kleinen Paprikaringen, in Rotwein gekocht. Dann erst eine Marmelade aus der Kornelkirsche, die gut mit dem zwischendurch eingeschobenen Stück Schafskäse mit Walnüssen kontrastiert. Die Tomatenkonfitüre gehört zu meinen Favoriten, besonders raffiniert sind die in die Tomaten gesteckten ganzen Mandeln. Rendel empfiehlt die Mandarinenmarmelade – mit der ganzen Schale, den krönenden Abschluss bildet die Minzkonfitüre, noch gefolgt von ein paar eingelegten Feigen … Jetzt bereue ich endgültig, dass wir morgen umziehen müssen.

Mit uns am Tisch sitzt ein Ehepaar unseres Alters aus İstanbul und eine junge Frau, die das Galerieprojekt von Özcan betreuen soll. In der Parallelgasse entsteht ein kleiner Ausstellungsraum mit Café, von dort kam Özcan gestern, als wir auf sie warteten.

Rendel hat etwas Kopfschmerzen, die zwar bald vorübergehen, wir ziehen es aber vor, im Schatten zu bleiben. Mittags gönnen wir uns einen Tavuk-Döner im großen Teegarten des Orts. Danach bittet uns Özcan zu Tee und Kuchen in den Garten. Eine Bekannte hat Geburtstag, und wir dürfen mitfeiern. Die Dame, die wir schon am Vorabend kennen gelernt haben, hat eine deutsche Mutter und einen türkischen Vater. In den 1960-ern hat sie in München Geschichte und Politikwissenschaften studiert und danach an der deutschen Botschaft in Ankara gearbeitet, wo sie unter anderem für das Protokoll zuständig war. Das muss, an der Schnittstelle zweier Kulturen, sicher ein interessanter Job gewesen sein. Später hat sie dann die Prüfung zur lizenzierten Reiseleiterin absolviert, eine Aufgabe, die sie dann in der ganzen Türkei herumgebracht hat. Eine frische, gebildete und freundliche Frau – wie übrigens die ganze restliche Tischgesellschaft auch. Mit am Tisch auch ein Neffe von Özcan mit seiner Freundin, die beide in den USA studieren. Witzig, dass diese beiden Türken sich über die Prüderie in den USA mokieren, wo schon das Stillen in der Öffentlichkeit als unschicklich gilt.

Die kleine Feiergesellschaft löst sich auf, wir gehen noch mal eine Gasse weiter, wo ein Künstler dabei ist, die kleine Galerie „Rengigül“ (also wie die Pension, der Name bedeutet „die Farbe der Rose“) herzurichten. Einige seiner eigenen Werke bilden den Grundstock, schöne Stücke darunter, die uns gut gefallen. – Uns wird wieder einmal bewusst, wie anders dieser Teil der Türkei ist als etwa der Osten.

Ich fühle mich fett – und bin es wohl auch. Mit Blick auf die Köstlichkeiten, die wir den ganzen Tag über genießen durften, belassen wir es zum Abend bei einer Suppe und Salat, dann machen wir es uns mit unseren E-Books noch im Garten gemütlich.

Die Frühstückstafel vom Vortag wird noch mal getoppt, heute ist fast jeder Platz besetzt. Hinterher räumen wir schnell unser Zimmer und tragen unsere Sachen ein paar Häuser weiter ins Hotel „Albatros“. Das ist komplett renoviert, sieht nach Erstbezug aus. Optisch ist es wie ein Umzug vom Palast in eine Klosterzelle, aber die Zimmer haben alles, was man braucht, sind zudem picobello sauber.

Nachmittags machen wir die zehnminütige Dolmuşfahrt zum im Inselsüden gelegenen Sulubahçe-Strand. Das ist ein sauberer, ziemlich leerer, weil schattenloser Naturstrand. Am nur durch eine Felsnase davon getrennten Ayaza-Strand tobt hingegen der Bär. Hier gibt es eine kleine touristische Infrastruktur mit Liegen- und Sonnenschirmverleih, Duschen und einigen Strandrestaurants. Ohne Sonnenbrand, da ich mich dick habe eincremen lassen, geht es mit dem 17-Uhr-Dolmuş zurück in den Ort.

Um unsere Gunst möglichst gerecht zu verteilen, entscheiden wir uns heute für das Restaurant „Güverte“. Als Vorspeise nehmen wir etwas, das wie Açılı Esme aussieht (diese scharfe rote Sauce, die zum Döner gehört), was sich aber als milde Paste aus Tomaten- und Paprikamark herausstellt. Dazu dann Seebarschstreifen in Senfsauce – ein Gedicht! Heute steht uns der Sinn nach Pasta, ich wähle was mit Hähnchen und Oliven, schön scharf, Rendel ein Nudelgericht mit Pilzen. Während ich eine exzellente Wahl getroffen habe, ist Rendels Essen etwas „laff“. Der Ober hatte verstanden, dass ich auch noch so eine Portion haben wollte, und bringt Rendels Gericht zwei Mal. Als ich verneine, löst er das souverän mit „No problem!“ und nimmt es wieder mit. Inklusive einer Flasche Talay Merlot beläuft sich die Zeche auf TL 135 – voll okay.

Durch die einstündige Zeitverschiebung ist der Anstoß hier erst um 21.45 Uhr, trotzdem schauen wir uns – mit türkischem Kommentar – noch das EM-Spiel Deutschland gegen Holland an („Sche-weinsteiger, Mühla …“). So spät ist es auf unserer Reise noch nie geworden.

Ich mag das typisch türkische Frühstück, aber heute Morgen ist das doch ein wenig wie das unsanfte Erwachen aus einem herrlichen Traum. Wir unterhalten uns mit dem Eigentümer des „Albatros“. Er kommt aus Kayseri und führt das Hotel zusammen mit seiner Tochter. Rendel geht noch mal zur „Rengigül“-Pension, um sich von Özcan zu verabschieden. Diese erzählt, dass sie mit ihren gut 70 Jahren etwas kürzer treten möchte. Deswegen lässt sie ihr Haus im Winter ganz geschlossen und widersteht auch erfolgreich allen Avancen, ihre Marmeladen zu vermarkten. Sie lädt Rendel ein, im nächsten Jahr drei Monate bei ihr zu wohnen, ihr zu helfen und dabei die Kunst der Marmeladenproduktion zu erlernen – und nebenbei ihre türkischen Sprachkenntnisse zu verbessern. Ein erwägenswertes Angebot …

Wir legen noch mal einen Nachmittag am Strand ein, duschen und orientieren uns – Gunst hin, Gunst her – wieder Richtung „Güverte“, das Essen gestern war einfach zu gut. Ich mache keine Experimente, greife wieder zu Seebarsch in Senfsauce und zu den scharfen Nudeln, Rendel tut es mir gleich.

Der Chefkellner gießt mir den guten Wein in ein Glas, das eher einem Whisky-Glas oder einem einfachen Windlicht als einem Weinglas ähnelt. Ich spreche den Inhaber darauf an, der mir erklärt, dass das ein Experiment des größten türkischen Glaswarenherstellers sei – bei den üblichen Gläsern gebe es zu viel Bruch. Der Inhaber erkundigt sich interessiert nach unseren Reisen. Als ich ihm erzähle, dass ich nach unserem letzten Besuch einem deutschen Weinversender den Wein von Bozcaada empfohlen habe (der ihn dann prompt aufgenommen hat), ist er ganz euphorisch, bedankt sich, dass wir Werbung für die Insel machen. „Aufs Haus“ gibt es dann noch einen interessanten Nachtisch. Optisch und von der Konsistenz ähnelt er einem hellen Vanillepudding, den besonderen Geschmack erhält er durch die Zugabe von Mastix. Dieses Harz, das nur auf der griechischen Insel Chios gewonnen wird, gibt der Süßspeise einen ganz speziellen, leicht herb-bitteren Geschmack. Zum Abschied lädt uns der Patron ein, morgen früh vor dem Ablegen der Fähre noch einen Kaffee in seinem Hafencafé zu nehmen – ein Angebot, das wir angesichts der zu erwartenden Hektik am Abreisemorgen allerdings ausschlagen.

So neu und sauber unser Hotel ist: Ich lobe mir die deutschen Vorschriften zur Lärmdämmung! Jedes Türschlagen, jede Betätigung der Toilettenspülung, jedes Stuhlrücken lässt mich hochfahren, ganz zu schweigen vom nächtlichen Lärm auf den Gassen. In der Hauptsaison müsste ich mir den Schlaf hier wohl komplett abschminken.

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Ein Abgang à la James Bond/Ausklang in Griechenland

Vor dem Frühstück hole ich die Moppeds vor das Hotel. Dabei fällt mir die eigentümliche Parkordnung auf. Anscheinend dürfen die Gassen bis zu einer gewissen Zeit zugeparkt werden. Aber wie kommen wir raus? Zur Hauptstraße sind es nur 100 Meter, aber um sie zu erreichen, müssen wir mitten durch ein Restaurant! Mit meiner Einschätzung: „Da passen wir durch!“ liege ich ordentlich daneben. Mit meinen breiten Koffern reiße ich etliche Stühle um und ramme unter den Augen des entgeistert dreinschauenden Obers ein paar Tische. Wenigstens habe ich so den Platz für Rendel frei gemacht, die mir über Helmfunk erzählt, dass sie sich an die einschlägigen Szenen in manchen James-Bond-Filmen erinnert fühlt …

Die Fähre ist an diesem Morgen fast leer, die 40-minütige Überfahrt sehr ruhig. Über die Dörfer, vorbei an Troja, halten wir zunächst auf Çanakkale zu, entschließen uns dann aber, doch nicht dort, sondern erst in Lapseki die Fähre über die Dardanellen zu nehmen – von der Strecke her vergleichbar, aber so ersparen wir uns das wuselige Çanakkale in der Hitze. Gegen 14 Uhr passieren wir die Grenze und halten auf Olympiada eingangs des östlichen Chalkidi-Fingers, der Athos-Halbinsel, zu. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen mit Loulou im Hotel „Liotopi“, wo wir uns am Vortag angemeldet hatten.

Loulou ist gerade nicht da, trotzdem schallen uns sogleich vertraute Stimmen entgegen. Gaby und Thomas sind kurz vorher eingetroffen, sie hatten uns nicht informiert, weil sie uns überraschen wollten.

Das Hotel ist ziemlich leer, Loulou klagt, dass es sich von den griechischen Gästen kaum mehr jemand leisten kann, Urlaub zu machen, und die Ausländer – früher meist Briten – trauten sich irgendwie nicht, ganz so, als würde hier Krieg herrschen.

Nach drei Tagen, an denen wir noch einmal so richtig relaxen, packen wir unsere Sachen so, dass wir möglichst viel Schmutzwäsche im Flugzeug mitbekommen. Ein letztes Mal aufrödeln, Abschied von Loulou (die auch eine begnadete Marmeladenköchin ist und die uns noch ein Gläschen von ihrer Mandarinenkonfitüre und eine Flasche „Kaptan Andreas“, von ihrem Mann gekelterter Wein, mitgibt). Auch Gaby und Thomas gilt es „Tschüss“ zu sagen, sie bleiben noch einen Tag, bis es auch für sie zur Spedition geht. Noch ein letzter Blick auf das Meer, ganz unglücklich sind wir angesichts der jetzt doch sehr großen Hitze nicht, nach Hause zu können.

Das Navi führt uns zuverlässig zur Spedition. Schnell umziehen, die Formalien erledigen, dann geht es mit dem Taxi zum Flughafen. Ich habe uns in Köln/Bonn ein Auto reserviert, gegen 20 Uhr parke ich es vor unserer heimischen Garage.

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Fazit

Türkei mit dem Motorrad zum Sechsten! Unser Konzept, die Strecke etwas zu kürzen und dafür kleinere Orte und unbekanntere Gegenden intensiver zu bereisen, ist voll aufgegangen. Es schreit förmlich alles nach einer Wiederholung, die wir, natürlich mit neuen Zielen und Varianten, für 2013 ins Auge fassen.

In der Zwischenzeit erreichte mich das vorläufige Resümee eines Motorradkollegen, dem ich vor seinem Start noch ein paar Tipps geben konnte: „Ich habe den Eindruck, in drei Wochen eine ganze Weltreise in einem Land gemacht zu haben … Eines steht heute schon fest: Die Türkei ist eines der interessantesten Länder, die ich je besuchen durfte.“

Diesem Fazit schließen wir uns an, Grund genug, im nächsten Jahr noch einmal diese „Welt im Kleinen“ zu besuchen.

 

Stand: August 2012