Türkei 2015

„Perlensuche“– Türkei 2015

Ein Reisebericht von Detlev & Rendel Simon

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Einleitung

Die Vorbereitungen zur diesjährigen Türkeitour stellten uns wieder vor die (willkommene) Herausforderung, nach den vielen Reisen in die Gegend noch hinreichend interessante Strecken, Städte und Stätten zu finden, die wir möglichst noch nicht gefahren sind bzw. noch nicht gesehen haben. Natürlich durften darunter auch ein paar Doppelungen sein, denn es geht ja nicht darum, lediglich eine Liste möglichst vollständig abgehakt zu haben, zudem lohnt manches Ziel und manche Strecke auch ein zweites oder drittes Mal. Jedoch – und das sei schon „rückblickend vorweggenommen“ – hat diese Reise gezeigt, dass uns die Ziele vorerst nicht ausgehen werden. Meist ist es ja so, dass man zunächst die „Must see“ ansteuert. Wenn es einem dann in der Gegend gefallen hat, schaut man genauer hin und findet manchmal echte Perlen, die man vorher achtlos liegen gelassen hat. Solch eine „Perlenschnur“ konnten wir auch als Ergebnis unserer 2015er-Tour mit nach Hause bringen – und an der für das nächste Jahr knüpfe ich schon …

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Etappen/Statistik

Oreokastro (GR)–Biga
Biga–Salihli
Salihli–Burdur (mit Besichtigung von Aphrodisias)
Burdur–Beyşehir (mit Abstecher zur Zindan-Höhle)
Autoausflug Eflatun Pınar–Antiochien in Pisidien
Ausflug Fassılar
Beyşehir–Karaman (mit Besichtigung Çatal Höyük und „Thron des Hartapus“/Kızıldağ)
Karaman–Taşucu (mit Besichtigung Mamazan-/İbrala-Kloster und Taşkale)
Ausflug Olba-Diocaesarea
Taşucu–Mustafapaşa (Streckenführung entlang des Aladağlar-Gebirges)
Wanderung Kappadokien
Mustafapaşa–Kahramanmaraş
Kahramanmaraş–Cendere-Brücke (mit Besichtigung Perrhe und Karakuş)
Ausflug Apameia am Nymphaios
Cendere-Brücke–Kemaliye
Kemaliye–Suşehri (über Taş Yolu)
Suşehri–Amasya
Amasya–Eskişehir
Eşkisehir–Bozcaada
Bozcaada–Olympiada (GR)
Olympiada–Oreokastro

Reisezeitraum: 11. Mai bis 11. Juni 2015
Gesamtstrecke: ca. 5.500 Kilometer (ab/bis Thessaloniki)

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Anreise

Die Anreise sei nur der Vollständigkeit halber kurz geschildert, für diejenigen Leser, die mit den Berichten der Vorjahre nicht vertraut sind. Die Motorräder sind wieder, bepackt mit allem, was für die Tour benötigt wird, zwei Wochen vor unserer Flug-Anreise per Spedition nach Oreokastro, einem Vorort von Thessaloniki, vorangereist. Das ist per saldo, wenn man alle Kosten berücksichtigt und sich nichts in die Tasche lügt, günstiger als die anderen Varianten, die wir zum Großteil auch schon genutzt haben. Ausschlaggebend ist für uns jedoch die Zeitersparnis. Zwar muss man auch die zwei halben Tage rechnen, die das Bringen und Abholen der Motorräder zur Spedition hier in Deutschland beanspruchen, aber die gehen nicht von der eigentlichen Reisezeit ab. In der Regel war es in den letzten Jahren so, dass wir mittags geflogen sind und am frühen Nachmittag des folgenden Tages schon in der Türkei waren.
Wir landen am Sonntagnachmittag und lassen uns mit dem Taxi ins Hotel bringen. Am nächsten Morgen auch per Taxi zur Spedition, wo wir uns in der Halle in Ruhe umziehen können. Die Motorradkleidung und Helme gehen auch schon immer vorab mit, so müssen wir noch ein bisschen umpacken. Sorgfältiges, überlegtes Packen zahlt sich die nächsten fünf Wochen aus, wobei das bei uns natürlich längst Routine ist. Noch kurz die Moppeds gecheckt, Luft aufgefüllt (ein kleiner Kompressor ist dabei) und den Helmfunk an. Beide Motorräder springen auf Anhieb an, und so geht’s schon gegen kurz vor 10 Uhr los (das Navi protokolliert alles auf die Sekunde genau). Der Himmel ist zunächst noch ziemlich verhangen, als sich rechter Hand die Insel Thassos abzeichnet, wird es langsam sonnig.
Die erste Etappe bis Biga, also schon im türkischen Teil der Türkei, ist so „standardisiert“, dass wir sie fast noch zur Anreise zählen. Trotzdem ist unser Adrenalinspiegel natürlich ziemlich weit oben angesichts der vor uns liegenden Wochen. Und auch dieses Stück hat was: Grenzübertritt („Endlich da!“), der erste Çay auf der Fähre über die Dardanellen und dann, für uns immer der richtige Urlaubsanfang, das erste türkische Abendessen im Hotel „MRG“ in Biga. Zudem hat diese gewohnte erste Etappe den Vorteil, allmählich wieder runter- und reinzukommen, „runter“ im Blick auf das Umschalten vom Arbeitsalltag auf den Urlaubsmodus, „rein“ im Sinne von Fahrroutine, Anpassen an die Straßenbedingungen usw.

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Durchkreuzte Pläne und eine außerst sehenswerte Stätte

Aphrodisias

Auch fast schon Tradition ist, dass wir uns bei der Ausfahrt aus Biga verfahren. Die ersten Abzweige passen noch, doch dann müssen wir uns ungewollt doch noch länger durch den morgendlichen Verkehr hangeln.
Dem Tipp eines Bekannten folgend, wollen wir heute den Ort Kula ansteuern, wo es noch etliche guterhaltene griechische Häuser und Kirchen geben soll. Dort wollen wir eventuell auch die Nacht verbringen oder noch bis in die Nähe unseres morgigen Hauptziels weiterfahren. Die Strecke lässt sich gut an, vor allem das erste Stück bietet eine schöne fahrerische Einstimmung. Eine ganz andere Stimmung verbreitet die Gewitterfront, die sich vor uns auf der Höhe von Gölmarmara bedrohlich schwarz auftürmt. Zwar ist es bis Kula nicht mehr allzu weit, aber genau in der Richtung ist es am schwärzesten. Die Sache aussitzen zu wollen erweist sich, wie häufig im Leben, als zwecklos, nachdem wir eine halbe Stunde an einer Tankstelle ausgeharrt haben, setzen wir Plan B in Kraft: Wir canceln Kula und steuern Salihli an (das antike Sardes, wo wir schon im letzten Jahr waren). Ausnahmsweise haben wir uns selbst etwas Druck gemacht, indem wir uns für übermorgen mit Freunden am Beyşehir-See verabredet haben. Im Hotel „Berrat“ kommen wir schön unter und im „Kervan Lokanta“ werden wir satt. Das war heute ein Beispiel dafür, warum man als Motorradreisender nicht zu viel Feinplanung machen sollte.
Das heutige Ziel wollen wir uns jedoch nicht nehmen lassen. Weil es zum Einzugsgebiet einer der größten Tourismus-Attraktion der Türkei gehört – Pamukkale –, haben wir die Ecke immer gemieden, uns damit aber bislang auch um die Besichtigung von Aphrodisias gebracht. Ihre Blüte erlebte die Stadt zwischen dem 1. Jahrhundert vor und dem 4. Jahrhundert nach Christus. Vom Erhaltungszustand her mit Ephesus vergleichbar, gibt es hier auch für den nur beiläufig Interessierten einiges zu sehen. Besonders stechen der Aphrodite-Tempel, ein beeindruckender Tetrapylon, die weitläufige Agora, das Theater und das riesige Stadion hervor, letzteres fasste ca. 30.000 Zuschauer. Dazu gehört auch ein gut bestücktes Museum, in dem viele gut erhaltene Statuen zu sehen sind und – besonders sehenswert – die Reliefplatten des Sebastaions, eines Tempels, der dem römischen Kaiser Julius Claudius geweiht war.
Die Anlage ist gut besucht, doch verlaufen sich die Leute auf dem großen Areal. Wir machen noch eine kleine Teepause, bis wir uns wieder auf die Moppeds schwingen. Beyşehir ist heute nicht mehr zu schaffen, zumindest nicht auf der Route, die ich für uns vorgesehen habe. Burdur, gelegen am gleichnamigen See, der zu einer ganzen Anzahl von Gewässern gehört, die hier eine regelrechte Seenplatte bilden, soll fürs Nachtquartier sorgen. Auch diese Strecke, etwa 350 Kilometer, ist schön zu fahren, am späten Nachmittag steuern wir das Hotel „Grand Özeren“ an, einen großen Kasten, aber wir wollen ja nur eine Nacht hier verbringen. Mag es eben daran liegen, dass wir nur kurz hier bleiben wollen, mag es unser etwas verwegenes Äußeres sein: Zum ersten Mal während unserer vielen Reisen werden wir in einem Hotel abgewiesen, und das, obwohl in dem Riesenbunker noch fast alles frei ist (wie wir später feststellen können). Okay, eh wir lange Stress machen, fahren wir zwei Straßenecken weiter und checken im etwas einfacheren Schwesterhotel „Özeren 2“ ein. Um uns viel Lauferei zu ersparen, machen wir uns kurz drauf – jetzt etwas „zivilisierter“ – wieder zu dem großen Hotel auf, das im obersten Geschoss ein Restaurant hat (diesmal haben sie uns reingelassen). Entsprechend gut ist der Rundblick, das Essen jedoch allenfalls Mittelmaß. Okay, Freunde wären wir eh nicht mehr geworden …

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Höhlen, Quellen, der Völkerapostel und ein steinerner Riese

Zindan-Höhle/Beyşehir-See/Eflatun Pınar/Antiochia/Fassılar

Die 200 Kilometer bis zu unserem Treffpunkt am Beyşehir-See sind entfernungsmäßig eher ein Katzensprung, wir haben jedoch noch ein Zwischenziel, zudem wissen wir, dass zumindest das letzte Stück fahrerisch herausfordernd sein kann, auch sind wir nicht sicher, ob das letzte Teilstück der geplanten Strecke derzeit überhaupt befahrbar ist. Also starten wir zeitig und halten über İsparta zunächst auf Eğirdir zu. Schon einige Male gesehen, einmal bei einem längeren Aufenthalt, ist der Blick auf den See von Südwesten immer wieder gewaltig. Wir halten an und genießen es eine Weile. Ein weiblicher Türkei-Junkie aus einem Forum hatte uns die Zindan- oder Drachenkopf-Höhle empfohlen, die unweit von Aksu am gleichnamigen Fluss liegen soll. Von hier bis zum Beyşehir-See zieht sich eine der landschaftlich schönsten Strecken in dieser Gegend. Wir verlassen die Hauptstraße und folgen einem Wegweiser. Schließlich passieren wir eine antike Brücke über den Aksu, mittlerweile etwas unschlüssig, ob wir noch richtig sind, wobei es eigentlich mangels Abzweig keine Alternative gab. Wir folgen dem Schotterweg noch einige Kilometer, außer einer großen Forellenzucht gibt es aber nichts zu sehen (abgesehen von der herrlichen Landschaft). Schließlich kehren wir um, um dann festzustellen, dass sich der Höhleneingang direkt an besagter Brücke befindet.
Am Eingang werden wir mit Schutzhelmen und Taschenlampen ausgestattet, dann betreten wir die kühle Höhle, die insgesamt etwa 750 Meter lang ist. Im Eingangsbereich finden sich einige Steinmetzarbeiten, dazu ein zwar großes, aber recht mitgenommenes Bodenrelief. Die komplette Höhle ist mit Holzplanken begehbar gemacht worden und ausgeleuchtet. Es ist eine enge Tropfsteinhöhle, hinsichtlich der Strukturen, die das kalkhaltige Wasser gebildet hat, nicht spektakulär, aber doch sehenswert und etwas geheimnisvoll. Ganz schaffen wir es nicht bis zum Ende, denn ich bekomme einen meiner mittlerweile seltenen Migräneanfälle (ich führe ihn auf den massiven Temperaturwechsel – draußen Hitze, in der Höhle kalt – zurück). Also brechen wir ab und ich warte den Anfall in der Eingangsgrotte ab.
Da es schon spät ist, verzichten wir auf die Besichtigung eines Canyons, der auch unweit der Höhle seinen Anfang hat, und suchen uns unseren Weg zum Beyşehir-See. Schöne kleine Sträßchen winden sich durch Pinienwälder, es geht auf 1800 Meter hoch, rechts von uns der noch schneebedeckte Dedegöl-Gipfel. Jetzt sind wir gespannt, ob die Strecke von Yenişarbademli am Südwestufer des Sees noch bzw. wieder befahrbar ist. Zu unserem Bedauern (und vermutlich zur großen Freude der Anwohner) wird die alte Uferstraße seit einigen Jahren ausgebaut. Das erste Mal konnten wir sie noch im „Urzustand“ befahren, zuletzt war sie schon mit Baustellen durchsetzt. Nachfragen ergeben, dass sie zwar eigentlich gesperrt, mit unseren Motorrädern jedoch befahrbar sein müsste. Im letzten Ort fragen wir nochmal und werden von Männern des Dorfs zum Tee geladen. Zum Teil ist die wahrlich idyllische Strecke, zumeist direkt am Ufer entlang, tatsächlich noch wie früher, die Baustellen alle paar hundert Meter machen jedoch unzweideutig klar, dass es damit bald vorbei sein wird. Schließlich erreichen wir die Hauptstraße und sichten nach weiteren 10 Minuten das Motel „Atapark“, seit Jahren unsere Unterkunft der Wahl in dieser Gegend. Besonders die recht einsame Lage direkt am See, mit eigenem Strand, haben es uns angetan.
Gerade haben wir die Helme ab, als uns schon Benita und Jürgen freudig begrüßen. Sie verbringen ein paar Tage in Side und wollten doch mal sehen, was ihre Freunde so treiben. Auch das Inhaberehepaar ist erfreut, uns wiederzusehen. Sofort bringe ich eine unangenehme Sache zur Sprache: Im letzten Jahr hatten wir unverschuldet die Zeche geprellt, weil der halbblinde Rezeptionist am Morgen unserer Abreise das Kreditkartengerät falsch gefüttert hatte. Der Inhaber lacht, läuft in sein Büro und kommt mit dem verblichenen Beleg zurück, auf dem die Kommastelle beim Betrag zwei Positionen zu weit nach links gerutscht war. Benita und Jürgen haben ihr Zimmer zwar schon bezogen, doch können wir sie überzeugen, dass es sich in den kleinen, außen liegenden Häuschen wesentlich besser unterkommen lässt.
Die Essensbestellung im „Atapark“ nimmt immer etwas Zeit in Anspruch, aber dann bekommt man alles so, wie man möchte – inklusive handgeschnitzter Pommes! Lange sitzen wir an diesem Abend noch zusammen, tauschen uns über Erlebtes aus und planen für morgen.
Benita und Jürgen haben einen Mietwagen, so können die Moppeds heute ausspannen. In Beyşehir müssen wir zunächst länger an einem Kreisverkehr warten – die Polizei hat ihn gesperrt, damit Dutzende Kinder gefahrlos ihre Runden drehen können, offensichtlich so eine Art Fahrradführerschein. Dann fahren wir ein Stück am Ostufer des Sees entlang, nach ein paar Kilometern rechts ab, bis wir ans Quellheiligtum von Eflatun Pınar gelangen (hethitisch – nicht zum letzten Mal auf dieser Reise). Nachdem wir uns erfolgreich gegen die Dorffrauen gewehrt haben, die unmittelbar nach unserer Ankunft auftauchen und Säcke mit Selbstgestricktem vor uns ausbreiten, erkunden wir die kleine, aber äußerst sehenswerte Anlage. 2007, als wir zum ersten Mal hier waren, war der Bereich nur schwer zugänglich, ich erinnere mich noch, wie eine Holzplanke unter mir brach und ich im Wasser landete. Schon im letzten Jahr war die Fassung des Quellteichs, die eine Fläche von 30 mal 34 Metern umschließt, freigelegt und restauriert worden. An einer Kopfseite erhebt sich das sieben Meter breite und gut vier Meter hohe Relief, das aus riesigen Steinquadern zusammengesetzt ist und das einige, nicht eindeutig identifizierte Götter oder Gott-Mensch-Wesen zeigt.
Da wir noch früh dran sind, disponieren wir um. Eigentlich wollten wir uns die Eşrefoğlu-Moschee in Beyşehir ansehen, die größte Holzsäulenmoschee der Türkei. Aber da die Zeit noch langt und wir es mit Moscheen eigentlich nicht so haben, nehmen wir lieber Antiochien in Pisidien ins Visier, eine der zentralen Wirkungsstätten des Apostels Paulus. Auch dort waren wir 2007 schon mal, freuen uns aber auf eine nochmalige Besichtigung, denn seinerzeit mussten wir wetterbedingt früher als geplant aufbrechen. Anders als 2007 finden wir den Eingang nicht gleich, müssen uns etwas durchfragen.
Die Stätte gibt tatsächlich mehr her, als wir vor acht Jahren gesehen haben. Natürlich steuern wir nochmal die Kirche an, die auf dem Fundament der Synagoge errichtet wurde, in der Paulus etliche Male gepredigt haben mag. Aber auch das Theater und der eigentümliche Augustus-Tempel, dessen Rückwand in eine Felswand gehauen wurde, sind beeindruckend. In der Ferne, zu weit, um dahin zu wandern, erspähe ich die Reste eines großen Viadukts – und einige Meter von uns entfernt schleicht, unbeeindruckt von den Besuchern, ein Fuchs daher.
Auf der Rückfahrt bemerken wir ein Auto – Fiat-„Doblo“-Klasse, – aus dessen Rückfenster uns zwei Ziegen anglotzen.
Benita und Jürgen sind begeistert, haben neu für die Türkei Feuer gefangen. Wir lassen den Abend wieder gemeinsam bei gutem Essen und Wein ausklingen, nur etwas gestört von der lauten Gesellschaft an den Nachbartischen, denn das Hotel-Restaurant ist, wenngleich etwas abgelegen, wegen seiner guten Küche meist gut besucht. Zudem scheint sich keiner der Gäste um die Plakate zu kümmern, die das Rauchen bei Strafe untersagen. Auch die Nachtruhe leidet etwas, denn einige der Gäste haben sich im Nachbarzimmer einquartiert und diskutieren lauthals bis in die frühen Morgenstunden, oder, besser gesagt: bis sich Rendel ein Herz fasst, rübergeht und ein Machtwort spricht – auf Türkisch natürlich.
Während sich unsere Freunde auf den Rückweg nach Side machen, steuern wir als Tagesausflug auf einen kleinen Ort östlich von Beyşehir zu. Bei Fassılar, etwa dreißig Kilometer östlich, soll es noch eine interessante hethitische Hinterlassenschaft geben. Wir fragen uns durch, Rendel lässt ihr Mopped wegen der schwierigen Befahrbarkeit ein paar hundert Meter vorher stehen, ein Junge läuft uns das letzte Stück vorweg. Bei dem hethitischen Relikt handelt es sich um eine große, an einem Hang auf dem Rücken liegende Statue, die als Hauptmotiv einen Gott darstellt, zwei kleinere Wesen zu seinen Füßen. Die Theorie lautet, dass sie höchstwahrscheinlich auch für das Monument in Eflatun Pınar bestimmt gewesen sein soll. Bleibt die Frage, warum man einen solchen Koloss nicht an Ort und Stelle angefertigt hat – und warum er, fast vollendet, dann dort liegengelassen wurde. Aber derartige Überlegungen scheinen seinerzeit keine Rolle gespielt zu haben. So gibt es etwa westlich von Gaziantep den Steinbruch von Yesemek, der gleichzeitig als Atelier für hethitische Steinmetze diente. Auch die dort gefertigten Arbeiten hatten häufig noch einen weiten Weg bis zu ihren Aufstellungsorten vor sich.
Gegenüber der Statue befindet sich noch ein schön gearbeitetes römisches Felsengrab. Mancher, vor allem der, der es „mit alten Steinen nicht so hat“, wird fragen: „Ja und? Deswegen macht ihr euch an einem heißen Tag auf? Du hast doch gesagt, das Hotel hätte einen schönen Strand?!“ Berechtigte Frage. Aber – ja, wir lieben es, so abgeschiedene Sehenswürdigkeiten anzusteuern, die Atmosphäre zu genießen, uns vorzustellen, wie es „früher hier ausgesehen hat“. Natürlich ist nicht alles gleichermaßen „der Knaller“, aber Enttäuschungen sind eher selten. Und dazu kommt meist noch die schöne Fahrt durch häufig einzigartige Gegenden.
Wir kehren um, halten wieder auf den See zu, ein Hüngerchen kommt auf. Im Augenwinkel hatte ich irgendwo zwischen Beyşehir und unserem Hotel einen Wegweiser ausgemacht, der vom See weg in die Berge wies und auf dem etwas von einem „Manastır“, also einem Kloster, zu lesen war. Wir biegen dort ab und fahren ziemlich lange, ohne einen weiteren Hinweis auf das „Yakamanastır“, so der volle Name, zu bekommen. Schließlich landen wir an einem Komplex, der wie ein großer Picknickplatz aussieht. Eine Wiese ist mit allerlei Spielgerät bestückt, dazu Ställe mit Hühnern und Gänsen, an vielen Stellen qualmen Grills, an denen sich Familien niedergelassen haben. Wir beobachten das Treiben ein wenig, Rendel kommt mit eine jungen Mutter ins Gespräch. Von dem alten Kloster gibt es nichts mehr zu sehen, jedoch ist der Freizeitkomplex danach benannt.
Zum Glück ist man nicht auf einen eigenen Grill angewiesen, denn auch ein Restaurant gehört dazu. Wir bestellen Forelle und „Çips“, also Pommes frites. Wie in türkischen Restaurants üblich, werden dazu, auch, wenn nicht ausdrücklich bestellt, meist noch Unmengen von kleinen Vorspeisen, Beilagen usw. serviert. Und die haben es teilweise in sich, etwa der Käse, noch heißes, aufgeblähtes Fladenbrot mit Landbutter, Walnüssen und Honig, noch in der Wabe – und und und. Wir sind schließlich froh, dass der Kellner unsere Fritten vergessen hat.
Wir freuen uns, unserem Instinkt gefolgt zu sein und wieder mal eines dieser netten Fleckchen entdeckt zu haben, auf die kaum ein Reiseführer oder Wiki-Eintrag hinweist. Einziger Nachteil heute: Mit dem Abendessen im Hotel werden wir uns wohl eher schwertun.

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Von Unaussprechlichen, einem Salzstreuer – und einem bedauerlichen Irrtum

Hethiter/Çatal Höyük/Kızıldag/Karaman

Der heutige Tag verspricht voll und fordernd zu werden. Quartier nehmen wollen wir in Karaman, das wir jedoch nicht auf direktem Weg ansteuern können, weil unsere Besichtigungsziele alle etwas aus der Richtung sind. Etliche der urchristlichen Stätten in dieser Gegend, die vor allem in der Apostelgeschichte erwähnt werden, haben wir schon besucht, unter den nennenswerten Orten fehlt uns lediglich Lystra. Die Vorabrecherche führte zu keinem ganz eindeutigen Ergebnis, weder hinsichtlich der Lage noch in Bezug darauf, was es dort überhaupt zu sehen gibt. (Die Lokalisierung konnte durch die Archäologen nur auf indirektem Weg über eine entsprechende Inschrift in der Nähe vorgenommen werden.) Auf einer Karte waren gleich zwei „Lystra“ verzeichnet, wir halten auf das zu, das auch mit „Kilistra“ bezeichnet wird, denn darauf hatte uns ungefragt auch einer der Kellner in Yakamanastır aufmerksam gemacht, mit dem Hinweis, dass es sehr sehenswert sei. Nach einigem Gegurke finden wir das immer noch besiedelte Dorf – schöne Lage, doch die in einem Führer beschriebenen Sehenswürdigkeiten finden wir nicht. Ein Mann steigt aus seinem Auto, in dem der Rest seiner Familie wartet. Seinen Ausführungen können wir entnehmen, dass das Dorf an sich wohl die Hauptattraktion darstellt, er würde es uns gerne zeigen. Wir sind unschlüssig. Rendel fragt drei alte Opis. Ganz schlau werden wir aus deren Auskunft nicht, aber irgendwie läuft es wohl darauf hinaus, dass heute das ganze Dorf feiert. Und dazu seien wir herzlich eingeladen, das Dorf würden wir wahrscheinlich am Rande kennenlernen. Das würde jedoch eine längere Wanderung bedeuten, auf die wir angesichts der Hitze und dem, was noch vor uns liegt, verzichten. (Das ist im Nachhinein einer der Momente, wo ich mir noch ein bisschen mehr Flexibilität im Blick auf unsere Planungen gewünscht hätte. Hier ein Fest mit den Einheimischen zu feiern, das wäre vermutlich eindrücklicher und erinnerungswürdiger als manche Sehenswürdigkeit gewesen.)
Wer sich völlig unbeleckt von der Materie mit der Geschichte der Hethiter befassen will, der sieht sich mit einem sehr konkreten Problem konfrontiert: Diese Brüder hatten zumeist Namen, die man seinem ärgsten Feind nicht wünschen würde! Und wenn die dann noch mehrfach in Erscheinung treten, also als I., II., III. usw., dann wird’s vollends unübersichtlich. Man muss sich dann mit Namen wie Tudhalija, Alluwamna, Tahurwaili, Mašḫuitta oder – mein Favorit – Šuppiluliuma auseinandersetzen.
Letzterer war uns schon 2008 bei unserem Besuch in Hattuša über den Weg gelaufen. Aufgrund der früheren Funktion als Hauptstadt des Hethiterreichs und wegen seiner Größe ist Hattuša bedeutsam, bis auf einige hervorstechende Sehenswürdigkeiten wie etwa die Stadtmauer und deren imposante Tore erschließt sich das Areal dem archäologisch ungeschulten Auge aber nur schwer.
Interessanter ist da schon das in der Nähe gelegene Felsheiligtum von Yazılıkaya, wo einem u. a. einer der vielen Tudhalijas (in diesem Fall die Numero IV) als Relief begegnet. Nicht ganz so weitläufig, aber sehr sehenswert ist der Komplex von Alaca Höyük, der nur etwa 25 Kilometer entfernt von Hattuša gelegen ist. (Ist vermutlich identisch mit dem hethitischen „Zippalanda“ – ich wollte es nur erwähnt haben …) Hier sticht vor allem das von zwei großen Sphingen flankierte Stadttor ins Auge.
Nicht mehr aus der Hoch-Zeit der Hethiter stammend, dafür optisch äußerst ergiebig, sind die Anlagen von Karatepe-Arslantaş in der Nähe von Osmaniye (auf Luwisch/Hethitisch „Azatiwataya“ … Jetzt is’ aber ma’ gut!) Zu deren Entstehungszeit war das Hethiterreich schon auf dem absteigenden Ast, die Herrscher ließen es sich gut ergehen – und gaben sich auch der schönen Künste hin, wovon Besucher eben heute noch profitieren.
Durch die Befassung mit dem Thema und den Besuchen der genannten Stätten schon innerlich hinreichend gefestigt, sollte es 2015 an eine ziemlich abgelegene Stätte gehen, die es mir aber angetan hat, seit ich vor Jahren eine Luftaufnahme davon in einem Dumont-Reiseführer gesehen hatte – der „Thron des Hartapus“. Recherchen im Internet brachten mich zunächst nicht weiter, erst als ich feststellte, dass der Name in dem Reiseführer mit „Harpatus“ falsch wiedergegeben war, wurde ich fündig, wenn auch nur spärlich. Mittels GoogleEarth meinte ich, den Ort lokalisiert zu haben, die Koordinaten übertrug ich auf mein Navi, wobei ich feststellte, dass es nicht allzu weit von Çatal Höyük entfernt war, also beide – der „Thron“ und die steinzeitliche Stätte – irgendwo in der kargen Steppe zwischen Konya und Karaman lagen.
Mit Çatal Höyük hatte ich mich bereits vor über 30 Jahren befasst, als es schon (oder noch) als die älteste bekannte steinzeitliche Siedlung der Welt galt. Warum wir es immer links liegen gelassen haben, weiß ich gar nicht, vermutlich nahmen wir an, dass diese uralte Stätte zwar für Forscher interessant sein mochte, für den Laien, wenn auch überdurchschnittlich interessiert, jedoch nicht so ergiebig sei (wie es eben bei den gaaanz alten Stätten häufiger der Fall ist). Aber weit gefehlt. Da als Nachtquartier Karaman dienen sollte, waren sowohl Çatal Höyük als auch der „Thron des Hartapus“ an einem Tag machbar.
Die Gegend ist uns nicht unbekannt, vor einigen Jahren haben wir hier Binbirkilise, Madenşehri und den Meke-Krater besucht, dessen schweflig schmeckenden Staub, den wir bei der Besteigung in der Mittagshitze zur Genüge geschluckt haben, ich immer noch zu schmecken meine. Die Anlage von Çatal Höyük liegt etwas weit vom Schuss in einer ebenen Gegend. Die einzigen Erhebungen sind die von Menschenhand erschaffenen „Höyüks“ (oder „Hüyüks“, entsprechen den „Tells“ im arabischen Raum), langsam gewachsene Siedlungshügel, bei denen sich eine Schuttschicht über die andere gelegt hat (was für die Archäologen natürlich ein Leckerbissen ist, weil sie die verschiedenen Artefakte in den Schichten wie eine Zeitskala lesen können). Aber auch die nehmen das Auge nicht gefangen, auffallen tut lediglich die geschwungene, große Kuppelkonstruktion, mit denen die Ausgrabungen geschützt werden.
Erfreulich: Eintritt wird nicht erhoben, mag sein, dass das Teil der Abmachung mit den vielen prominenten Sponsoren ist (u. a. Boeing), mit deren Hilfe die Ausgrabungen durchgeführt und dem Publikum zugänglich gemacht wurden. Am Eingang findet sich ein kleines Museum, dessen interessantestes Ausstellungsstück für mich ein Salzstreuer aus Obsidian darstellt – und der seltsam modern anmutet (quadratischer Grundriss, mit einem Streukopf, entsprechend gelocht). Etwas folkloristisch wirkt der Nachbau eines steinzeitlichen Raums, trotzdem hilfreich, um sich die seinerzeitigen Gegebenheiten etwas besser vorstellen zu können. Die eigentlich Attraktion liegt jedoch unter besagten Kuppeln verborgen: Reste der steinzeitlichen Siedlungen, die „Pi mal Daumen“, in das siebte Jahrtausend vor Christus datieren. Die Häuser, von denen bislang etwa 200 freigelegt wurden und die wohl einige Tausend Menschen beherbergten, sind dicht an dicht gebaut und wurden von oben über eine Leiter betreten. Dazu ist das Areal noch erstaunlich gut erhalten, auch ohne weitere Erläuterungen entsteht vor dem geistigen Auge die jahrtausendealte steinzeitliche Welt. Wer sich interessiert – und das Interesse lohnt! –, dem kann der entsprechende Wikipedia-Artikel einen guten Überblick verschaffen.
Der kleine Umweg hat gelohnt, wir sind jedoch in unseren Motorradklamotten völlig schweißnass, da unter den Kuppeln Saunatemperaturen herrschen. Flüssigkeit füllen wir in dem angegliederten kleinen Café nach, wo wir auch ein britisches Ehepaar in ungefähr unserem Alter treffen – und die, wiewohl noch relativ jung, ein beschauliches Rentnerdasein auf Korsika führen. Das etwas – sorry! – „prollige“ Äußere passt gar nicht zu ihrer Interessenlage und ihren Kenntnissen über geschichtliche und archäologische Fakten. Als er dann noch erzählt, dass er auch eine Africa Twin fährt, gehört er für mich endgültig zu den Guten! Und für uns war das mal wieder eine kleine Lektion hinsichtlich Vorurteilen.
Wir halten in Richtung süd-südost auf den Punkt zu, an dem laut Navi der „Thron des Hartapus“ stehen soll. Eigentlich ist das nur ein Felsrücken, der „Kızıldağ“, mit einem hervorstechenden Gipfel mitten in der Landschaft, in dessen unmittelbarer Nähe sich ein Relief des besagten Hethiterherrschers befinden soll. Aber das Karge der Landschaft, verbunden mit dem Wissen, mal wieder an eine Stätte zu gelangen, die nur die wenigsten zu Gesicht bekommen, spornen uns an. Und tatsächlich hat mich meine Recherche nicht fehlgeleitet. Im Dorf Adakale fragen wir nochmal nach, ein Bewohner fährt uns mit seinem Auto ein paar Meter vorweg – da sehen wir die Ansammlung von Felsen, in deren Mitte sich ein spitzer Gipfel abzeichnet. Querfeldein können wir noch ein Stück ranfahren, die letzten zwei-, dreihundert Meter müssen zu Fuß geschafft werden. Die Luft ist extrem trocken, staubig, Temperatur gut 40°C, und die Gegend wirkt ziemlich unwirtlich, fast lebensfeindlich.
Nachdem wir eh noch ein Stück laufen müssen, erscheint uns ein Erklimmen des Gipfels nicht angeraten. Vielleicht kann man das Relief ja auch von unten erkennen und fotografieren. Während ich den Gipfelbereich langsam mit dem Teleobjektiv absuche, entdecke ich tatsächlich, ziemlich weit weg, in fast unmittelbarer Nähe zum Gipfel, eine menschliche Abbildung im Seitenprofil. Aber das zu erklimmen scheint wirklich zu fordernd zu sein. Also bringe ich mich bäuchlings in Positur, versuche die Kamera so aufzulegen, dass auch bei der Teledistanz noch ein paar halbwegs scharfe, unverwackelte Bilder zu erwarten sind. Währenddessen brennt mir die Sonne unbarmherzig von hinten auf die Pelle, ich komme mir vor wie auf dem „Heißen Stein“ bei unserem Italiener. Schließlich habe ich unseren Fund aus allen nur denkbaren Perspektiven abgelichtet, froh und ziemlich geschafft besteigen wir noch einmal unsere ATs und orientieren uns in Richtung Hauptstraße nach Karaman.
In mir regt sich ein nagender Zweifel. War das besagte Relief nicht als ein liegender, bearbeiteter Felsblock beschrieben worden? Die Steinmetzarbeit also solche kann dann eigentlich nur in der Draufsicht, also wenn man direkt davor steht, erkannt werden. Aber dann ist das, was ich gesehen und fotografiert habe … Dann dämmert es mir: „Pitti Patti!“ Ja, so musste es sein! Ich hatte das lange verschollen geglaubte Monumentalrelief des in Ungnade gefallenen Schwippschwagers von Hartapus entdeckt! Was für ein Fund. Pitti Patti, der zeitlebens etwas wunderlich war und den man eigentlich nur mit durchzog, weil er über Ecken mit dem König verwandt und der ansonsten eher harmlos war, hatte sich hier ein, für normalsterbliche Augen unsichtbares Denkmal gesetzt. So oder so ähnlich … Das muss auf jeden Fall für den Rest der Reise dafür herhalten, uns über unsere (meine!) Dusseligkeit hinwegzutrösten. Und deshalb muss ich dort auch noch einmal hin.

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Türkische Grinsekatze, alte Männer als Gämsen – und vieles Meer

Karaman/İbrala-Kloster/Taşkale/Taşucu

Nachdem uns das Karamaner Hotel „Nas“ vor Jahren etwas zu laut gewesen war, halten wir heute auf das „Demosan“ zu. Schon von Weitem kann man das riesige Gebäude erkennen. Nach türkischer Kategorisierung ein 5*-Hotel mit Spa etc. Wir können sicherheits- und gepäcktechnisch optimal auf dem eingezäunten Hotelparkplatz abrödeln und fahren im großen gläsernen Aufzug auf unsere Etage. Okay, für uns, die wie eigentlich lieber in kleineren Pensionen absteigen, etwas „overdressed“, aber doch schön, sauber und gepflegt. Die Zeit bis zum Abendessen verkürzen wir uns bei ein paar Tees. Wir haben ausnahmsweise Halbpension gebucht und begeben uns also ins Restaurant im Souterrain. Wow, was die auffahren, erwartet man eigentlich nur in den großen Anlagen an der Küste. Die ganze Palette von typisch türkisch bis gemäßigt mitteleuropäisch. Besonders gefällt uns die Salatbar, hinter der ein behandschuhter Bediensteter alle Salate individuell zusammenstellt und ganz frisch schnibbelt. Bier gibt’s hier nicht, aber der Tekel-Shop in der Nähe kann einspringen.
Der nächste Morgen. Wir haben uns mit Bekannten aus Lüdenscheid in Kappadokien verabredet, weswegen unser Etappenziel Kahramanmaraş warten muss. Tendenziell müsste es jetzt also nach Norden gehen, zwei Ziele etwas weiter östlich müssen es jedoch heute Vormittag noch sein. Wir nehmen die D350 stadtauswärts. Es ist Wahlkampf, die entsprechend plakatierten und mit großen Lautsprecheranlagen bestückten Busse gehören in diesen Wochen zum Straßenbild. Darauf, dass manchmal Straßen und Plätze für die Auftritte von Politikern durch Sicherheitskräfte gesperrt sind, sind wir eingestellt, aber das hiesige Aufgebot ist doch außergewöhnlich. Alle 50 Meter – rechts und links – ein Polizist, auf den Brücken Schützen mit angelegtem Gewehr, etliche Hubschrauber über uns. Ach Leute, das wäre doch echt nicht nötig gewesen … (Obwohl: Ich erinnere mich an die Kunstflugstaffel in Konya im letzten Jahr, die doch auch wohl nur wegen uns …)
Schließlich wird vor uns die Straße gesperrt, wir stehen als erste vorne in der Schlange, nehmen Helm und Jacke in der Hitze ab. Ich frage einen Polizisten nach dem Anlass, worauf er mit „Başbakan“, Ministerpräsident, antwortet. Okay, Ahmet Davutoğlu, die türkische Grinsekatze (Felis renideris anatoliensis), auf Wahlkampftour. Nachdem sich einige Minuten nichts tut, kommt das Signal „Weiter geht’s!“ Da wir uns erst wieder anziehen müssen, kommen wir nicht schnell genug in die Puschen, alle ziehen an uns vorbei – dann wird wieder dichtgemacht. Glück für uns. Wenn wir uns auch nicht gerade zu den eingefleischten AKP-Fans zählen, bekommt man den Regierungschef ja doch nicht alle Tage zu sehen. Vor uns von rechts kommt ein Tross von Fahrzeugen, direkt an uns vorbei fährt ein Bus – und Ahmet winkt uns freundlich zu (er uns, nicht wir ihm!). Im letzten Moment hält Rendel noch mit der Kamera beherzt drauf, der MP ist zwar nicht mehr zu erkennen, wohl aber andere MPs: Auf dem Dach des Busses sind, in entsprechenden „Ausgucken“ postiert, zwei Scharfschützen zu erkennen, die, neben den vielen anderen, den Ministerpräsidenten sichern.
Endlich können auch wir weiter, vor der Abfahrt meine ich noch zu dem Polizisten, dass in der Gegend in den nächsten Stunden wohl kaum mit Geschwindigkeitskontrollen zu rechnen sei, was dieser mit einem Lachen bestätigt.
Ziel ist das Städtchen Taşkale, auf dem Weg dahin soll jedoch noch das İbrala-Kloster liegen. Tatsächlich weist ein Schild auf ein „Manastir“ hin, allerdings auf eines namens „Mamazan“. Aber die Größe des Wärterhäuschens lässt darauf schließen, dass es hier wohl etwas Bedeutenderes zu sehen gibt. Der Wärter scheint froh zu sein, etwas Abwechslung zu bekommen, kassiert die paar Lira Eintrittsgeld und stattet uns mit Taschenlampen aus. Erst jetzt werde ich gewahr, dass sich auf der anderen Straßenseite im Felsen viele Höhlen abzeichnen, schließlich kann ich auch klären, dass İbrala und Mamazan verschiedene Namen für dieselbe Stätte sind. Bevor es an die Besichtigung der eigentlichen Anlage geht, muss der geneigte Besucher einen wahren Kraftakt hinlegen: Über eine weitläufige, erst in jüngerer Zeit angelegte hölzerne Treppenanlage muss man zuerst einen ziemlichen Höhenunterschied überwinden, ca. 400 Stufen. Das Kloster an sich entschädigt einen jedoch, es sei denn, man kommt gerade von einer intensiven Wanderung durch Kappadokien. Denn die Anlage ähnelt den dortigen im Blick auf die „Machart“ ziemlich, wiewohl hier nicht Tuffstein, sondern ungleich härterer Felsen die Grundlage bietet. Mit den Treppen ist es noch nicht geschafft, unser Führer scheucht uns durch niedrige Höhlen und steile Kamine hinauf, durch die wir uns zwängen müssen. Von der Konstitution eher den Pyknikern zuzuordnen, schwitzt er zwar auch, ist aber immer flott vorneweg, wobei er uns auch erzählt, dass er diese Tour manchmal zehn bis zwanzig Mal am Tag macht. Reschpekt!
Wieder unten, drück ich ihm – immer noch schwer beeindruckt von der Leistung – 50 Lira in die Hand, vielleicht etwas viel, aber das war es uns wert.
Die letzten Kilometer bis Taşkale sind malerisch, oft führt die kurvige Straße zwischen steil aufragenden Felsen hindurch, was wir für einige schöne Fahraufnahmen nutzen.
Taşkale, „Felsenburg“, ist für seine in mehreren Etagen in den Felsen eingearbeiteten Lagerhäuser bekannt. Direkt am Ortseingang erstreckt sich linker Hand eine etwa zweihundert Meter lange Felswand, an der sich über vielleicht sechs bis sieben Etagen verteilt, kleine Luken erkennen lassen, darüber ragt meist ein kurzer Balken aus der Wand, der Ausleger für einen Flaschenzug. Die Höhlen hinter den Türchen wurden zum Teil als Wohnungen benutzt (zwei oder drei immer noch), ansonsten bis heute als kühles Lager für Käse, Obst und Gemüse. Zudem weist ein Pfeil an einer kleinen Treppe auf der unteren Etage in Richtung „Taş Camii“, also Felsenmoschee. Von der Mitte der Felswand schaut ein mild lächelnder, auf Dandy getrimmter Atatürk an, gestört wird die Szenerie jedoch von einem riesigen Sattelauflieger, den ich leider auf fast jedem meiner Fotos von dort draufhabe.
Die Frage, wie denn die Lagerräume erreicht werden, hatte uns schon im Vorfeld ein Bekannter, der vor uns hier war, beantwortet: Während seines Besuchs traf er einen alten Mann, der ihm genau das veranschaulichte, indem er die kaum als solche zu erkennenden Mulden, die als Trittsteine dienen, nutzte, um behände wie eine Gämse die steile Wand zu erklimmen.
Wir lassen den Anblick aus dem Schatten einer Bushaltestelle auf uns wirken, wo sich auch ein paar Dörfler niedergelassen haben. Eine alte Frau, kaum mehr als noch zwei Zähne im Mund, zudem augenscheinlich geistig behindert, versucht uns lautstark zu überzeugen, dass sie die Mutter von Atatürk sei. Ich fahre alleine noch ein paar Meter in den Ort hinein, mache ein paar schöne Fotos, während Rendel sich mit den Leuten unterhält und ihrerseits einige nette Bilder schießt. (Ihre Bilder von Menschen sind auf unseren Reisen die durchweg besseren.)
Wir haben zwischenzeitlich noch etwas umdisponiert, wollen, statt gleich nach Kappadokien, zunächst ein bisschen ans Meer. Keine Frage, dafür kommt wieder nur Taşucu, ein paar Meter westlich von Silifke, infrage. Dazu müssen wir von Taşkale zunächst zurück nach Karaman, dann kann man bis Silifke auf der D715 bleiben. Auch, wenn sie durch Fahrbahnverbreiterung ein wenig von ihrer Lauschigkeit verloren hat, gehört die Strecke sicher zu den schönsten Überlandstrecken in der Gegend. Spätestens ab Mut, wo man dann auf den herrlichen Göksu trifft, wird es wirklich spektakulär. Kurz vor Mut erkennen wir noch die Auffahrt zur wunderschön gelegenen Ruine des Klosters Alahan (nicht zu verwechseln mit Alarahan bei Alanya). Das heißt: Eigentlich erkennen wir die Auffahrt nicht wieder. Wo vor Jahren noch ein kleiner, schwer zu bewältigender Karrenweg mündete, erstreckt sich jetzt ein Parkplatz, da, wo wir seinerzeit noch ganz alleine herumstromern konnten, laufen jetzt Scharen von Besuchern herum. Also lassen wir den kurz aufkommenden Gedanken an eine nochmalige Besichtigung schnell fallen. Überdies macht uns heute wirklich die Hitze zu schaffen, mein sonnen- und fahrtwindgeschützter Temperatursensor leitet mir die Angabe „38°C“ an mein Navi weiter.
Das Göksu-Tal wird auch als „Grand Canyon der Türkei“ bezeichnet – maßlos übertrieben, trotzdem ausnehmend schön. Die Gegend würde ich gerne noch einmal intensiver erkunden, vor allem von der Hauptstraße weg, runter an den Fluss, hinein in die kleinen Dörfer. Zwar lassen die Kräfte nach, trotzdem nehme ich einmal so einen kleinen Pfad unter die Reifen, wende x-mal, bis Rendel ein paar schöne Fahrfotos vor herrlicher Kulisse im Kasten hat.
Endlich erscheint die Burg von Silifke am Horizont, kurz drauf halten wir auf Taşucu zu und steuern die „Meltem Pension“ an, schon seit Jahren unsere Unterkunft der Wahl. Die Inhaber begrüßen uns freudig, ich bin jedoch für Smalltalk erst einmal zu geschafft, lasse mich in die Hollywoodschaukel fallen und mit „Yedigün“, der türkischen Fanta-Variante, abfüllen.
Aber dann ist das Zimmer schnell bezogen, wir geduscht und wieder ausreichend bei Kräften, um noch den Fußweg, immer die Strandpromenade entlang, bis zum Hafen zu bewältigen. Auf das Restaurant „Deniz Kizi“ freue ich mich schon, seit wir beschlossen haben, wieder nach Taşucu zu fahren. Die Dachterrasse bietet einen schönen Blick auf den Fährhafen, das Atatürk-Denkmal und das Treiben auf der Straße. Die gute Küche genießen wir schon seit Jahren immer wieder, zudem sind sie ganz gut mit Wein sortiert (und wissen, wie man ihn temperiert). An den Pfosten, welche die Konstruktion der Überdachung tragen, fallen uns kleine Täschchen auf. Es stellt sich heraus, dass die dazu gedacht sind, sein Handy dort reinzuhängen, um es an der daneben montierten Steckdose während des Essens aufzuladen. Prima Service!

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Imposante Hinterlassenschaften – und Opa präsentiert den letzten Schrei

Olba-Diocaesarea/Aladağlar-Gebirge

Wir haben drei Nächte eingeplant, also Zeit genug, etwas zu entspannen und auch noch die Umgegend zu erkunden. Bei unserem ersten Besuch hier hatten wir das genannte Kloster Alahan und die Todesstelle von Kaiser Barbarossa am Göksu besichtigt, die anderen Male waren wir meist auf der Rücktour in Taşucu, weswegen das dann meist reine Erholungsaufenthalte ohne viel Besichtigungen waren.
Eigentlich noch für gestern auf der Hinfahrt eingeplant, dann aber wegen Zeitmangel, Hitze und Erschöpfung vertagt, soll es heute dann doch endlich einmal in die antike Doppelstadt Olba-Diocaesarea gehen. Dafür müssen wir die gestrige Strecke ein Stück zurück, zwischen Silifke und Mut geht es dann in Richtung Osten in die Berge. Auf dem Abschnitt kann man sich regelrecht in einen Rausch fahren, muss aber aufpassen, denn es geht an vielen Stellen 100 oder mehr Meter steil in die Tiefe. Kurz vor Erreichen unseres Ziels erkennen wir ein Stück vor uns schon die Umrisse einiger markanter Gebäude von Diocaesarea, augenscheinlich eingebettet in die neuzeitliche Siedlung Uzuncaburç. Uns ist der Zusammenhang zwischen Diocaesarea und Olba nicht ganz klar, halten es zunächst für eine Doppelstadt im Wortsinn, also an ein und demselben Ort gelegen. Ein Wegweiser „Olba“, der von den genannten Gebäuden weg weist, belehrt uns jedoch eines Besseren. So folgen wir zunächst dem Schild und landen bei einer netten, aber doch eher bescheidenen Ansammlung von Ruinen. Die Info aus unserem Reiseführer, ergänzt um ein paar Angaben, die wir einem Passanten entlocken können, legt nahe, dass es einige Kilometer weiter zumindest noch einen Aquädukt sowie eine gut erhaltene Kirche geben muss. Tatsächlich zeichnet sich schon nach wenigen Metern rechts zunächst etwas wie ein Turm ab, kurz drauf stehen wir vor den Resten eines sehr gut erhaltenen, imposanten Aquädukts. Erfreut über unsere „Entdeckung“ fangen wir an, das Gelände zu erkunden. Der Aquädukt überspannt ein Tal, das sich weit Richtung Südost zieht, und durch das, wenn man es durchwandert, man bis an die Küste gelangen kann. Dort, wo der Aquädukt an der einen Talseite ansetzt, kann man auf ihn gelangen. Ich erklimme das Bauwerk und balanciere in der Wasserrinne soweit, wie es die noch erhaltene Struktur zulässt. Ein wahnsinniger Ausblick!
Wir wandern noch etwas in das Tal hinein und stoßen dabei auch auf noch aktuell in Arbeit befindliche Ausgrabungsstätten, augenscheinlich Wohnhäuser.
Bevor wir uns wieder aufmachen, stoßen wir auf zwei deutsche Residentenpaare, die uns noch mit Tipps versorgen.
Unser nächstes Teilziel lässt sich nicht so leicht finden, nach etlichen Nachfragen scheint nur klar zu sein, dass es sich um eine Kirche handelt, die sich im Dorf Cambazlı befinden soll. In der Rückschau wird mir klar, dass viele Wege nach Cambazlı führen, was dann in verschiedenen, sich vermeintlich widersprechenden Wegbeschreibungen resultiert. Schließlich finden wir den 500-Seelen-Ort und sehen auch gleich auf einem Hügel gegenüber die Kirche. Eine genauere Erkundung scheint nicht zu lohnen, weshalb ich nur ein paar Bilder aus der Ferne mache. Leute aus dem Dorfcafé winken uns heran, die Einladung zum Tee kommt gut. Im Gespräch stellt sich heraus, dass die „Kirche“ gar nicht die gesuchte war, sondern ein römisches Tempelgrab aus dem 3. Jahrhundert …, die Kirche befände sich aber in Laufweite des Cafés. So deponieren wir unsere Klamotten und marschieren etwa 300 Meter Richtung Ortsausgang. Und tatsächlich: In nicht erwarteter Schönheit und sehr gutem Zustand recken sich vor uns die Überreste einer dreischiffigen Basilika in den Himmel! Die byzantinische Kirche datiert aus dem 5. Jahrhundert und ist von einer Mauer umgeben. Das Innere ist teilweise überwuchert, was dem Ganzen noch zusätzlich einen verwunschenen Charakter verleiht. Dieser Teil unseres Ausflugs hat also gelohnt. Zurück im Café machen wir noch ein paar Bilder mit den Dörflern, eines davon haben wir ihnen zwischenzeitlich zugeschickt (als Ausdruck – Internet hatte dort angeblich niemand).
Aber damit ist erst die eine Hälfte der Doppelstadt Olba-Diocaesarea „erledigt“. Wir folgen der Trackaufzeichnung des Hinwegs auf meinem Navi und gelangen nach Uzuncaburç, wo der Diocaesarea-Teil zu finden ist. Schon früh erkennt man eben diesen „Uzuncaburç“, den „langen Turm“, der dem neueren Ort seinen Namen gegeben hat. Dieser, etwa 20 Meter hohe Turm war Teil der alten Befestigungsanlage. Unter einem großen, schattigen Baum in der Dorfmitte machen wir Rast, als ein PKW mit NL-Kennzeichen hält. Gleich erkenne ich in den Insassen ein Paar, das gestern beim Abendessen in Taşucu am Nebentisch gesessen hat. Die beiden sehen exotisch aus, er, so sagt sie mir, sei ein „Zauberer“, wobei nicht ganz klar wird, ob das eher seine „Weltanschauung“ wiedergibt oder seinen Beruf, denn sie spricht auch von Auftritten in Hotels.
Das Gelände ist weitläufig, jedoch noch gut zu Fuß zu erkunden. Besonders imposant ist das Stadttor und die vielen Tempelanlagen, wobei der riesige Zeus-Olbios-Tempel besonders ins Auge sticht, dazu die gut erhaltenen Fünffachsäulen des Tyche-Tempels. Der Zeus-Tempel beherbergte in späterer Zeit eine kleinere Kirche, eine „Erbfolge“, die uns mancherorts begegnet ist.
Dieser Tag war wieder einmal übervoll mit Eindrücken, trotzdem fällt es schwer, an den kleineren antiken Überresten, die hier am Straßenrand überall aus dem Grün lugen, vorbeizufahren. Glücklich und geschafft rollen wir in den Hof der Pension, ziehen uns fix Badezeug an, um uns nur Sekunden später in die kühlenden Fluten zu stürzen. Zisch! (Die Pension trennt nur eine schmale Fußgängerpromenade vom Strand.)
Taşucu bietet eine Reihe von guten Möglichkeiten, um satt zu werden, wer es vom Ambiente her ein bisschen ausgefallener möchte, der ist mit dem schon erwähnten „Deniz Kizi“ gut beraten, aber auch mit unserer zweiten Empfehlung. Heute geht es also ins „Baba“, bewährte Adresse, vor allem wegen des hier servierten Hummus mit Pastirma. Die Lage – auf einer Felsterrasse direkt am Meer – tut ein Übriges, um sich hier wohlzufühlen. Noch lange lassen wir diesen eindrücklichen Tag am Abend Revue passieren.
Die Ruhetage dienen auch immer dazu, die Ausrüstung in Schuss zu halten; ich checke die Moppeds, Rendel will versuchen, eine aufgegangene Naht an unserer Kulturtasche nähen zu lassen. Also latschen wir in den Ort, ich setze mich in ein Teehaus, während Rendel sich auf die Suche nach einem Schneider oder Schuster macht. Man reicht sie von Werkstatt zu Werkstatt weiter, bis sie schließlich bei einem alten Herrn landet, der ihr die Tasche mittels einer dicken, gebogenen Nähnadel wieder fachmännisch herrichtet, dabei aufmerksam begutachtet von zwei anderen Opis. Mit einer Lira ist das dann abgegolten, die Naht wird zweifellos länger halten als der Rest der Tasche.
Heute wollen wir endlich Kappadokien ins Visier nehmen. Es ist zwar nicht zwingend, aber irgendwie kommen wir an diesem Landstrich nicht vorbei. Wir sind auf der neunten gemeinsamen Motorradreise in der Türkei, und es wird unser zehnter Kappadokien-Aufenthalt werden (im letzten Jahr waren wir zu Anfang und am Ende unserer Reise dort). Aber es ist ja auch keine Schande: Der hundert mal hundert Kilometer große Landstrich (mit den Randbezirken) hat es ja auch wirklich in sich. Abgesehen von den Unterkünften und den Orten, durch die man zwangsläufig immer kommt, haben wir in Kappadokien kaum einen Ort oder eine Stätte zweimal besucht – und haben immer noch nur einen Bruchteil gesehen.
Wir wollen uns zunächst an der Küste bis Tarsus halten, dann scharf nach Norden Richtung Niğde und damit nach Kappadokien abbiegen. Auf dem Weg stellt sich uns aber noch die Großstadt Mersin in den Weg, die sich nicht sinnvoll umfahren lässt. Da es uns immer noch nicht gelungen ist (siehe den 2014er-Bericht), uns eine HGS-Plakette zu besorgen, über welche automatisch die Autobahnmaut abgerechnet wird, entschließen wir uns, über die Bundesstraße mitten durch Mersin zu fahren. So schlimm wird es schon nicht werden.
Oh doch! Es ist immer wieder unglaublich, wieweit sich so ein kleiner Punkt auf der Landkarte „in echt“ in die Länge zieht. Von den ersten Außenbezirken bis zu der Stelle, wo man das erste Mal wieder ungefährdet einatmen kann, brauchen wir fast zwei Stunden. Zum Glück wissen wir, was uns danach erwartet (oder auch nicht, denn es soll noch besser kommen). Um nicht auch noch durch Tarsus zu müssen, will ich schon kurz vorher nach Norden abbiegen, irgendwie stimmt die Richtung, irgendwie aber auch nicht. In einem Randbezirk von Tarsus verfransen wir uns in einem Neubaugebiet, nur noch sandige Baustraßen. Ein Mopedfahrer erbarmt sich, fährt uns ein Stück voraus und zeigt uns die Richtung. Die Streckenführung versöhnt uns ein wenig mit dem Umweg, aber wir haben noch ein End vor uns. Endlich gelangen wir auf die Hauptstraße, der Wegweiser nach Pozantı versichert uns, dass wir endgültig richtig sind. Kurz vor Pozantı passieren wir die Stelle, an der wir im letzten Jahr in einer großen Betonröhre zwei Stunden Zuflucht vor einem Gewitter genommen hatten. Noch eben nachgetankt, dann geht es kurz hinter Pozantı rechts ab Richtung Çamardı. Eigentlich ist es nur eine etwas längere Parallelstrecke zur D805 bzw. der E90, die sich eben bei Pozantı von der Hauptstrecke löst, um dann bei Niğde wieder auf diese zu treffen. Aber diese Nebenstrecke hat es in sich. Jedem, der geneigt ist, die schnellere Strecke zu nehmen, sei angeraten, zwei Stunden mehr einzuplanen und die Strecke über Çamardı zu nehmen.
Im Jahre 2013 waren wir nur wenige Kilometer weiter östlich bei den Wasserfällen von Kapuzbaşı. Nur wenige Kilometer, aber von dort trennt uns die fast 4.000 Meter hohe Kette des Aladağlar-Gebirges. Bei unserer seinerzeitigen Anfahrt nach Kapuzbaşı konnten wir die schneebedeckten Gipfel wohl sehen, kamen aber nicht besonders nahe heran. Und das soll sich heute ändern.
Schon kurz nach dem Verlassen der Hauptstrecke bietet sich dem Motorradfahrerherz alles, was es begehrt: lange, zügig zu fahrende Kurven wechseln mit engen Serpentinen, überall kann das Auge schwelgen. Bis heute ärgere ich mich, dass ich von dem Schild, das vor Wildschweinen warnt, kein Foto gemacht habe. An einem schön gelegenen, leider etwas vermüllten Rastplatz stopfe ich eine Tüte Chips in mich rein, die Teiletappe war doch länger als erwartet und machte hungrig.
Nach und nach rücken rechter Hand die Berge immer näher, ein Panorama, das sich auf der Hauptstrecke nicht einmal erahnen ließe. Immer wieder bleiben wir stehen, lassen die Gegend und die Atmosphäre auf uns wirken, um dann, in der Hoffnung, ein bisschen davon konservieren zu können, auch viele Bilder zu machen. Ein weiterer Stopp erfolgt, als wir schließlich meinen, den höchsten Gipfel, den Demirkazık, neben uns zu haben. Kaum abgestiegen, vernehmen wir von schräg hinter uns ein Rufen. Ein Mann winkt uns von einem kleinen Häuschen aus zu, bedeutet uns, doch zu kommen. Der Hausherr und seine Frau haben noch ein weiteres Ehepaar zu Gast, für uns werden Stühle dazugestellt und fix der Kessel für frischen Tee angeworfen. Wir werden zum Essen eingeladen (was wir dankend ablehnen), zudem bieten unsere neuen Bekannten uns an, die Nacht zu bleiben. Jedem, so wird uns versichert, jedem, der bei ihnen anhält, wird Essen und Unterkunft angeboten – und das sollten wir ruhig weitererzählen. Im Laufe des von vielem Lachen geprägten Gesprächs werden wir aufgeklärt, dass besagter Berg noch nicht der Demirkazık sei – da bräuchte es noch ein paar Kurven. Einer der beiden Männer verweist stolz auf seine neue Hose, die er sich in Adana hat schneidern lassen. Der vermeintlich „letzte Schrei“ ist jedoch lediglich eine dieser typischen weiten Hosen der Landbevölkerung. Artig geben wir unserer Bewunderung Ausdruck …
Zum Schluss machen wir noch einige Gruppenbilder, von denen eins mittlerweile auch seinen Weg in das kleine Dörfchen Dağdibi gefunden haben sollte. Zur Verabschiedung reiche ich den beiden Frauen wie selbstverständlich die Hand, was sie aber beharrlich verweigern. Das steht in – vermeintlichem – Kontrast zur vorangegangenen Herzlichkeit, ist aber eben, wie mir dann dämmert, die übliche hiesige Umgangsform zwischen Frauen und fremden Männern.
Jetzt wird es langsam Zeit, denn bis Mustafapaşa sind es noch 120 Kilometer, dazu fallen sicher noch ein paar Staun- und Fotostopps an. Wie angekündigt, zeigt sich dann nach wenigen Minuten doch der Demirkazık, der sich majestätisch gegen den blauen Himmel abhebt. Danach, etwa auf der Höhe von Çamardı, flacht es allmählich ab, die Schneegrenze wird unterschritten, tiefgrüne Hügel bestimmen hier zunächst die Szenerie, ein Anblick, der aber nicht weniger beeindruckend ist. Schließlich treffen wir wieder auf die Hauptstrecke. Wir wollen diesmal nicht über Nevşehir/Ürgüp nach Mustafapaşa, sondern über die etwas kürzere und weitaus schönere Strecke, die im Ort Kaymaklı abknickt. Irgendwie kommt uns die Strecke bekannt vor, als wir jedoch die vielen großen Tuffstein-Lagerhäuser, in denen Obst und Gemüse monatelang frischgehalten werden, passieren, sind wir uns sicher, hier noch nicht gewesen zu sein.
Schließlich rollen wir in Mustafapaşa ein, wo die meisten Pflasterstraßen für eine, wie wir später hören, neue Kanalisation aufgerissen wurden. Im „Old Greek House“, wo wir uns wohlweislich dieses Mal angemeldet haben, erwartet man uns schon. Mit der Herzlichkeit, die in einer „Familie auf Zeit“ angemessen ist, werden wir begrüßt und auf unser Stammzimmer, das „Saçmalık“, geleitet. Hier wollen wir mal so richtig abhängen, uns verwöhnen lassen – aber auch die schon von Lüdenscheid aus geplante große Wanderung angehen.

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Weicher Tuffstein auf die harte Tour

Kappadokien

Wir sind also auch bei unserer diesjährigen Motorradtour nicht um Kappadokien herumgekommen – heuer somit zum neunten Mal. Die ersten Male haben wir uns mehr um die reinen Naturschönheiten gekümmert, Kirchen etc. nur am Rande mitgenommen. Später kam etwa das İhlara-Tal dazu, im vorletzten Jahr dann auch mal eine Ballonfahrt und 2014 verspätet die Standards wie „Göreme Open Air“, Paşabağ etc.
Für dieses Jahr haben wir eine ganz besondere „Begehung“ geplant: Ein Bekannter, in einschlägigen Foren als „Putz“ bekannt, der ursprünglich aus einem Nachbarort zu unserem Wohnort stammt, verbringt seit Jahren viel Zeit in Kappadokien und hat sich einen Namen als Kenner der dortigen Kirchen gemacht. Und dabei darf man nicht nur an die bekannten Sachen denken, der Großteil der Schätze ist wohl noch unentdeckt bzw. nur wenigen, zumeist Einheimischen, bekannt. Zusammen mit einem Freund, einem Fotografen, hat sich Putz zur Aufgabe gemacht, die unbekannten Kirchen zu dokumentieren, bevor sie unausweichlich früher oder später zusammenfallen.
Unsere kleine Wandertruppe besteht außerdem noch aus zwei Frauen, von denen eine auch aus Lüdenscheid stammt und die wir im Vorfeld mit Putz in Kontakt gebracht haben, zudem kommt noch ein Freund von ihm mit, der als Nachhut dient und aufpasst, dass niemand verschütt geht.
Da unsere Wanderung auf etwa 10 Stunden angesetzt ist, starten wir zeitig, treffen uns in Uçhisar, fahren ein paar Kilometer, um zu unserem Einstieg zu gelangen. Ausgerüstet sind wir so, wie es sich für eine zünftige Wander- und Klettertour gehört. Wer bei Kappadokien nur an bizarre Tuffkegel und bunt ausgemalte Kirchen denkt, der sollte sein Bild auf jeden Fall noch durch eine Wanderung durch eines oder mehrere der grün durchwucherten Täler vervollständigen. Auch wir wandern zunächst durch üppiges Grün, manchmal durch natürliche Felsentunnel, nicht selten müssen wir eine Art Seilschaft bilden, um Hindernisse gemeinsam zu überwinden. Andere Touristen begegnen uns so gut wie nicht, trotzdem ist man selten ganz alleine, denn immer wieder finden sich in der Abgeschiedenheit kleine Gärten und Pflanzungen, die von Einheimischen angelegt wurden. Mit einigen hat Putz Absprachen getroffen: Er darf mit seinem Trupp die Törchen öffnen, vorsichtig durch die Gärten schleichen, immer unter der Maßgabe, nichts zu zertrampeln und vor allem, diese Wege nicht an andere zu verraten, die vielleicht etwas weniger rücksichtsvoll vorgehen würden. Einer dieser Bauern, ein freundliches Hutzelmännchen, erklärt uns, was er anbaut und zeigt uns seine Frischwasserquelle und die beiden Felsnischen, in denen er sich vorübergehend häuslich eingerichtet hat – nach dem Tagwerk immer wieder nach Hause zu gehen, wäre zu aufwändig.
Langsam schwant uns, auf was wir uns eingelassen haben, manche Hindernisse lassen sich tatsächlich nur mit aller Kraft und zum Teil auch nur mit etwas Mut überwinden. Immer wieder werden wir zu Trinkpausen angehalten, denn auch in den Tälern wird es langsam warm.
Schon allein die Natur lässt einen an jeder Abzweigung neu staunen, in Kappadokien kommt aber immer noch das dazu, was von Menschenhand daraus gemacht wurde, diese Symbiose von Kultur und Natur. Eine der ersten Höhlenkirchen, die wir heute zu Gesicht bekommen, ist von atemberaubender Schlichtheit (kein Widerspruch, wie wohl jeder, der das gesehen hat, bestätigen kann): heller, fast weißer Tuff, lediglich mit rotbraunen Ornamenten verziert. Zu diesen Gelegenheiten kommt dann auch regelmäßig die außerordentliche Sachkenntnis von Putz zum Tragen, wenn er uns die architektonischen und ikonografischen Details erklärt, wobei die geschichtlichen Hinweise, etwa auf die Ereignisse und Auswirkungen des Bildersturms, in diesem Zusammenhang besonders interessant sind. Uns Laien amüsiert vor allem eine Abbildung, die „eindeutig“ eine alte Londoner Straßenlaterne zeigt …
Hin und wieder kreuzt unser Pfad bewohntes Terrain, nicht unwillkommen ist die Möglichkeit, bei einer Rast einen frisch gepressten Orangensaft kredenzt zu bekommen.
Ich halte mich eigentlich für noch recht fit, doch werden auch bei mir die Intervalle zwischen den Pausen kürzer. Dem etwas langsameren Tempo ist geschuldet, dass wir wohl nicht alles wie geplant werden anschauen können, allerdings raunt Putz etwas von zwei Highlights, die wir unbedingt noch angehen sollten.
Zunächst schleichen wir uns wieder durch einen Gemüsegarten, bis wir an eine Höhle gelangen, die ein Bauer als Lager nutzt. In der Höhle führt eine versteckte, in den Tuff gehauene Treppe steil aufwärts, der Bauer hat den Zugang dankenswerterweise freigeräumt. Wir zücken die Taschenlampen und quälen uns hoch, lediglich mit Händen und Füßen abgestützt überwinden wir senkrecht nach oben führende Passagen, an denen die Stufen fehlen. Wer es nicht alleine schafft, der wird gedrückt und gezogen. Aber wie sagt der Lateiner: „Per aspera ad astra“ – „Auf rauen Wegen zu den Sternen“. Nachdem wir gefühlte 100 Höhenmeter überwunden haben, wird es noch einmal etwas prekär, eine der Damen wagt nur unter gutem Zureden (und Zupacken) die letzten Schritte über den Abgrund. Belohnt werden wir mit einer der schönsten Aussichten, die Kappadokien zu bieten hat (und derer sind nicht wenige). Stolz fotografieren wir uns wie nach einer Erstbesteigung. Der Weg runter verläuft zum Teil anders, aber nicht weniger fordernd – manchmal müssen wir uns auf dem Bauch kriechend durch enge Öffnungen im Fels zwängen, manche Bergabpassage lässt sich nur einige Meter auf dem Hosenboden rutschend bewältigen.
Dieselben Kräfte, die im Laufe der Zeit diese fantastisch bizarre Landschaft Kappadokiens geschaffen haben, sind weiter am Werk und werden nach und nach dafür sorgen, dass Kirchen zusammenfallen, die putzigen Hüte auf den Tuffkegeln runterpurzeln und die Gegend tendenziell „eingeebnet“ wird. Aus diesem Grund haben sich Putz und sein Bekannter vorgenommen, die Kirchen mit Fotos zu dokumentieren. Eine seiner Lieblingskirchen, die „Weiße Kirche“, sollen wir als krönenden Abschluss noch zu Gesicht bekommen.
Wenn man darin steht, braucht es keine weitere Begründung mehr für Putz’ Faszination. Auch hier wieder der weiße Tuff, die Kirche jedoch nicht einfach eine Höhle, sondern komplett mit Säulen etc. aus dem Gestein herausmodelliert. Natürlich erfolgen auch hier wieder hochinteressante Erläuterungen, die ich mir angesichts der Fülle der heutigen Eindrücke kaum noch zu merken vermag. Ein Teil der Kirche war durch einen natürlichen Wassereinbruch vom (vorzeitigen) Einsturz bedroht, woraufhin Putz und sein Kumpel in einer Nacht- und Nebelaktion ein Schutzdach installierten, welches das Wasser umlenkt und die Kirche vorerst vor weiterem Schaden bewahrt. Auch Kirchenferne können sich vielleicht vorstellen, dass uns, als wir an diesem Ort „Großer Gott, wir loben dich“ anstimmten, ein Schauer über den Rücken lief.
Nach zehn Stunden (und einer tatsächlich gelaufenen bzw. erkletterten Strecke von ca. 14 Kilometern) sind wir langsam am Ende unserer Kräfte, trotzdem sputen wir uns, denn ein Gewitter zieht auf. Wieder im Standquartier unserer Bekannten angelangt, verabschieden wir uns schnell und steigen auf mein Motorrad (Rendel hat ihres heute stehen lassen). Zusätzlich zu der schwarzen Gewitterwand wird es auch ansonsten dunkel und ich gebe Gas. Regen ist zwar, zumal ohne Regenkombi, unangenehm, aber nicht das Problem, Gewitter nötigen mir allerdings schon Respekt ab. Oder besser gesagt: Da krieg ich Schiss!
Normalerweise führt die Strecke von Uçhisar nach Mustafapaşa über Göreme und Ürgüp, dankbar registriere ich jedoch, dass das Navi eine Abkürzung über Ortahisar kennt. Wir passieren den kleinen Ort und halten auf Mustafapaşa zu. Schnell wandelt sich das geflickte Asphaltsträßchen in eine „Toprak Yol“, also eher einen Feldweg. Zwar stimmt die Richtung noch, aber der Weg wird zunehmend schwierig zu fahren, trotzdem gebe ich Gas, denn das Gewitter ist noch nicht abgezogen. Das Navi weist irgendwo vor uns eine 180°-Kehre aus, die aber partout nicht kommen will – die Strecke ist doch länger als erwartet und wir kommen trotz gefühltem Tiefflug nicht schnell voran, kein Wunder, denn von dem vormaligen Feldweg ist nur noch ein Trampelpfad übriggeblieben. Als plötzlich im Scheinwerferlicht die hohe Fassade eines Felsenklosters neben uns aufragt, dämmert es mir buchstäblich: Wir sind mitten im Gomeda-Tal! Aber wie zum Henker sind wir hierhin geführt worden? Auch dazu kommt mir die Erleuchtung: Ich hatte mein Navi, das kein reines Straßen-, sondern auch ein Outdoor-GPS ist, noch auf „Wandermodus“ stehen! Und so wollte es uns durch das Tal führen, das wir schon zwei Mal durchwandert sind und das selbst zu Fuß nicht ohne ist. Als dann noch vor mir ein Bachlauf auftaucht, gilt nur noch: „Kommando zurück!“ Mit vereinten Kräften und nassgeschwitzt bekommen wir das Motorrad gewendet, dabei sehen wir die Hand kaum mehr vor Augen. Zum Glück ist am Navi auch die so genannte Track-Aufzeichnung aktiviert, wir können also sehen, auf welchem Wege wir hierhin gelangt waren. Also auf demselben Weg zurück, erleichtert passieren wir wieder das Ortsschild von Ortahisar und orientieren uns schnell auf der „richtigen“ Strecke Richtung Ürgüp und landen erschöpft, aber gerade noch trocken und überglücklich, in Mustafapaşa.
Und für Rendel bin ich bis heute ihr Held.

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Ekşili Çorbası, Paca Kelle, Tarhana und Dondurma –
Anatolische Leckereien

Kahramanmaraş

Normalerweise verabschieden uns Hüseyin, Emine und ihr Sohn Niyazi noch, doch heute sind wir schon sehr früh auf den Beinen, genießen noch einmal das traumhafte Frühstück im „Old Greek House“, beladen routiniert die Moppeds und machen uns in der Morgenkühle auf. Auf dem Weg gen Osten ist heute Kahramanmaraş (die Türken sagen kurz „Maraş“) das Tagesziel. Ich freue mich vor allem auf den ersten Teil der Strecke, der uns, vorbei am Erciyes Dağı, über Develi führen wird. Die Straße ist, abgesehen von ein paar Traktoren, praktisch leer. Wir passieren ein armenisches Geisterdorf, halten immer mal wieder für ein paar Fotos an. Als uns ein Bauernpaar zum dritten Mal mit ihrem Trecker überholt, müssen sie auch grinsen. Ich meinte, die Strecke zu kennen, irgendwie führt uns das Navi heute aber doch ein wenig anders. Aber das erweist sich als Glücksfall, denn wir meinen, dem Erciyes Dağı, dem erloschenen und immerhin 3917 Meter hohen Vulkan, noch nie so nahe gekommen zu sein und ihn noch nie so prächtig gesehen zu haben. Weiterer Grund für ein paar Fotostopps, besonders schön werden die Aufnahmen von einem Storchennest vor dem noch schneebedeckten Berg. Am Ortsausgang von Şahmelik nehme ich im Augenwinkel ein paar interessante Grabsteine wahr. Ich drehe um und halte an der Mauer eines augenscheinlich sehr alten Friedhofs. Die Grabsteine und Sarkophage sind mit ungewöhnlichen Ornamenten verziert, spätere Recherchen ergeben, dass es sich um Gräber aus römischer, byzantinischer und seldschukischer Zeit handelt.
Beim Dörfchen Saraycık machen wir Rast, genießen die langsam wärmer werdende, klare Luft. Kurz drauf, bei einem weiteren Fotostopp, erblicken wir ein Pärchen auf ihren Fahrrädern. Die beiden jungen Belgier sind auf dem Weg nach Indien. Wir tauschen Tipps aus, sind erstaunt über ihre Feststellung, dass Bosnien-Herzegowina für sie das bislang gastfreundlichste Land auf der Strecke gewesen sei. Interessant auch, einen Blick auf ihre Ausrüstung zu werfen: einerseits extrem auf Gewichtsersparnis getrimmt, haben sie sich bei den Rädern doch lieber für eine vielleicht nicht ganz so moderne, dafür aber wesentlich robustere Ausführung entschieden. Wir weisen sie noch auf ein hethitisches Relief hin, das sich direkt am Straßenrand befinden soll, und lassen sie sich dann weiter den Berg heraufquälen. Zwei-, drei Mal überholen wir uns noch gegenseitig, wenn wir wegen eines Stopps mal wieder zurückgefallen sind und sie sich gerade bergab rollen lassen können. Zuletzt sehen wir uns auf Höhe des besagten Reliefs, das wir aber mal wieder nicht finden. Diesmal liegt es aber daran – so erzählen uns Leute aus dem Dorf –, dass das Relief vor Jahren im Winter geborsten und dann auf die bearbeitete Seite gefallen war, weshalb man es nicht mehr sehen konnte.
Mit guten Erinnerungen passieren wir das Dorf Doğanbeyli, wo wir vor Jahren überraschend zu einer Trauerfeier geladen worden waren. Jahre später, auf der Fahrt nach Syrien, sind wir hier auch langgekommen, meist hat es aber geregnet. Heute strahlt die Sonne, zudem ist die Landschaft, vor allen die 100 Kilometer vor Kahramanmaraş, einmalig, obwohl es dort über eine Autobahn geht. Kurz vor Maraş tanken wir und machen eine Rast. Der Tankwart versorgt uns großartig, vor allem, als er merkt, dass wir Türkisch können und uns im Land auskennen. So sprechen wir über die kulinarischen Spezialitäten von Maraş, wobei er uns ganz besonders die „Ekşili Çorbası“, eine leicht säuerliche Gemüse-Kräuter-Suppe ans Herz legt.
Das Hotel „Belli“, wo wir schon früher gut untergekommen waren, ist wegen Renovierung geschlossen, aber das „Germanicia“ soll auch eine gute Wahl sein. Es ist eines der wenigen Stadthotels, wo wir auch mal ein Zimmer mit Balkon bekommen – zwar zur Straße, aber immerhin. Geduscht und landfein gemacht, fragen wir den Rezeptionisten, wie wir zu dem Restaurant, das wir uns ausgeguckt haben, gelangen. Kein Problem, wir sollten den Dolmuş nehmen, der am Hotel vorbeifährt, und dem Fahrer nur das „Küçük Ev Et Lokantası“ nennen. Gesagt, getan – nach einer ziemlich ausgedehnten Stadtrundfahrt steigen wir aus und sehen das Lokal, das im Reiseführer als Top-Fleischrestaurant gepriesen wurde. Wie die meisten türkischen Restaurants dieser Art ist auch das „Küçük Ev“ eher nüchtern eingerichtet, der Blick in die Töpfe verheißt jedoch Gutes. Enttäuscht sind wir einen Moment, als wir im Suppentopf nur die übliche Yayla-Suppe erblicken. Auf meine Nachfrage, ob sie auch die typische Maraş-Suppe hätten (der Name fiel mir grad nicht ein), entgegnet der Koch „Tabii“ – „selbstverständlich“, und lüftet den Deckel eines weiteren großen Topfs, in dem die grünliche, sämige Köstlichkeit köchelt. Denn köstlich ist sie wirklich, so delikat, dass wir beide hinterher sagen, dass uns auch einige Teller dieser Suppe gereicht hätten. Aber damit hätte sich Rendel um eine weitere Gaumenfreude gebracht, denn sie nimmt heute „Pirzola“, sprich: Lammkoteletts, die besten, die sie je gegessen hat. Ich nehme „Beyti Kebap“ und bin auch hochzufrieden.
Der laue Abend lädt dazu ein, noch ein bisschen durch die Stadt zu bummeln. Während sich Rendel 2009 schon etwas umgesehen hatte, lag ich schon im Bett. Das abendliche Getümmel ist unbeschreiblich, vor allem auf dem Platz vor der großen Moschee, am Fuß der Festung. Wir laufen an kleinen Geschäften vorbei, die Tarhana anbieten, auf Stroh- oder Bastmatten getrockneter, gewürzter Joghurt, den man knabbern oder wieder in Wasser auflösen und daraus eine Suppe machen kann. Dazu kleine Straßenküchen, in denen man „Kelle Paca“ essen kann, eine weitere Suppenspezialität, zu deren Zutaten ein Schafskopf, Schafsfüße, Pansen und manches mehr gehört. Dann doch lieber Kräutersuppe … Interessiert schaue ich zu, wie die Fadennudeln für „Künefe“, diese überaus kaloriöse Süßspeise, gefertigt werden.
Einfach immer wieder ein Erlebnis für alle Sinne, am Abend durch eine türkische Stadt zu streifen. Wir sind eigentlich pappsatt, aber Rendel will endlich einmal eine der bekanntesten Spezialitäten der Stadt probieren, das „Kahramanmaraş Dondurma“. Dieses Speiseeis zeichnet sich vor allem durch seine Konsistenz aus – es ist so zäh, dass man es lang ziehen kann, eine Eigenschaft, welche die Eisverkäufer nutzen, um vor Publikum Mätzchen damit zu machen. Seine Zähigkeit verdankt das hiesige Eis vor allem der Zugabe von Salep, der getrockneten und zu Pulver vermahlenen Wurzelknolle einer Orchideenart, das als Verdickungsmittel dient. (Zum Teil wird dafür auch Mastix verwendet.) Zudem wird zur Dondurma-Herstellung auch Ziegenmilch eingesetzt, was Rendel durchzuschmecken meint.
Zwar wird die Zeit noch nicht wirklich knapp, aber da wir noch ein paar Tage im Bereich der Ägäis eingeplant haben, müssen wir uns für die nächsten Tagen zwischen Tunceli und Kemaliye entscheiden – die Wahl fällt auf letzteren Ort. Zunächst wollen wir jedoch noch in die Gegend um den Nemrud Dağı; mit geschätzten 200 Kilometern steht uns also kein allzu heftiger Fahrtag bevor.
Wir verabschieden uns im Hotel, wobei ich mich noch an den Kellner erinnere, der uns 2009 im Restaurant des „Belli“ bedient hatte und der jetzt hier arbeitet. Er hat seine Jugend in Nürnberg verbracht und ist dann in die Heimat zurückgekehrt. Auch er kann sich erinnern und wünscht uns „Güle, güle!“
Schnell fädeln wir uns aus der Stadt heraus, es dauert jedoch einige Zeit, bis wir alle die Gewerbe- und Wohngebiete an der Peripherie vollends hinter uns gelassen haben (Kahramanmaraş hat gut eine Million Einwohner). Der erste Teil der Strecke ist nicht übermäßig spektakulär, erst ab Gölbaşı und dem gleichnamigen See wird es wieder richtig schön.

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Unerwartete Pracht, ein schwarzer Vogel und jede Menge Händeschütteln

Perrhe/Karakuş Tepe/Cendere-Brücke/Arsameia

Für den Weg zu unserem heutigen Tagesziel, der Cendere-Brücke bei Kâhta, wünsche ich mir noch einige interessante Zwischenstopps. Für den Karakuş Tepe habe ich mich schon zu Hause entschieden, aber da gibt’s doch sicher noch mehr. Schon früher hatte ich den Finger auf der Landkarte schon mal auf den Eintrag „Perrhe“ gelegt, konnte dazu jedoch nichts Aussagefähiges finden, selbst der „Kleine Pauli“, Standardnachschlagewerk der Altertumswissenschaft, schweigt sich aus. Aber okay – die Strecke sollte heute fast genau daran entlangführen, selbst, wenn es sich als nicht so toll erweisen sollte, wäre es kein Umweg. Dabei sollte sich Perrhe als eine der großen Überraschungen und Entdeckungen dieser Reise herausstellen.
Wir halten also auf Adıyaman zu, in dessen Stadtgrenzen sich die antike Stätte befinden soll. Wirklich erhalten ist nur noch die weitläufige Nekropole, aber die hat es in sich. Nekropolen sind im Prinzip große Friedhöfe, jedoch mit der Eigenart, dass die einzelnen Gräber bzw. Grabmäler mehr oder weniger aufwändig gestaltet sind, das Ganze also manchmal tatsächlich einer Totenstadt („nekro-polis“) ähnelt. Diese hier wirkt wie komplett aus dem flachen Felsrücken herausmodelliert. Darin ähnelt sie im Prinzip manchen Stätten in Kappadokien, jedoch ist das Material hier kein weicher Tuff, sondern harter, scharfkantiger Fels. Zudem finden sich in anderen Nekropolen vergleichbarer Größe häufig auch einzeln stehende Sarkophage, so etwa in Termessos oder Hierapolis (bei Pamukkale). Das gibt es in Perrhe auch, aber selten, die Stätte hat einen ganz eigenen Charakter. Forscher gehen davon aus, dass der Bereich von späthellenistischer (1. Jh. v. Chr.) bis in die frühbyzantinische Zeit (6./7. Jh. n. Chr.) als Grabstätte benutzt wurde.
Wer also von Westen kommend in Richtung Nemrud unterwegs ist, der sollte den Stopp einplanen. Die Stätte wird jetzt erst für ein breiteres Publikum erschlossen, als wir ankommen, wird gerade letzte Hand an den Eingangsbereich gelegt. Wir dürfen trotzdem rein und kriegen uns zunächst gar nicht ein, so schön wirkt die Nekropole von Nahem. Einige Stunden klettern wir über das Gräberfeld und tun uns auch einen Rundgang um das Gesamtareal an. Das ist zum Glück erschlossen worden, sodass man die ganze Zeit über einen holzbeplankten Weg gehen kann. Nur Wasser hätten wir mitnehmen sollen! Schließlich sind wir wieder am Ausgangspunkt, fahren ein paar Meter zu einer Tankstelle, wo wir, beraten von den Tankwarten, die weitere Strecke planen. (Dass mir einer der Jungs mittels des Übersetzungsprogramms auf seinem Handy klarmacht, dass er Fan von „Baiern Münih“ sei und der BVB zu den Verlierern zählt, fällt unter die unschöneren Urlaubserlebnisse.)
Perrhe war ja nur Zwischenstation auf dem Weg zu unserem eigentlichen Tagesziel, der Cendere-Brücke. Wohl hundert Mal habe ich mich zu Hause über die Landkarte gebeugt und gedacht: „Warum sind wir seinerzeit, als wir zum Nemrud Dağı hoch sind, nicht auch zum Karakuş Tepe gefahren?!“ Diese Säule mit dem Adler oben drauf ging mir nicht mehr aus dem Sinn. Heute sollten wir dann fast auf dem Weg dort vorbeikommen. Wir planten, vom Karakuş Tepe noch kurz zur Cendere-/Chabinas-/Septimius-Severus-Brücke zu fahren und uns dann in einem dieser unattraktiven Stadthotels, vermutlich in Kâhta, einzuquartieren.
Den Karakuş sieht man schon von Weitem, und wenn man die Richtung kennt, lässt sich sogar der Tumulus vom Nemrud Dağı am Horizont erkennen. Der Karakuş Tepe ist optisch wirklich ein Knaller. Die Säule mit dem Karakuş („schwarzer Vogel“ = Adler) ist noch komplett, das ganze Setting genial. Hier sind wir nicht ganz alleine, einige türkische Touristen finden sich auch dort ein. Angenehm ist, dass es dort oben ein kleines, schattiges Café gibt, die Hitze macht uns schon zu schaffen.
Dann also weiter zur Cendere-Brücke („Chabinas“ bzw. „Septimius-Severus“ sind alternative Bezeichnungen). Wir hätten schon die erste Abzweigung direkt über die alte römische Brücke nehmen können, gehen aber selbstverständlich davon aus, dass das verboten ist. Also über die große neue Brücke, die sich lang über das außerordentlich breite Flussbett des gleichnamigen Flusses streckt. Wegen des langen Winters führen in diesem Jahr noch viele Flüsse und Bäche Wasser, wo sie sonst meist schon ausgetrocknet sind. Von der neuen aus hat man einen schönen Blick auf die alte Brücke, die direkt vor der Schlucht liegt, aus der der Fluss kommt.
Wir fahren von der anderen Seite direkt bis zu dem Brückenende, das nur noch von einer Säule flankiert wird. Die fehlende Säule symbolisierte ein in Ungnade gefallenes Mitglied der kaiserlichen Familie und wurde auf Geheiß von Kaiser Caracalla absichtlich zerstört.
Nach einem kurzen Rundgang spricht mich ein ca. 40-Jähriger auf Deutsch an, die üblichen Fragen nach dem Woher, Wohin. Kurz vorher hatte ich noch zu Rendel gesagt: „Wäre es nicht schön, wenn wir, statt in so einer stickigen Flohbude, an der Cendere-Brücke ein lauschiges Quartier fänden?“ Mein Gegenüber fragt dann auch, wo wir zu schlafen gedenken … Und tatsächlich: Ömer (so heißt er) hat einen Cousin – und der betreibt, neben dem kleinen Ausflugscafé, direkt am Hang zwischen Brücke und Schlucht, eine kleine Dreizimmerpension! Die müssen wir uns gar nicht erst anschauen, ich frage nur noch, ob es auch Bier und was Gutes zu essen gäbe: Nachdem beides bejaht wurde, sind wir handelseinig und überglücklich.
Von den drei Zimmern ist nur eines hergerichtet, aber das reicht. Die einzige Dusche ist quasi als viertes Zimmer daneben gebaut, zum Klo müssen wir noch ein paar Stufen hoch, natürlich die Hock-Variante ohne Klopapier, dafür mit Wasserhahn und Schöpfgefäß.
Die Brücke ist ein recht stark frequentiertes Ausflugsziel, bis zum Einbruch der Dunkelheit gibt es ein Kommen und Gehen, Kleinbusse mit zumeist türkischen Touristen, die auch das Café und das Klo nutzen.
Wir haben uns eingerichtet, einen Abendessenstermin ausgemacht – und wollen zunächst Ömers Vorschlag nachkommen, im Fluss zu baden! Einige Jungs machen es uns vor, Rendel macht für uns den Anfang. Erst waten wir einige Meter in die Schlucht hinein, die Strömung ist aber zu stark, um noch weiter hineinzukommen. Das Wasser hat 14°C, entsprechend lange dauert es, bis wir „drin“ sind (Rendel züchtig mit T-Shirt über dem Bikini, wollen ja keinen Anstoß oder übermäßige Aufmerksamkeit seitens der Dorfjungen erregen). Auf jeden Fall können wir uns die kalte Dusche zur Erfrischung heute sparen.
Während Rendel sich um die Wäsche kümmert, klettere ich oberhalb der Pension auf den Felsen, der einen atemberaubenden Blick in die Schlucht bietet.
Nachdem die letzten türkischen Touristen abgefahren sind, setzen wir uns ins Café. Das Bier ist gut versteckt im Kühlschrank hinter den Limoflaschen gelagert. Einer der Burschen kann wohl kochen, und tatsächlich zaubert er uns einen fantastischen Salat und eine Art Saç Kavurma (die Kurden hier nennen es anders, ist aber dieses Fleisch-Gemüse-Geschnetzelte, das in einer flachen Eisenpfanne zubereitet und serviert wird). War nur etwas sehr (sehr!) scharf.
Ich spreche Ömer auf die überall zu lesende Geschichte an, dass die Brücke vor einigen Jahren zusammengebrochen sei, nachdem sie ein überladener LKW verbotenerweise überqueren wollte. So steht es etwa im deutschen Wikipedia-Artikel; der englische weiß nichts davon. Ömer ist auch schon oft darauf angesprochen worden, aber auch er sagt, dass niemand im Dorf von solch einem spektakulären Vorfall wisse. Entsprechende Literatur besagt lediglich, dass die Brücke – nach Errichtung der neuen – im Jahr 2002 gesperrt und dann restauriert wurde.
Abgesehen von den Touristen bekommen wir hier keine Frauen zu Gesicht, lediglich ein kleines Mädchen, vielleicht acht Jahre alt, ist emsig dabei, die Klos sauber zu halten.
Das Tagesgeschäft im Café regeln ein paar nette Halbwüchsige. Im Rahmen einer Art Friedensdemo sollen Tauben fliegengelassen werden. Einer der Jungs übt schon mal, wobei ich ein schönes Bild machen kann, wie die Taube gerade seine Hände verlassen hat.
Die Nächte hier werden durch nichts gestört, das sanfte Flussrauschen wiegt einen in den erholsamen Schlaf.
Am nächsten Morgen machen wir erst einmal ein paar Fahrfotos auf der an sich gesperrten Brücke, woran niemand Anstoß nimmt. Dann machen wir uns auf nach Arsameia. Die ganze Gegend gehört zum Einzugsgebiet des Nemrud Dağı-Nationalparks. Die noch erhaltenen Artefakte weisen zum Großteil auf die Kommagene-Könige zurück, also in die Zeit vom 2. Jahrhundert v. Chr. bis zum Anfang des 1. Jahrhunderts nach Christus. Am bekanntesten ist natürlich der Nemrud-Tumulus an sich, aber auch der schon erwähnte Karakuş Tepe stammt aus dieser Epoche und stellt ebenfalls ein großes Grabmal dar.
Heute soll es also nach Arsameia am Nymphaios gehen (nicht zu verwechseln mit dem etwas weiter östlich gelegenen Arsameia am Euphrat, heute „Gerger Kalesı“). Auf den Serpentinen dorthin kommen wir zunächst an einer höchst beeindruckenden Burganlage, der Yenikale, vorbei. Der ganze, sehr exponiert liegende und weitläufige Komplex ist leider derzeit nicht von innen zu besichtigen, die Anlage ist wegen Restaurierungsarbeiten komplett eingerüstet. Wir beschränken uns auf Fotos von außen, während wir fotografieren kommen wir mit einem netten Hirten ins Gespräch (wieder sind wir für unsere Türkischkenntnisse sehr dankbar, ohne die eine Kommunikation hier auf dem Land kaum denkbar wäre).
Das Gelände von Arsameia betritt man über einen beschrankten Eingang, man ist dann schon auf dem Gebiet, auf dem auch der Nemrud gelegen ist, nur eben von Südwesten aus. Wir parken an einem Teehaus, von hier startet der Rundgang. Nach kurzer Zeit treffen wir auf eine Stele, die so platziert ist, dass sie das weite Tal überblickt. Die Stele ist etwas mehr als mannshoch, in vertikaler Richtung halbiert, die andere Hälfte ist noch nicht gefunden worden. Der verbliebene Rest stellt den Sonnengott Mithras dar und ist wohl Teil einer sogenannten „Dexiosis“. Diese Art von „Shakehands“-Darstellung, meist zwischen einem Gott und dem jeweiligen irdischen Herrscher, findet sich hier gehäuft, ansonsten eher selten in der antiken Welt (wenn auch nicht gänzlich unbekannt).
Vorbei an ähnlichen Abbildungen gelangen wir schließlich zu der interessantesten und besterhaltenen Sehenswürdigkeit, wieder so eine Dexiosis, bei der der Kommagenekönig Mithridates oder Antiochos dem nackten und mit einer Keule bewehrten Herakles die Hand reicht. Imposant auch die gut erhaltene Inschrift an der Felswand unterhalb, die auf Griechisch von der Errichtung der Anlage erzählt und Anweisungen für Kulthandlungen gibt. Zudem findet sich dort der Eingang zu einem fast 200 Meter langen Tunnel, dessen Zweck nicht bekannt ist. (Die Freilegung des Tunnels erfolgte übrigens mit sachkundiger Unterstützung von Bergleuten aus dem Ruhrgebiet.)
Wir steigen noch etwas höher und gelangen an den Gipfel des Hügels. Überall finden sich eher unspektakuläre Überreste, umso beeindruckender ist die Rundum-Aussicht, unter anderem blicken wir auf die Rückseite der besagten Yenikale, deren Ursprünge jedoch jünger sind, wohl aus mamelukischer Zeit, also etwa aus dem 11. Jahrhundert.
Das Klettern hat uns ganz schön geschafft, am frühen Nachmittag treffen wir wieder an der Cendere-Brücke ein. Viel Zeit zum Ausruhen bleibt uns nicht, denn Ömer hat noch etwas mit uns vor.
Etwas später brechen wir also mit einem Auto auf, zunächst soll es zu einer eher unbekannten Festung gehen. Das letzte Stück Weg ist so schlimm, dass wir uns fragen, wie man seinem PKW das freiwillig antut, Rendel räsoniert darüber, ob sowas mit dem Motorrad überhaupt zu schaffen sei (wäre es …)
Gerade aus dem Wagen ausgestiegen, hält in dieser verlassenen Gegend tatsächlich ein mit „Okul Taşıtı“ beschriftetes Fahrzeug, also ein Schulbus. Die drei Kinder begleiten uns ein paar Meter, das Mädchen ist quasi inmitten der spärlichen Ruinen zu Hause, dort hat die Familie ihr Häuschen gebaut. Zunächst fällt an dem Hauptgebäude der Ruine ein riesiges Banner auf, das ein überlebensgroßes Porträt von Recep Tayyıp Erdoğan trägt. Nicht ganz ungewöhnlich in der Türkei, zumal in Wahlkampfzeiten, aber hier befinden wir uns in hundertprozentigem Kurdengebiet. Ömer, „RTE“ gegenüber ansonsten eher kritisch, gibt zu, dass er für die Kurden eine Menge bewirkt hat. (Kurz vor uns hatte Erdoğan dem Dorf an der Cendere-Brücke einen Besuch abgestattet – Hochbetrieb für das Café, denn dafür sollen alleine 900 Mann an Sicherheitskräften abgestellt worden sein.)
Nur für die Ruinen von Direk Kale hat der Ausflug nicht gelohnt, trotzdem ist es sehr interessant. Man merkt, dass Ömer, wiewohl seit Langem in Österreich lebend, hier aufgewachsen und ein echter Naturbursche ist. Im Vorbeigehen zeigt er uns die verschiedenen Nuss-, Pistazien- und Obstsorten, die hier gedeihen. Besonders interessant finde ich einen Busch mit Beeren, die Ömer als „blaue Kaffeebohnen“ bezeichnet. Diese würden nach dem Ernten nur getrocknet und, ohne sie zu rösten, vermahlen. Das Ganze ergäbe einen köstlichen Kaffee. (Konnte ich im Nachgang leider nichts zu finden.)
Zum Abschied kommt noch das Mädchen aus dem Haus und kredenzt uns selbstgemachten Ayran, eine sehr liebenswürdige Geste Fremden gegenüber (leider mag ich keinen Ayran). Auf dem Weg zum Auto winkt uns eine junge Frau zu. Wir warten auf sie und sie fängt an, Rendel zu herzen und sich dann ihren Zehen zu widmen. Das Mädchen ist geistig behindert, wir werden nicht schlau daraus, warum sie die ganze Zeit Rendels Zehen befingert. Diese Begegnung wirft bei uns die Frage auf, welches das bessere System ist: derart Behinderte in „Einrichtungen“ zu geben oder, wie hier, einfach in der Dorfgemeinschaft „mitzunehmen“.
Auf das, was jetzt kommen soll, habe ich mich den ganzen Tag gefreut: Am, von der Cendere-Brücke aus gesehen, anderen Ende der Schlucht ins Wasser und dann bis zur Brücke schwimmen! Leider sagt Ömer, der auch seine Badehose dabei hat, die Sache auf den letzten Drücker ab. Wegen des langen Winters und der entsprechend späten Schneeschmelze ist die Strömung im Fluss noch zu stark, sie könnte uns über die im Wasser liegenden Felsen schleifen. Schade, aber wir hoffen, dass es ein „nächstes Mal“ geben wird. So beschränken wir uns darauf, die Schlucht noch etwas zu begehen, kommen unter anderem an der Stelle vorbei, an der Steine für die Cendere-Brücke gebrochen wurden.
(Zwischenzeitlich ist Ömer etwas aufgetaut, erzählt uns etwas von sich und seiner Zeit in Österreich, unter anderem von seinen sprachlichen Startschwierigkeiten:
Frisch in Österreich, aber ausgestattet mit Grundkenntnissen der deutschen Sprache, ging er zu einer Ärztin. Die drückte ihm einen Becher in die Hand mit der Aufforderung, eine Harnprobe abzugeben, woraufhin unser Bekannter nachfragte: „Oben oder unten?“ Zwar irritiert, antwortete die Ärztin doch: „Natürlich unten!“ – Ab aufs Klo, wo sich unser Bekannter dann etliche Schamhaare ausriss, die er der Ärztin präsentierte. Harnprobe – Haarprobe …
Zweite Episode: Er arbeitete in einem Supermarkt, als ihn eine Kollegin aufforderte, sich Handfeger und Kehrblech zu schnappen, um draußen etwas zusammenzukehren. Als er nach einer halben Stunde noch nicht zurück war, ging sie raus: „Wie sieht’s aus? Fertig?“ – „Nein, ich warte auf dich. Wir wollten doch zusammen kehren!“)
Als wir wieder in der Unterkunft eintreffen, belagert eine Touri-Gruppe das Café – Mitglieder eines Moscheevereins aus Weil am Rhein. Die Armen werden auf einer Gewalttour durch die Sehenswürdigkeiten der Gegend gescheucht.
Nach dem wiederum leckeren Abendessen gesellen sich einige Dörfler zu uns, unter anderem jemand, den alle mit „Hoca“ anreden – der pensionierte Dorflehrer. Sie befragen uns, sind besonders beeindruckt von unseren letztjährigen Erlebnissen mit der PKK (wobei sie sich besorgt erkundigen, ob man uns auch gut behandelt hätte). Interessant und traurig zugleich sind die Berichte eines der jüngeren Männer, er wirkt wie gerade zwanzig. Er – zur Erinnerung: Kurde – hat bis vor Kurzem Wehrdienst in Yüksekova, also im Grenzdreieck Türkei-Iran-Irak geleistet. Dass er dabei bisweilen auf kurdische Volksgenossen schießen musste, hat ihn sichtlich mitgenommen.
So hat sich ein Aufenthalt, der nur als kleiner Zwischenstopp geplant war, als echter Höhepunkt erwiesen, so schön, dass wir nach Möglichkeit nochmal dorthin wollen.

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Vorsicht! Steinschlag!

Kemaliye/Taş Yolu/Suşehri

Heute soll es also noch einmal nach Kemaliye gehen. Das kleine, ehemals armenisch geprägte Städtchen am Euphrat hat es uns so angetan, dass wir es schon zum dritten Mal ansteuern. So schön sie ist, aber nur wegen der Stadt würde der Anfahrtsweg nicht lohnen, aber sie liegt direkt am südlichen Eingang zur Taş Yolu, und die ist nun wirklich ein Leckerbissen – für Motorradfahrer im Besonderen, aber auch für Naturliebhaber. Für den kürzesten Weg müssen wir zurück nach Adıyaman, die Strecke biegt genau an der Ecke ab, an der sich das vor einigen Tagen besuchte Perrhe befindet. Wir halten auf Malatya zu und orientieren uns in Richtung Arapgir. Dort waren wir vor einigen Jahren beide fast gleichzeitig auf zentimeterhoch aufgebrachtem flüssigem Teer gestürzt. Zwar gibt es auch hier überall Straßenbauarbeiten, aber in der unwegsamen Gegend braucht das seine Zeit. Somit setzt kurz hinter Arapgir eine der landschaftlich und fahrerisch schönsten Strecken der gesamten Türkei ein. Wir machen eine Rast und hin und wieder fährt einer von uns vor, damit der andere ihn aus der Ferne und vor grandioser Kulisse fotografieren kann.
Wir haben uns auf das Hotel „Yeşil Eğin“ gefreut, auf das Zimmer mit dem Euphrat-Blick. Leider ist das völlig ausgebucht, auch das Schwesterhaus gegenüber kann uns nur für eine Nacht beherbergen. (Wir hatten uns nicht angemeldet, und die beiden kleinen Hotels sind, zumal am Wochenende, schnell belegt.)
Rendel macht also wenigstens die eine Nacht klar, wir rödeln schnell ab und ich mache mich, angesichts der Tatsache, dass wir morgen zwangsläufig weiter müssen, noch zu einer Fotorunde auf. Ich will die unasphaltierte Straße, die am gegenüberliegenden Euphrat-Ufer verläuft, mal genauer erkunden. Auch diese Strecke führt zunächst durch einige roh aus dem Fels gehauene Tunnel, läuft dann genau gegenüber von Kemaliye oberhalb des Euphrats lang, um sich dann irgendwann vom Fluss zu lösen. Theoretisch müsste man dann irgendwann im Bereich des Munzur-Nationalparks, also bei Ovacik/Tunceli landen. Aber selbst, wenn das von der Straßenbeschaffenheit möglich wäre, würde es mindestens einen halben Tag in Anspruch nehmen, zu viel nach so einem langen Fahrtag. Aber schon das Stück bis dahin, wo sich der Weg vom Euphrat löst, ist mehr als genial! Ich baue endlich mal meine Action-Kamera an und filme die spektakuläre Rückfahrt nach Kemaliye. Besonders interessant ist der Moment, wo ich in einem der unbeleuchteten Tunnel auf eine Gruppe Rinder treffe – eine Begegnung der unheimlichen Art, wohl für beide Seiten.
Vorteil des anderen Hotels sind die wesentlich größeren Zimmer, wir können uns also ausbreiten, bevor wir im Hotelrestaurant essen.
Notgedrungen machen wir uns also schon am nächsten Morgen auf, tanken und halten auf den ersten Tunnel der Taş Yolu zu. Auch hier wird – abwechselnd an meinem oder an Rendels Mopped – die ActionCam montiert, einige Sequenzen filmen wir mit der Fotokamera. (Das Ergebnis kann man sich unter „Videos“ anschauen.) Rendel hatte schon nach dem letzten Mal gesagt: „Nie wieder!“, dem Umstand, dass sie doch wieder dabei ist, entnehme ich, dass auch sie niemals nie sagen sollte … Ich muss jedoch zugeben, dass die Strecke diesmal fordernder ist als in den Vorjahren. Ein Motorradbekannter, den ich im Frühjahr auf die Taş Yolu gebracht hatte, schrieb, dass er die Strecke bei Regen fahren musste und dass das Wasser ziemlich zu Werk gegangen ist. Viele Felsbrocken auf der Strecke sind freigespült, viel rutschiges Geröll, wobei die Fahrbahnbeschaffenheit schon so nicht „ohne“ ist, dazu die Enge, der Abgrund auf der einen Seite und die vielen Kurven. (Die Seite www.dangerousroads.org beschreibt die Taş Yolu allen Ernstes so: „Kemaliye Taş Yolu is one of the most extreme roads in the world. Located in the Eastern Anatolia region of Turkey, this hand made road is extremely challenging, with drops of hundreds of meters unprotected by guardrails and several tunnels, more dangerous than the famous Guoliang Tunnel.“ – So sehr ich uns die Ehre anrechnen würde, diese wahnsinns-super-megagefährliche Strecke gefahren zu sein: Das ist dann, so schön und spektakulär sie ist, doch etwas – etwas! – übertrieben!)
Auf den letzten Metern der Taş Yolu wird Rendel dann auch leicht panisch, was ich verstehen kann, denn auch ich fühle mich ziemlich gefordert. Ausgangs der Strecke wird massiv Straßenbau betrieben. Wir finden uns auf einer schier endlosen Baustraße wieder, Staub ohne Ende, dazu haben wir, trotz Navi, keinen Plan mehr, wo wir hinmüssen. Irgendwo haben wir den unscheinbaren Abzweig nach Divriği verpasst, zwar finden wir einen Wegweiser nach Sivas, aber dem zu folgen, würde einen Umweg von fast 200 Kilometern bedeuten. Leise fluche ich vor mich hin. Wir haben erst 25 Kilometer hinter uns, noch ein ganzes Stück vor uns, schlucken wegen der LKW Staub. Eine echte Motivationshilfe in Form eines anstrebenswerten Ziels fehlt uns heute auch, denn wir wissen nur, dass wir heute möglichst weit Richtung Norden und da eine möglichst schöne Unterkunft finden wollen.
Schließlich kann ich das Navi so deuten, dass wir zumindest wieder in der richtigen Richtung sind. Tatsächlich stoßen wir dann auf eine Hauptstraße, die in Richtung Divriği führt. Zumindest entschädigt uns die Strecke bis dort vorläufig für den geschluckten Staub. Auf den ca. 60 Kilometern kommen uns nur eine Handvoll LKW entgegen, die gut ausgebaute Bergstrecke fährt sich genial, so, dass man hin und wieder diesen „Flow“ verspürt, dieses Hochgefühl, das sich einstellt, wenn man meint, mit der Umgebung eins zu sein und dass alles „wie von selbst“, ohne Anstrengung und völlig rund läuft. Das eigentlich sehenswerte Divriği (Stichwort: „Divriği-Moschee und Krankenhaus“, türkisch Divriği Ulu Camii ve Darüşşifa; UNESCO-Weltkulturerbe) lassen wir diesmal im Wortsinne links liegen und halten uns Richtung Zara.
Immer noch unschlüssig, was an diesem Tag unser Ziel sein soll, halten wir unbeirrt die Richtung. Bis zur Schwarzmeerküste ist es heute nicht mehr zu schaffen, am Südhang des Küstengebirges sind ein paar kleine Seen – vielleicht eignet sich das ja als nettes Quartier. Aber zunächst ist Durchhaltevermögen gefragt. Hinter Divriği erst noch angenehm, leicht kurvig, die Sonne scheint. Dann jedoch wird die Strecke äußerst öde, es wird diesig, kurz vor Zara lichtet sich der Dunst wieder. Ausschilderung und Navi widersprechen sich, doch zum Glück scheinen die Insassen eines Jandarma-Fahrzeugs unsere missliche Lage zu ahnen. Der Offizier – nach den Schulterstücken zu urteilen im Rang eines Hauptmanns – kommt auf uns zu, begrüßt uns freundlich mit Handschlag und erklärt uns dann den Weg. Wir haben uns für Suşehri entschieden, wohl eher ein Kaff, aber mit zwei Hotels. Die Stimmung hebt sich, als die Gegend wieder sehr schön wird; wir halten an einem reißenden Bach, der sich malerisch unter einigen Felsbögen hindurchschlängelt.
Mangels Kriterien halten wir einfach auf das erste Hotel zu, das „Su Vadi“, Wassertal. Die paar guten Bewertungen im Netz müssen gekauft sein. Dem Gesicht des Rezeptionisten nach zu urteilen, muss wohl ein Preis für den brummigsten Mitarbeiter des Monats ausgelobt worden sein. Immerhin legt er uns nahe, die Motorräder in der Lobby unterzustellen, was wir aber doch nicht tun. Die Zimmer sind okay, jedoch bin ich mir nicht ganz im Klaren, wie die auf den Nachttischchen verschraubten Lampen zu verstehen sind.
Kulinarisch wird der Ort nicht viel zu bieten haben; Rendel schaut sich ein wenig um, Fazit: Hier möchte man nachts nicht tot über dem Zaun hängen. Immerhin bringt sie doch einen Tipp mit, wo man vernünftig essen kann. Bei leichtem Nieselregen machen wir uns auf, steigen dann aber in ein Taxi, das uns zu einem Restaurant bringt. Ein bisschen seltsamer Laden, das „Aspasya Sosyal Tesisleri“, es scheint in kommunaler Trägerschaft zu sein. Der Rundbau hat optisch was von Diskothek, zumindest ist die Musik drinnen entsprechend laut, so laut, dass wir unseren Sitzplatz wechseln. Rendel bestellt was Fischiges, ich halte mich an einen Burger mit Fritten – keine kulinarischen Offenbarungen, aber doch ganz lecker.
Zwischenzeitlich hat sich draußen ein heftiges Gewitter zusammengebraut. Die Kassiererin am Ausgang (so, wie das oft in türkischen Restaurants gehandhabt wird) befragen wir noch, ob es hier denn nichts zu sehen gäbe. Wir hatten gedacht, dass es doch zumindest am nahegelegenen See irgendwas Nettes gäbe, aber Fehlanzeige. Doch heute wäre wegen des Wetters eh nichts mehr drin gewesen, und morgen wollen wir ja weiter. Also lassen wir den Taxifahrer noch an einem Tekel-Shop halten, bunkern ein paar Efes, dann ab aufs Zimmer.

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Osmanisches Selfie und eine unruhige Nacht

Amasya

Es kommt zwar selten vor, aber so einen unspektakulären Übernachtungsstopp müssen wir eben auch mal einkalkulieren. Dafür ist das nächste Ziel vielversprechender, wenngleich wir dort schon drei Mal waren: Amasya, die – ich muss es immer wieder schreiben – „schönste Stadt Zentralanatoliens“. Wir starten im leichten Dunst und müssen uns auch schon bald wärmer anziehen, denn es geht nochmal bergauf und mit der Temperatur bergab – lange Zeit nicht über 11°C. Aber bis Amasya sind es nur gut 200 Kilometer, kurz vorher klart es auch etwas auf. Eigentlich sollte es fast Ehrensache sein, wieder in der „Melis Pension“ abzusteigen, das kühle Wetter spricht jedoch dagegen. Dann hätte nämlich obligatorisch dazu gehört, abends hoch über der Stadt im „Ali Kaya“ zu speisen, was bei den Temperaturen jedoch nicht opportun erscheint. Zudem habe ich eine vielversprechende Empfehlung gefunden – das „Taş Han“, ein osmanisches Gasthaus aus dem 17. Jahrhundert, fast gegenüber der großen Moschee, direkt an der Straße, aber in der Beschreibung war von guter Schallisolierung und einer Ausrichtung der Zimmer auf den großen Innenhof die Rede. Wir finden das Haus auf Anhieb, ich bleibe bei den Moppeds, während Rendel nach einem Zimmer fragt. Während ich warte, trifft ein wahlkämpfender Kommunalpolitiker mit seinem Tross ein, auch mir drückt man eine Broschüre in die Hand. Dann taucht Rendel auf und bedeutet mir mit nach oben gerichtetem Daumen, dass alles klar ist.
Der Kasten scheint wirklich von der besseren Sorte zu sein, selbst ein Treppenlift für Gehbehinderte ist vorhanden. Die Zimmer sind auf einer Art umlaufender Galerie im ersten Stock rund um den riesigen Innenhof gruppiert, überall Sitzecken, alles blitzeblank. Erster Wermutstropfen ist das recht kleine, im Grunde fensterlose Zimmer. Zwar gibt es ein Fenster, aber das weist in den Innenhof, schließen kann man es nicht, denn auf der Fensterbank steht die Klimaanlage. Die ist auch nötig, denn im Zimmer ist es heiß und stickig. Also erstmal auf „Full“ eingestellt, was mächtig Zug und Lärm macht. Wenn wir das Ding ausschalten, wird es gleich wieder warm, durch das offene Fenster dringt Lärm nach oben. Rendel hat Kopfschmerzen, wir sind beide ein wenig gereizt, Enttäuschung macht sich breit. Zwar ist das Hotel an sich wirklich schön, aber was nutzt ein vergoldetes Waschbecken, wenn man keine Ruhe findet? Ich sehe mich ein bisschen um: Die meisten Zimmer sind in dieser Art, ein paar haben ein Fenster nach draußen, aber dann hat man es eben mit dem Straßenlärm zu tun. Rendel beschwert sich an der Rezeption, der freundliche junge Mann scheint nicht zum ersten Mal mit dem Problem konfrontiert zu sein, weiß aber auch keine Abhilfe. Zudem ist für den Abend Live-Musik angekündigt, mit der aber um 22 Uhr Schluss sein soll.
Wir versuchen, das Beste aus der Situation zu machen, haben uns aber schon entschlossen, nur eine Nacht zu bleiben. Zum Glück entschädigt Amasya für vieles. Zwar sah die Speisekarte im Hotel vielversprechend aus, aber jetzt geht es zunächst nur um reine Sättigung. Ausnahmsweise gehen wir mal in den „Burger King“. Direkt gegenüber findet sich eine der neueren Attraktionen Amasyas. Das ganze Flussufer des Yeşilırmak ist von bronzenen Statuen, Denkmälern und Büsten gesäumt – meist Personen aus der Geschichte, etwa Strabon, der als einer der ersten Geografen gilt und der in Amasya geboren ist. Unter uns auf dem Bürgersteig steht jedoch eine eher witzig-ironische Figur: ein Mann in osmanischer Tracht, in der ausgestreckten Rechten ein Handy, mit dem er gerade ein „Selfie“ mit dem Fluss im Hintergrund macht. Natürlich lassen es sich die Touristen nicht entgehen, ihrerseits, mit der Statue im Hintergrund, ein Selfie zu machen. Wirklich witzig anzuschauen ist jedoch die Gruppe von voll verschleierten Damen, die sich zu diesem Zweck dort aufbaut. Das werden dann eher anonyme Selfies, weil man die Frauen in ihrer schwarzen Einheitstracht, alle bis auf die Augen verhüllt, kaum auseinanderhalten kann.
Wir flanieren am Fluss entlang, entdecken immer noch nette kleine Ecken, die wir bislang übersehen haben. Nachdem wir einige Male an einem kleinen, improvisierten Teehaus, das augenscheinlich von einem jungen Mann betrieben wird, vorbeigegangen waren, nehmen wir jetzt auf den niedrigen Höckerchen Platz. Wir kommen mit dem jungen Mann ins Gespräch, der uns einen Tee nach dem anderen serviert. Schließlich muss er den Platz wohl räumen, schiebt seine Höckerchen zusammen. Als er gerade in seinem Büdchen verschwinden will, rufe ich ihm zu, dass ich zahlen möchte, was er damit quittiert, dass er mir, ohne sich umzudrehen, die offene Handfläche zeigt. Ich deute das richtig – wir waren eingeladen. Nicht unüblich, angesichts der wohl eher bescheidenen Einkommenssituation des jungen Manns jedoch eine schöne Geste.
Das Hotelrestaurant füllt sich, eine Gruppe von Geschäftsmännern widmet sich ausgiebig einer Rakı-Tafel. Eine wohl 100-köpfige Gesellschaft steht von ihren Plätzen auf und applaudiert einem alten Mann, der am Stock geht. Wir vermuten eine Geburtstagsfeier, aber es ist wohl eine Art Incentive-Veranstaltung, der alte Herr scheint der Firmenpatriarch zu sein.
Zum Glück hält wenigstens das Essen, was die Karte versprach, auch der Service ist makellos. Wenn ich auch befürchte, dass der „Tokat Kebap“, den sie oben auf dem Hügel bei „Ali Kaya“ servieren, nicht zu toppen ist, bestelle ich diese Spezialität. Eine Enttäuschung ist es nicht, man sollte sich aber vorsichtshalber mit dem näheren Umfeld absprechen, denn dazu gehören u. a. ganze Knoblauchknollen. Die Livemusik ist auch nicht schlecht, aber die „gute“ Akustik lässt uns lange nicht in den Schlaf kommen, zumal sie nicht, wie angekündigt, um 22 Uhr zu Ende ist. Auch an Ausschlafen ist nicht zu denken, morgens hört man buchstäblich jedes Besteckklappern, das beim Decken für das Frühstück entsteht.
Wirklich schade, dass einem hier so ein Detail den Aufenthalt verdirbt, denn sonst wäre das „Taş Han“ wirklich eine Empfehlung.

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Polierte Gurken und Meerschaumpfeifen

Eskişehir

Nach der kurzen, unruhigen Nacht sind wir für die heutige Tagesetappe eigentlich nicht gut gerüstet, denn bis Eskişehir sind es fast 600 Kilometer, also nahe am Maximum, das wir schaffen können. Von Vorteil ist jedoch, dass der Großteil über die Autobahn gehen soll – und das mautfrei … Wir halten auf Ankara zu, im Blick auf den Moloch von Stadt, der sich zu unserer Rechten abzeichnet, froh, nicht dort hindurch zu müssen. Es dauert lange, bis wir die letzten Randbezirke hinter uns gelassen haben. Nachdem wir Eskişehir vor Jahren als junge, sympathische Stadt kennengelernt hatten, wollen wir uns diesmal ein paar Tage dafür Zeit nehmen. Das Hotel „Soyic“ hatte uns gut gefallen, also halten wir es mit Konrad Adenauer selig: „Keine Experimente!“ Um auf den Hotelparkplatz zu kommen, geht es mal wieder unter den Augen der „Polis“ entgegen der Fahrtrichtung durch eine Einbahnstraße, aber wen kümmert’s? Die Männer an der Rezeption erkennen uns wieder und freuen sich.
Eskişehir ist die erste türkische Großstadt (fast 700.000 Einwohner) ohne nennenswerte geschichtliche Sehenswürdigkeiten, die wir freiwillig zum zweiten Mal und diesmal für länger besuchen. Schon vor einigen Jahren fiel uns auf, wie jung und sympathisch die Stadt auf den Besucher wirkt. Das hat sicher mit den vielen Studenten zu tun, vielleicht auch damit, dass Eskişehir eine der wenigen türkischen Großstädte ist, die nicht von der AKP, sondern von der CHP regiert wird, also einer Partei, die in eher sozialdemokratischer Tradition steht und am ehesten die Prinzipien des Kemalismus vertritt (und vermutlich eine liberalere Grundausrichtung hat).
Die Stadt wird vom Porsuk-Fluss durchzogen, die beiden Ufer sind durch eine Vielzahl schön gestalteter Brücken miteinander verbunden, die zudem bei Dunkelheit noch fantasievoll bis kitschig illuminiert sind. Die Ufer sind zumeist von Rasenflächen gesäumt, auf denen sich Familien zum Picknick versammeln, Leute musizieren oder Pärchen (dezent) schmusen. Dass es sich um eine junge, von Studenten geprägte Stadt handelt, ist unübersehbar. In diesen Tagen wird ein großes Straßenmusik-Festival veranstaltet, wobei das nicht ganz stimmt, denn der Großteil der Darbietungen findet auf einer Pontonbühne auf dem Fluss statt.
Aber zunächst wollen wir mal fein lecker essen und dabei einem Tipp folgen: Das „Sish Steakhouse“ in einem Komplex namens „222“ soll eine Empfehlung sein. Wenn man durch Eskişehir schlendert, fällt einem zunächst positiv auf, dass fast der gesamte Innenstadtbereich – einschließlich der breiten Straßen – verkehrsberuhigt bzw. eine regelrechte Fußgängerzone ist, in denen lediglich die Straßenbahn und die Roller der Fastfood-Auslieferungsfahrer unterwegs sind. An diesem Abend sind unglaubliche Massen an Menschen auf den Beinen. „222“ ist ein stillgelegter Gewerbekomplex, in dessen Gebäuden sich kulturelle und gastronomische Einrichtungen einquartiert haben. Am Eingang zu dem Areal sorgen Wachleute dafür, dass sich keine ungebetenen Gäste dort einfinden – wir werden jedoch eingelassen. Das „Sish Steakhouse“ ist ein modern eingerichtetes Restaurant, erkennbar auf höherem Niveau. Schon alleine die Toiletten sind – sowohl im Blick auf die Einrichtung als auch hinsichtlich Sauberkeit – vom Feinsten.
Die Ober sind sehr beflissen, etwas mehr als angebracht – ich mag es nicht, wenn man mir ungefragt ständig nachschenkt. Aber: geschenkt! Die Karte entspricht so gar nicht einer typisch türkischen Speisekarte. Wir lieben die türkische Küche, vor allem, wenn sie sich von dem üblichen Dreiklang „Döner-Kebap-Köfte“ entfernt und regionale Spezialitäten auf den Tisch bringt. Heute ist uns aber mal nach einem richtig schönen Steak. Allein die Auslage im professionellen Reifeschrank lässt hoffen. Neben Hummus und ein paar sonstigen Vorspeisen nehmen wir kleine Filetsteaks, Rendel vom heißen Stein, ich aus der Pfanne. Ich kann nur sagen: perfekt! Störend ist nur die etwas zu laute HipHop-Musik.
Da ein Verdauungsspaziergang eh angesagt ist, genießen wir noch das abendliche Flair und mischen uns unter die Menschen, die am Porsuk entlangflanieren, hören noch ein wenig beim Straßenmusik-Festival zu. Dann wird es Zeit, denn die Blase drückt!
Der nächste Tag soll ganz dem Sightseeing dienen, zudem hat Rendel heute Geburtstag – wie seit Jahren fast immer in der Türkei. Zunächst wollen wir auf den Basar. Die Ausschilderung ist nicht ganz eindeutig, schließlich stehen wir vor einer großen Markthalle. Die Fülle orientalischer Obst- und Gemüsemärkte fasziniert wohl jeden und auch uns immer wieder neu. Dieser Markt, auf dem sowohl Hausfrauen als auch Restaurantköche einkaufen, sticht aber hervor. Zunächst einmal gibt es hier, wie in jeder deutschen Markthalle auch, alles, was Acker und Garten hergeben. Was uns aber besonders auffällt, ist der Umgang mit und die Präsentation von Obst und Gemüse: Alles – vom Salatkopf über Tomaten und Chicorée bis hin zu Kartoffeln – wird sauber geputzt und so dekoriert, dass z. B. die Stielansätze alle in dieselbe Richtung weisen. Ein Händler zeigt uns seine Gurken, die er gerade poliert hat. „Wir lieben Lebensmittel.“ Ein herrlicher Ort, von dem wir uns kaum losreißen können. Gewöhnungsbedürftig ist jedoch manches, was in der Fleischtheke ausliegt. Ich frage nach, was dieses gelblich-weiße ist, was aus der Entfernung ein wenig wie Schaffell aussieht. Es stellt sich als „İşkembe“ heraus, also Pansen, Grundlage für unsere Kuttelsuppe oder eben das türkische Gegenstück „İşkembe Çorbası“. Das Ganze dann aber noch am Stück und „auf links gezogen“.
Es ist ein Werktag, und ich frage mich, ob die Leute nichts zu tun haben. Die kleinen Cafés und Teehäuser in einer der langen Fußgängerstraßen sind zumeist voll, überall das pralle Leben. Zudem ist man eifrig dabei, die schönen Grünanlagen in Schuss zu halten. Auf einer Brücke spricht uns eine Frau mittleren Alters an, sie hatte uns deutsch reden gehört. Sie ist auch Deutsche, mit ihrem türkischen Mann ist sie für das Rentenalter in die Türkei gezogen. Sie bestätigt unseren Eindruck, dass man es in Eskişehir durchaus länger aushalten, vielleicht sogar hier leben könnte.
Wir wollen uns einen alten Stadtteil namens „Odunpazarı“ anschauen. Zwar hieß es, dass die Restaurierung der Häuser etwas unauthentisch vorgenommen wurde, aber das erschließt sich wohl nur dem Fachmann. Das Ganze zielt natürlich auf den Tourismus, entsprechend gibt es hier viele kleine Cafés und Lädchen. Berühmt ist Eskişehir für seine Produkte aus „Lületaş“, Meerschaum, der in der Gegend abgebaut wird. Manches ist einfach schöner Nippes, echte Meerschaumpfeifen von hier sind unter Pfeifenrauchern jedoch sehr geschätzt. Wer mag, kann sich vor Ort eine solche Pfeife nach eigenen Vorstellungen anfertigen lassen. Rendel kommt mit einem Meerschaumschnitzer ins Gespräch; bereitwillig gibt er über den Werkstoff und seinen Beruf Auskunft und uns eine Kostprobe seines Könnens. Und für meine Mama erstehe ich einen kleinen Meerschaum-Elefanten.
Auf dem Rückweg werden wir noch einmal auf Deutsch angesprochen – eine Türkin, die in Berlin aufgewachsen ist und nun wieder in der Türkei lebt. Wir versuchen, uns zu verabschieden, aber sie hängt sich wie eine Klette an uns, erst nach etlichen Anläufen sind wir sie wieder los.
Wir schlendern noch ein wenig durch das Basarviertel, bekommen erklärt, dass es dort ein türkisches Bad gäbe, das von heißen Quellen gespeist wird. Apropos Speise: Trotz der vielen kleinen Büdchen fällt es uns schwer, uns für einen Imbiss zu entscheiden – schließlich wird es ein Hähnchendöner direkt neben unserem Hotel.
Da Rendel ja Geburtstag hat, will sie mich heute zum Essen einladen. Zwar soll es noch einige empfehlenswerte Lokale geben, die guten Erfahrungen vom gestrigen Abend nehmen uns die Entscheidung jedoch ab. Auf dem Weg zum Restaurant kommen wir am Hauptbahnhof von Eskişehir vorbei, ein wohl älterer, doch modern wirkender, imposanter Kuppelbau.
Obwohl die Mannschaft des Restaurants von dem Anlass noch nichts ahnt, platzieren sie uns an dem einzigen mit Blütenblättern dekorierten Tisch. Dezent gebe ich dem Ober einen Tipp, Rendel bittet für diesen Abend um etwas schönere Musik, einem Wunsch, dem umgehend entsprochen wird. Nachdem der Hauptgang abgeräumt ist, verstummt die Musik für einen Augenblick, um dann mit „Happy Birthday“ wieder einzusetzen. Einige der Mitarbeiter bilden eine Polonaise, angeführt von dem Ober, der eine kleine herzförmige Torte mit aufgespritztem „Happy Birthday“ sowie ein Tischfeuerwerk serviert. Rendel ist gerührt, auch ich finde so eine spontane Aktion auch immer wieder toll.
Gut satt begeben wir uns auf den Rückweg. Auf einmal erklingt hinter uns „Tatütata“, einige Polizeimotorräder schlängeln sich durch die Fußgängerzone. Hundert Meter vor uns halten sie. Grund der Aktion: Die Cops wollten nur schnell in ihr Lieblingsrestaurant, denn dort parken die Motorräder und die Polizisten sitzen lachend an ihren Tischen.

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Entspannung pur mit der Blauen Krähe

Bozcaada

So langsam neigt sich die Reise dem Ende zu, die letzten Tage in der Türkei wollen wir mal wieder auf der Ägäisinsel Bozcaada verbringen. Die 500 Kilometer sind zu schaffen, auch wenn wir riskieren, eventuell die letzte Fähre nicht mehr zu bekommen.
Uns ist immer daran gelegen, die stark touristisch geprägten Gegenden zu meiden, was im Bereich der Nordägäis schwer möglich ist. So genießen wir noch einmal den „Abschwung“ aus den Bergen, halten auf Edremit zu. Einige Male überholt uns ein Türke auf seiner BMW, der uns freundlicherweise vor Radarfallen warnt. Ab Edremit quälen wir uns dann die Küstenstraße entlang, halten auf Ayvacık und Ezine zu, wobei es nochmal, begleitet von schönen Blicken aufs Meer, über herrliche Serpentinen geht, nur immer mal wieder von LKW ausgebremst, die sich derzeit auch noch über diese Straße quälen müssen. Aber hier ist Abhilfe in Sicht, die neue Straße ist schon in Arbeit.
Es soll unser dritter Aufenthalt auf Bozcaada werden. Die kleine Insel ist, anders, als das größere, nördlicher gelegene Gökceada, ein wirklicher touristischer Hotspot, hauptsächlich von Türken besucht, aber auch ausländische Gäste entdecken die Insel langsam für sich.
Den Fähranleger kennen wir schon, ebenso das Prozedere. Man kauft vor dem Übersetzen zur Insel ein „Roundtrip-Ticket“, das gilt dann auch für die Rückfahrt, weswegen man dann gar nicht mehr kontrolliert wird.
Irgendetwas klackert hinten links an meinem Mopped, so laut, dass es auch Rendel hört. Ein Check gibt jedoch nichts her, zu Hause ist es dann weg.
Wir haben einige Unterkünfte in die engere Wahl gezogen. Die ersten beiden Male haben wir im Ort in Pensionen gewohnt, diesmal wollen wir eher ins ruhige Inselinnere. Die Entscheidung fällt auf die Anlage „Mavi Karga“ („Blaue Krähe“). Die soll etwas südlich vom Hauptort mitten in Weinbergen liegen. Zwar kommt uns der Preis ganz schön gepfeffert vor (zumindest für türkische Verhältnisse), aber die Beschreibung klang einfach zu verlockend. Wir erreichen unter der angegebenen Telefonnummer die Eigentümerin in İstanbul, die uns bestätigen kann, dass etwas frei ist, zudem erklärt sie uns grob, wie das Anwesen zu finden ist. Schon mit etwas Ortskenntnis ausgestattet, finden wir gleich den Weg vom Fähranleger in die richtige Richtung. Leider gibt es hier keine direkten Straßennamen mit Hausnummern, wir kennen nur eine Art Flurbezeichnung. Dreimal fragen wir vergeblich, schließlich rufen wir noch einmal an und kurz drauf kommt uns ein Mann auf einem Elektroroller entgegen – Emre, der, wie wir später erfahren, zusammen mit Lütfiye, einer Frau von der Insel, die Anlage verwaltet und die Gäste betreut.
Das Fazit schon mal vorweg: Es war nicht gerade eine Enttäuschung – nein, eher wie im Paradies! Auf dem großen Gelände, das tatsächlich zwischen Wein und anderen Feldern liegt, verteilen sich vielleicht fünf bis sechs Bruchstein-Bungalows mit jeweils zwei bis drei Wohneinheiten, dazu ein Gebäude, in dem gefrühstückt wird. Emre, ein Mittdreißiger aus İstanbul, dem es dort zu laut ist, hat uns das am schönsten gelegene Häuschen zugeteilt, nicht schwer, denn wir sind, neben einem türkischen Paar, die einzigen Gäste. Unser Häuschen liegt am Rand, von der kleinen Terrasse, die wir für uns haben, schaut man aufs Meer. Die Apartments sind gepflegt, funktionell, aber auch sehr nett eingerichtet, inklusive einen kleinen Küchenecke. Lediglich ein direkter Zugang zum Meer fehlt, was wir aber nicht wirklich vermissen.
Es ist schon spät, wir richten uns schnell ein, duschen und lassen uns dann ein Taxi rufen, das uns auch in den nächsten Tagen die fünf Kilometer in der Ort und zurück bringen wird.
Bevor wir uns für eines der vielen, zumeist sehr guten Restaurants entscheiden, stromern wir noch ein wenig durch die malerischen Altstadtgassen, vorbei an der restaurierten griechischen Kirche. Die große Festung am Hafen wollen wir uns in den nächsten Tagen nochmal anschauen, heute Abend machen wir nur ein paar Fotos von außen.
Beim letzten Mal hatten wir uns auf zwei nette Restaurants „eingeschossen“, das „Battı Balık“ und das gegenüber liegende „Sandal“ („Ruderboot“). Heute geben wir mal dem auf Fisch spezialisierten „Battı Balık“ den Vorzug. Bozcaada beherbergt etliche Weingüter, die sehr anständige Tropfen produzieren. Entsprechend ist auch das Angebot in den Restaurants, zudem wissen die Betreiber auch, wie man Wein „händelt“.
Was für ein Tag! Ausklingen lassen wir ihn noch auf der Terrasse, wo man nachts außer dem klischeehaften Grillenzirpen nichts hört. Fast nichts. Einmal schrecke ich hoch, höre etwas wie Wasserrauschen. Am nächsten Tag ist der Rasen feucht, aber woher? Später komme ich dem auf die Schliche: Automatisch gesteuert fahren überall auf dem Gelände ansonsten unsichtbare, ca. 15 Zentimeter hohe Sprinkler aus, die den Rasen und die Beete bewässern.
Es scheint, dass unsere Gastgeber und wir uns sympathisch sind, beim Frühstück kommen wir uns näher. Schön, wenn auch bei geringer Belegung das Frühstück nicht nur aus ein paar Tomaten, einer Scheibe Käse und einem Portions-Plastiknapf Marmelade besteht. Auch für uns zwei – wir sind jetzt ganz alleine – steht ein Buffet mit großer Auswahl zur Verfügung, dazu jeden Tag Eier von eigenen Hühnern, nach Wunsch zubereitet. („Okay“, wird mancher sagen, „bei dem Preis!“, aber das will manchmal auch nichts heißen.)
Während Rendel den Weg zum nächsten Strand ausbaldowert, stromere ich durch den üppigen Garten und mache Fotos. Dann machen wir uns auf einem Motorrad in den Ort auf. Abgesehen von den vielen Restaurants merkt man, zumindest in der Vorsaison bis Mitte Juni, nicht viel vom Tourismus. Besonders gefallen uns die gepflegten Häuschen in der Altstadt. Hin und wieder kann man einen Blick in die Innenhöfe tun, überall quillt einem Blütenpracht entgegen. Die paar baufälligen Häuser werden über kurz oder lang auch restauriert sein.
Vor Jahren hatten wir schon mal die alte Festung besichtigt, die den Bereich am Hafen dominiert. Die Grundstruktur wurde wohl schon früh errichtet, später diente sie dann den Seefahrermächten Genua und Venedig, den Byzantinern und schließlich den Osmanen. Unter Mehmet II., dem Eroberer Konstantinopels, erhielt sie ihre heutige Gestalt, wurde aber in der Folgezeit immer wieder renoviert und erweitert. Heute wollen wir sie etwas genauer unter die Lupe nehmen. Leider merke ich erst bei der Besichtigung, dass die Minimal-Kameraausrüstung, die ich heute dabei habe, der Sache nicht gerecht wird. Wir vereinbaren mit dem Eintrittskartenverkäufer, dass wir später mit demselben Ticket nochmal reindürfen, fahren zum „Mavi Karga“ zurück, um dann am Nachmittag wieder aufzukreuzen, diesmal besser ausgerüstet.
Die Anlage ist äußerst gut erhalten, ähnelt mit ihren schrägen, schwer einzunehmenden Außenmauern ein wenig dem „Krak des Chevaliers“ in Syrien (wenngleich lange nicht so gewaltig). Neben der eigentlichen Festung gibt es noch ein kleines Amphorenmuseum, im Innenhof finden sich zudem noch etliche griechische Grabsteine. Die verwendete Symbolik lässt darauf schließen, dass hier Seeleute begraben liegen. (Im Vertrag von Lausanne 1923 waren Bozcaada und Gökceada der Türkei zugeschlagen worden, die griechischen Bewohner wurden aber ausdrücklich vom ansonsten vereinbarten Bevölkerungsaustausch ausgenommen. Letztlich hat es aber kaum ein Grieche mehr dort ausgehalten, auf Gökceada konnten wir noch einige Griechen kennenlernen.)
Die paar Besucher verlaufen sich ziemlich auf dem großen Areal, aber uns sprechen drei bekopftuchte Türkinnen an – zwei sind Hebammen, eine Krankenschwester. Diese kleinen, unspektakulären Begegnungen schätzen wir an unseren Reisen besonders.
Auch heute nutzen wir am Abend den Taxi-Service, speisen gut, diesmal im „Sandal“, die Flasche Wein trinke ich diesmal jedoch nicht dort, nehme lieber eine aus dem Laden eines Weinguts mit und öffne sie auf unserer Terrasse. Von meinem Smartphone aus beschicke ich den mitgenommenen Bluetooth-Lautsprecher mit unserer Lieblingsmusik – und so klingt der Abend romantisch aus.
Nach dem Frühstück erkundet Rendel wieder die Umgebung, dabei begegnet ihr Lütfiye, unsere „Köchin“, die sie mit zu sich nach Hause nimmt. Sie und ihre Familie haben eine kleine Landwirtschaft. Ihre – sehr höflichen – Söhne gehen auf dem Festland zur Schule und wollen später studieren, aber auch Lütfiye ist eifrig dabei, englisch zu lernen.
Zwar versuche ich immer wieder, Rendels „motorradfahrerischen Aktionsradius“ zu erweitern, den Weg zum höchsten Punkt der Insel, dem Göztepe, auf dem eine große Antennenanlage steht, will sie doch lieber als Sozia bestreiten. Was sich als gute Entscheidung herausstellt, denn der ausgewaschene, mit vielen Felsbrocken gespickte Weg macht auch mir ziemlich Mühe. Von dort hat man einen schönen Rundumblick über die Insel und das umgebende Meer, vor der Südspitze ankern wohl zwanzig, dreißig Frachtschiffe. Wir sputen uns, denn ein Gewitter zieht auf, schaffen es aber noch, um dann das Schauspiel von der Terrasse aus zu verfolgen.
Am letzten Abend starten wir noch einmal zu einer kleinen Inselrundfahrt, die aber immer länger wird, weil sich hinter jeder Kurve noch eine schönere Bucht öffnet. Wir entdecken eine geöffnete Schranke, der Weg dahinter führt zu einer wirklich romantischen Bucht, die wohl normalerweise nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist.
Vier Tage waren wir auf Bozcaada, wirkliche Urlaubstage. Wir zahlen, wobei es uns um keine Lira leid tut, und verabschieden uns von unseren Gastgebern, die, wiewohl es noch sehr früh ist, beide erschienen sind. Nett auch, dass sie uns noch ein Lunchpaket vorbereitet haben, aufmerksamerweise mit genau den Leckereien, die wir hier am liebsten hatten.
Wir sind so früh, weil wir die erste Fähre bekommen wollen. Heute ist es arg windig, wir erinnern uns, wie uns vor Jahren auf der Rückfahrt von Gökceada ein Motorrad umgekippt war. An Troja vorbei halten wir auf die Dardanellen zu. Auf den Dörfern herrscht schon reges Treiben, denn heute, am 7. Juni 2015, ist Parlamentswahl. Ein letztes Mal setzen wir über, um dann über die Gallipoli-Halbinsel zunächst auf Kozan und dann – am „Burger King“ links ab – auf die Grenze zuzuhalten. Wieder mal – trotz meines ausdrücklichen Hinweises, wann kapieren die es endlich? – haben wir beim Zoll Probleme mit meinem Kennzeichen, das ein „İ“ beinhaltet, das die Zöllner manchmal als ein solches, manchmal aber auch als ein türkisches „I“, also ohne Punkt, ansehen, und das fällt dem Computer natürlich auf.

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Ausklang/Fazit

Olympiada

Die heutige Etappe geht über 450 Kilometer, Ziel ist, wie immer seit Jahren, das Hotel „Liotopi“ in Olympiada, also eingangs des Chalkidiki-Fingers, an dessen Ende sich die Mönchsrepublik Athos befindet. Liotopi-Inhaberin Loulou, mittlerweile auch so eine „Freundin auf Zeit“, begrüßt uns herzlich, auch Tina, ihre emsig-fleißige georgischstämmige Hilfe, freut sich riesig, uns wiederzusehen.
Hier lassen wir den Urlaub endgültig ausklingen, genießen die kleine, einsame Bucht, lassen uns von Loulous Kochkünsten verwöhnen, bis wir dann am vierten Tag die kurze Strecke nach Oreokastro antreten, unsere Motorräder bei der Spedition abgeben und von „SKG“, dem Flughafen Thessalonikis, den Heimflug antreten.
Der aufmerksame Leser ahnt, wie das Fazit dieser Reise nur lauten kann, ich schenke es mir also. Besonders schön war, dass selbst wir, die wie oft als „Türkeiexperten“ tituliert werden, oft überrascht worden sind, und dass auch die Suche und das Aufsuchen kleiner und kleinster Sehenswürdigkeiten oft mehr als lohnt.
Die aktuelle Lage in der Türkei lässt es fraglich werden, ob wir die Gegend im nächsten Jahr nochmal werden aufsuchen können. Speziell der Bereich um den Nemrud Dağı birgt noch etliche Schmankerl. Falls wir das Gebiet komplett aussparen müssen, wird es wohl entlang der Schwarzmeerküste nach Georgien und Armenien gehen. Denn so ganz ohne Türkei …

© 2015 Detlev Simon
Stand: 28.10.2015