Erstkontakt mit Folgen

Erstkontakt mit Folgen

Es war 1970, also ein Jahr nachdem meine Eltern das erste Mal die Türkei besucht hatten – mit einem VW-Käfer, meine sechsjährige Schwester auf der Rückbank (ich erholte mich während der Zeit, versorgt von der Oma, von einer Blinddarmoperation).

Ich war nach der Schule allein zu Hause, als es an der Tür klingelte. Als ich öffnete, starrte mich ein Paar hilflose Mädchenaugen an. Die junge Frau, ungewohnt gekleidet, wohl nicht viel älter als ich, hatte einen Säugling im Arm, mit der freien Hand hielt sie mir einen Zettel entgegen, auf dem „İhsan“ zu lesen war. Nun war es an mir, hilflos zu sein. Ich erinnerte mich, dass der Name İhsan in unserer Familie schon gefallen war. Ich bat das Mädchen herein und ließ sie in der Küche Platz nehmen. Mein Befremden angesichts der ungewohnten Begegnung schlug in Verlegenheit um, als sie, in völligem Kontrast zur sonstigen Erscheinung, ihr Oberteil aufknöpfte, eine Brust entblößte und dem Baby zu Trinken gab. (Während meiner gesamten Schulzeit – eben in den 1960-ern und -70ern – hatte ich nie auch nur einen Ausländer in meiner Klasse, Holländer und Dänen im Urlaub waren das Exotischte, was mir in dieser Hinsicht bis dahin begegnet war.)

Ein Anruf bei meiner Mutter ergab, dass es sich um die junge Ehefrau des besagten İhsan handelte. Dieser arbeitete bei meinem Vater, Steiger auf der hiesigen Steinkohlenzeche, im Revier, auf seine Einladung hin hatten meine Eltern im Vorjahr die Türkei besucht – vom Münsterland über İstanbul bis Karataş im Süden der Cukurova.

In der Folge waren meine Eltern über 50 Mal in der Türkei, nicht unbedingt als Abenteurer, doch meist individuell und offen für Neues. Bezeichnend ist der Umstand, dass ich meinen Vater das letzte Mal lebend gesehen habe, als wir 1999 zusammen in der Türkei waren.

Im Herbst 1988 war, nach einer Rucksacktour durch Israel und einem Campingaufenthalt am Luganer See, noch eine Woche Urlaub zu verbraten. Meine Eltern weilten zu der Zeit gerade in Antalya, bot sich also an. Nach Antalya gab es – heute kaum vorstellbar – keinen Flug mehr, nur nach „Dalaman“. Wo ist das denn? – Egal! Dass einen noch 1988 ein Taxi für 50 DM von Dalaman nach Antalya brachte, erscheint auch heute kaum glaublich (sind – eine Strecke – immerhin fast 250 Kilometer). Wir fuhren über Land, irgendwo bei Korkuteli machten wir Rast, bekamen gebratenes Huhn von einem improvisierten Grill am Straßenrand angeboten, dazu rohe Zwiebeln, zu beißen wie ein Apfel, wie mir unser Gastgeber vormachte.

Was war Antalya zu der Zeit noch für ein beschaulicher Ort! Der Taxifahrer klapperte ein paar Pensionen mit uns ab, die erste roch etwas streng, die nächste machte auch einen etwas schmuddeligen Eindruck. Schließlich landeten wir in einer Familienpension am Konyaaltı-Strand. („Konyaaltı“ war so ziemlich der erste türkische Begriff, der sich mir einprägte und der mich in der Folge zum Verfassen des späteren Welthits „Letzter Dolmuş nach Konyaaltı“ inspirierte.)

Die Pension war schlicht (sehr schlicht!), mit Hock-Klo, eine Einrichtung, die bei Rendel Verstopfung verursachte, deren Vorteile ich aber schnell erkannte und schätzen lernte. Als wir dann in den benachbarten „Market“ gingen, um uns zu verproviantieren, zupft eine junge Frau Rendel am Ärmel und ruft entgeistert: „Frau Simon!“ Vor uns stand Songül, eine junge Türkin, die in Deutschland eine Ausbildung zur Hotelfachfrau gemacht hatte und während der Zeit in einer Einrichtung untergebracht war, die meine Frau leitete, und die jetzt einen Job in einem Hotel in der Nähe unserer Pension gefunden hatte.
Wäre es nicht vermessen gewesen, noch mehr Zeichen zu fordern, die bestätigten, dass das unser Land war??

Wenn in der Folge einer von uns die Frage aufwarf: „Wohin soll’s in den Urlaub gehen?“, war das eher rhetorisch zu werten, tatsächlich sind wir nur zweimal „fremdgegangen“.

Wir sind dann ein bis zwei Mal im Jahr in die Türkei geflogen, meist „individuell“, zunächst mit Schwerpunkt Riviera (zwischen Kemer und Manavgat), später mehr im Bereich südliche Ägäis (und da mit dem Lieblingsstandquartier Patara). Im Westen stellte der Bafa-See das äußerste Ende unseres „Einzugsgebiets“ dar, im Osten Anamur.

Besondere Freude macht es uns, wenn wir andere mit dem Türkeivirus infizieren können. So haben wir 1996 unter Freunden und Verwandten eine Truppe von fast 30 Leuten zusammentrommeln können, die Patara und Umgebung unsicher gemacht haben, später haben wir noch etliche kleinere Gruppen und Paare dorthin gebracht.

Eine ganz neue Qualität bekamen unsere Türkeireisen im Jahr 2005. Meine Frau war beim Schmökern in einer meiner Motorradzeitschriften auf einen Türkei-Reisebericht gestoßen. „Setz dich mal bitte“, hieß sie mich, als ich eines Tages nach Hause kam. In Erwartung einer Standpauke gehorchte ich vorsichtshalber.
„So“, meinte sie mit Verweis auf den Artikel, „so möchte ich auch mal reisen!“ Und dass sie, die allerhöchstens mal auf dem Sozius Platz nahm, als Jugendliche nicht einmal ein Mofa hatte, geschweige denn, je mit dem Gedanken gespielt hätte selbst zu fahren! Kurzum: Ein Vierteljahr später hatte sie den „Schein“, übte zunächst auf meiner BMW R80GS, um dann, wie ich, auf eine Honda Africa Twin umzusatteln. Zum „Üben“ umrundeten wir im Jahr drauf den Peloponnes, was Zuversicht und Vorfreude auf mehr Nahrung gab. Zudem überholte mich Rendel mittlerweile nicht nur hin und wieder mit dem Motorrad, sondern auch mit ihren Türkischkenntnissen. Etliche Jahre ging es fast jede Woche zum Unterricht, zunächst an der VHS, später privat zu Seher, einer „Mersin’li“.
(Interessant ist, dass Rendel auch heute noch über’s Jahr praktisch kein Motorrad fährt, für die jährliche große Reise kommt für sie jedoch derzeit kein anderes Fortbewegungsmittel infrage.)

Unsere neun bisherigen Türkei-Motorradreisen (bei mir sind’s zehn: 1999 bin ich schon mal runter, Rendel ist geflogen; Stand Sommer 2015) führten uns zunächst in den westlichen Teil der Türkei (Ägäis, Pamukkale, Eğridir-See, Kappadokien, Tarsus, Bozcaada, Edirne), dann der große „Rundumschlag“: İznik, Hattussa, Kappadokien, Antakya, Nemrut Dağı, Mardin/Midyat, Hasankeyf, Van-See, Doğubayazıt/Ararat, Erzurum, Amasya, Safranbolu, Marmarameer, Gökceada. Im Jahr 2009 ging es dann nach Syrien, wobei die Türkei ja praktischerweise „auf dem Weg“ lag. Auf der Rücktour verbrachten wir u. a. unvergleichlich schöne Tage in einem „Konak“, einem alten osmanischen Herrenhaus, in Savur, nördlich von Mardin (der zwischenzeitlich zu einem unserer Lieblingsquartiere avanciert ist). Die übereinandergelegten GPS-Trackaufzeichnungen unserer Reisen nehmen sich mittlerweile wie das Routennetz eines Reisebusunternehmens aus; tatsächlich haben wir nur etwa 5% der Seiten des dicken „Adım, adım“-Türkei-Reiseatlas noch nicht gestreift.

Fast zwangsläufig sind wir im Laufe der Jahre in den Ruf gekommen, Türkei-Experten zu sein. Das ist natürlich nicht ganz unberechtigt, denn wenn man ein Land so viele Jahre intensiv, interessiert und mit offenen Augen bereist, erlebt man natürlich viel und einiges bleibt hängen. So kommt Anfang des Jahres, wenn sich die Leute Gedanken über ihren nächsten Urlaub machen, auch immer ein reger Email- und Telefonverkehr auf, wenn mich Leute wegen Tipps für ihre Türkeireise kontaktieren – ein Job“, der mir fast so viel Spaß macht wie das Planen der eigenen Reise. Trotzdem gibt es natürlich immer wieder Menschen, die sich noch besser auskennen und mit denen ich dann auch gerne im Austausch bin. Für Anregungen und Fragen bin ich also stets offen.

„Türkei, Türkei … woanders ist es doch auch schön!“ – Ganz gewiss und ohne Zweifel. Nur bietet uns dieses Land so viel, was unserer Interessenlage und Vorliebe entspricht, und das in einer grandiosen Fülle und Vielfalt, dass wir bestimmt noch bis an unser Lebensende dorthin reisen und neue Eindrücke sammeln könnten. Meine besondere Liebe gilt der Geschichte – hier vor allem der Kirchengeschichte – und der Archäologie (alles auf Laienniveau, mehr Interesse denn Kenntnis). Gemeinsam lassen wir uns immer wieder von der vielfältigen Landschaft faszinieren, zudem hat es uns der Menschenschlag angetan. Insbesondere unsere Form des Reisens mit dem Motorrad und die Sprachkenntnisse führen immer wieder zu unvergesslichen Begegnungen. (Wobei das jedoch keine unverzichtbaren Voraussetzungen sind. Ein paar Höflichkeitsfloskeln auf Türkisch, und sei es nur, um das Interesse an Land und Leuten zu signalisieren, öffnen schon Herzen und Türen, und auch zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln kann man sich das Land bis in die letzten Winkel erreisen.) Dazu kommt, dass die Türkei eben noch nicht soo exotisch ist, dass man hier nicht auch als Tourist ohne Expeditionsambitionen klar käme, und neben allem Sehenswerten bietet das Land auch überall reichlich Gelegenheit zu Ruhe und Entspannung, die Kombinierbarkeit von Kultur und Erholung könnte besser kaum sein.

Dabei ergehen wir uns nicht in einer kritiklosen „Turkophilie“, die Schwächen und auch Schattenseiten der Kultur, der Gesellschaft und der Politik sind uns grundsätzlich durchaus bewusst.